„Was bedeutet Sickness Behavior, und kann eine Entzündung im Körper wirklich in eine Depression führen?“
Du kennst das von einer Grippe: schwere Glieder, kein Appetit, keine Lust auf Menschen. Und vielleicht kennst du die leise Form: Wochen, in denen du erschöpft bist, dich zurückziehst und dich nichts freut, ohne dass jemand einen Grund findet.
Die mechanische Sicht trennt Körper und Psyche. Ist kein Infekt zu finden, sucht sie die Erklärung in Stimmung und Belastung und behandelt eine Depression mit Psychotherapie und Medikamenten. Das hilft vielen Menschen nachweislich, und das ist ihre Stärke. Und trotzdem: Warum fühlt sich die Niedergeschlagenheit so oft an wie Kranksein, im ganzen Körper?
Die energetische Sicht sagt: Dein Körper zieht sich zurück, um Kraft zu sammeln. Sie spürt richtig, dass Rückzug einen Sinn hat. Und trotzdem: Warum hört der Rückzug manchmal nicht auf, obwohl du dich lange geschont hast?
Die biologische Sicht verbindet beides: Die Übersicht von Dantzer zeigt, wie das Immunsystem im Gehirn Verhalten und Stimmung lenkt.
Oft heißt es: „Gesund werden heißt, Symptome zu bekämpfen.“ Ein gesenktes Symptom ist nicht dasselbe wie ein beendetes Programm: Wird die Stimmung besser, kann die Erschöpfung bleiben, weil das Immunsystem weiter Alarm gibt.
Was im Körper passiert
Stell dir dein Immunsystem als Wache vor, die bei Gefahr nicht nur kämpft, sondern auch die Zentrale alarmiert. Der Alarm sind Zytokine wie IL-1β, IL-6 und TNF-α. Die Zentrale, dein Gehirn, antwortet mit einem Sparprogramm: weniger Antrieb, weniger Appetit, mehr Schlaf, mehr Rückzug (Tier und Mensch; Dantzer et al. 2008). Das spart Energie für die Abwehr und schützt andere vor Ansteckung (Tier; Hart 1988).
Dieses Programm ist für einen Infekt gebaut und soll wieder abschließen. Läuft der Alarm weiter, etwa bei einer Autoimmunerkrankung, verändert er auf Dauer die Botenstoffe im Gehirn. Bei verletzlichen Menschen kann dann aus Krankheitsverhalten eine Depression werden (Modell nach Dantzer).
Wozu tut der Körper das? Unter Gefahr stellt er auf Schutz um, in der Forschung Cell Danger Response: Abwehr vor Aufbau. Dein Körper ist dann nicht kaputt. Er schützt sich, und das kostet Kraft.
Dantzer und Kollegen (2008) fassen zusammen, wie Zytokine aus einer Entzündung im Körper das Gehirn erreichen und dort Krankheitsverhalten auslösen: Müdigkeit, Rückzug, Appetitlosigkeit, Schmerzempfindlichkeit. Hält die Immunaktivierung an, etwa bei Infektionen, Krebs oder Autoimmunerkrankungen, kann daraus bei verletzlichen Menschen eine Depression werden (Tier und Mensch).
Studiendesign: Erzählende Übersichtsarbeit (Review) in Nature Reviews Neuroscience · Tierversuche, Experimente mit gesunden Freiwilligen und Studien an Menschen unter Zytokin-Therapie · Stichprobe keine eigene Stichprobe
Hintergrund
Lange galten Müdigkeit und Niedergeschlagenheit bei körperlich kranken Menschen als verständliche Reaktion auf die Krankheit: Wer krank ist, ist eben bedrückt. Dass Menschen mit chronischen Entzündungen häufiger eine Depression haben, wurde vor allem psychologisch erklärt.
Daneben wuchs ein anderer Befund. Hart (1988) beschrieb das Verhalten kranker Tiere als organisierte Strategie und nicht als Schwäche: Rückzug, Ruhe und weniger Fressen sparen Energie für Fieber und Abwehr (Tier, Übersicht). Beim Menschen sanken nach einer kleinen Dosis eines Bakterienbestandteils Stimmung und Gedächtnis, im Gleichschritt mit dem Anstieg der Zytokine (Mensch; Reichenberg et al. 2001). Die Übersicht von Dantzer und Kollegen bündelt diese Spuren zu einem Bild: Krankheitsverhalten ist ein Programm des Immunsystems im Gehirn, und eine Depression kann seine Verlängerung sein.
Ergebnisse
Drei Wege ins Gehirn. Zytokine sind zu groß, um die Blut-Hirn-Schranke einfach zu passieren. Die Übersicht beschreibt Wege um sie herum: Fasern des Vagusnervs melden eine Entzündung aus dem Bauchraum an den Hirnstamm; an Stellen mit durchlässiger Schranke wirken Zytokine aus dem Blut direkt; und Zellen an den Blutgefäßen des Gehirns geben das Signal nach innen weiter. Bei Tieren schwächt eine Durchtrennung des Vagusnervs im Bauchraum das Krankheitsverhalten nach einer Entzündung im Bauchraum ab (Tier; Dantzer et al. 2008).
