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Glossar · Regenerationsmedizin

Peroxynitrit (ONOO-): Entstehung und Wirkung in der Zelle

Auch: ONOO- · Peroxynitrite · Peroxinitrit · Peroxonitrit · nitrosativer Stress
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Peroxynitrit bildet sich, wenn Stickstoffmonoxid und Superoxid aufeinandertreffen; die Reaktion ist so schnell, dass sie mit der Superoxiddismutase um das Superoxid konkurriert (Zelle; Beckman & Koppenol, 1996).
  • Es hängt eine Nitrogruppe an die Aminosäure Tyrosin in Eiweißen; das Produkt 3-Nitrotyrosin dient in der Forschung als Spur von Peroxynitrit (Zelle; Radi, 2013).
  • In Gewebe von Menschen mit entzündlichen, Herz-Kreislauf- und neurodegenerativen Erkrankungen wurde vermehrt 3-Nitrotyrosin gefunden, ein Zusammenhang, kein Beweis für die Ursache (Mensch; Pacher et al., 2007).

„Was ist Peroxynitrit, wie entsteht es in meinem Körper, und warum taucht es bei chronischer Entzündung auf?“

Vielleicht bist du beim Lesen über Erschöpfung, Entzündung oder „nitrosativen Stress“ auf das Wort Peroxynitrit gestoßen. Es klingt nach Chemielabor, und du fragst dich, ob es auch in dir entsteht und was es dort anrichtet.

Die mechanische Sicht sagt: Peroxynitrit ist ein Schadstoff. Man misst den Schaden, etwa als 3-Nitrotyrosin, und sucht Stoffe, die es abfangen. Diese Sicht ist stark, sie erklärt Gewebeschäden bei Schock, nach Durchblutungsstörungen und bei schwerer Entzündung, und sie hat die Forschung an Abfangstoffen vorangebracht (Pacher et al., 2007). Und trotzdem: Warum entsteht es auch in gesunden Zellen in kleinen Mengen, und warum gibt es bis heute kein zugelassenes Mittel, das es gezielt abfängt?

Die energetische Sicht sagt: Belastungen sammeln sich im Körper an und müssen ausgeleitet werden. Sie spürt richtig, dass Entzündung und Erschöpfung sich gegenseitig verstärken können. Und trotzdem: Peroxynitrit lebt nur Bruchteile einer Sekunde. Es gibt nichts, das sich anhäuft und ausgeleitet werden könnte, nur die Bedingungen, unter denen es immer wieder neu entsteht.

Die biologische Sicht verbindet beides: Peroxynitrit ist die Spur zweier Signale, die zu lange zusammentreffen. Entzündung liefert Stickstoffmonoxid, gestresste Mitochondrien liefern Superoxid.

Oft heißt es: „Krankes muss man zerstören oder blockieren.“ Peroxynitrit fängt man nicht einfach weg. Es entsteht, wenn zwei nützliche Signale zu lange zusammentreffen; die Frage ist, warum beide so lange laufen.

Was im Körper passiert

Stell dir zwei Haushaltsreiniger vor. Jeder ist für sich nützlich, gemischt entsteht ein Gas, das die Atemwege reizt. Stickstoffmonoxid und Superoxid sind solche Partner: Beide haben in deinen Zellen eine Aufgabe, zusammen bilden sie Peroxynitrit.

Stickstoffmonoxid ist ein Botenstoff, der Gefäße weitet und Abwehrzellen hilft. Superoxid entsteht in den Mitochondrien, wenn Elektronen der Atmungskette