Verstärkung im Gehirn. Im Gehirn bilden eigene Immunzellen, die Mikroglia, weitere Zytokine. So wird aus einem Signal von außen ein Programm im Inneren (Tier).
Vom Krankheitsverhalten zur Depression. Zytokine aktivieren das Enzym IDO, das Tryptophan, den Baustein von Serotonin, in den Kynurenin-Weg lenkt. Die Übersicht beschreibt diesen Schritt als möglichen Schalter zwischen Krankheitsverhalten und depressionsähnlichem Verhalten, vor allem aus Tierversuchen (Modell nach Dantzer). Krankheitsverhalten und Depression hängen damit zusammen, laufen aber teils über getrennte Wege.
Das Interferon-Modell am Menschen. Menschen, die Interferon-alpha als Medikament bekommen, entwickeln häufig Müdigkeit und gedrückte Stimmung, ein Teil von ihnen eine Depression (Mensch). Eine Studie mit 40 Menschen mit schwarzem Hautkrebs zeigte die zeitliche Abfolge: Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Schmerz kamen in den ersten zwei Wochen, Stimmung, Angst und Konzentrationsprobleme später. Ein Antidepressivum dämpfte die Stimmungssymptome deutlich besser als Müdigkeit und Appetitlosigkeit (Mensch; Capuron et al. 2002).
Was bedeutet das für dich
Für dich heißt das zuerst: Wenn du dich bei einer Entzündung, nach einem Infekt oder bei einer Autoimmunerkrankung erschöpft, zurückgezogen und freudlos fühlst, ist das keine Einbildung. Es ist ein Programm, das dein Immunsystem im Gehirn auslöst, und es ist am Menschen gut beschrieben (Mensch).
Was daraus nicht folgt: dass jede Müdigkeit oder jede Depression eine Entzündung ist. Die Übersicht zeigt einen Weg, nicht den einzigen. Erhöhte Entzündungswerte finden sich nur bei einem Teil der Menschen mit Depression (Mensch, Übersicht; Miller und Raison 2016). Ob hinter Müdigkeit ohne Infekt eine leise Entzündung steht, ist ein Modell und im Einzelfall selten belegt.
Die Interferon-Daten zeigen außerdem: Müdigkeit und Stimmung sind getrennte Spuren. Wird die Stimmung besser, ist die Erschöpfung nicht automatisch weg. Das kann erklären, warum manche Menschen nach einer Depression noch lange müde bleiben (Modell). Ob eine Depression vorliegt und wie sie behandelt wird, klären Ärztin und Psychotherapeutin mit dir; ob eine entzündliche Erkrankung dahintersteht, klärt deine Ärztin. Wenn Gedanken kommen, nicht mehr leben zu wollen, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111.
Wird die Stimmung besser, ist die Erschöpfung nicht automatisch weg. Müdigkeit und Stimmung laufen auf getrennten Spuren.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel, im Austausch mit dem Immunsystem (Immunmetabolismus).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.
Du kannst eine Woche lang abends notieren, wie viel Kraft du hattest und wie deine Stimmung war, getrennt voneinander.
Du kannst beobachten, ob die Erschöpfung nach Infekten, kurzen Nächten oder Schüben einer Erkrankung stärker wird und wie lange sie anhält.
Und du kannst mit deiner Ärztin oder Psychotherapeutin darüber sprechen, dass sich deine Niedergeschlagenheit auch körperlich anfühlt. Die Begriffe unten helfen, dafür eine gemeinsame Sprache zu finden.
- Kraft und Stimmung getrennt notieren: Eine Woche lang abends zwei Fragen: Wie viel Kraft hatte ich heute? Wie war meine Stimmung? Laufen beide getrennt, ist das ein Hinweis, den du mit deiner Ärztin oder Psychotherapeutin besprechen kannst.
- Den Verlauf nach Infekten beobachten: Notiere, wie lange die Erschöpfung nach einem Infekt oder einem Schub anhält. Dieser Verlauf sagt deiner Ärztin oft mehr als ein einzelner Wert.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die Arbeit ist eine erzählende Übersicht ohne feste Suchregeln; die Autoren wählen die Studien aus, die sie besprechen. Viele Mechanismen stammen aus Tierversuchen, vor allem mit Mäusen und Ratten. Beim Menschen stützen sich die Belege auf kurze Experimente und auf Menschen, die ein Zytokin als Medikament in hoher Menge bekommen. Ob dieselben Wege bei leiser, jahrelanger Entzündung genauso wirken, ist plausibel, aber weniger gut belegt. Die Interferon-Studie ist klein, mit 40 Menschen. Die Übersicht stammt aus dem Jahr 2008; neuere Arbeiten, etwa zu Entzündung bei einem Teil der Menschen mit Depression, ergänzen sie (Miller und Raison 2016).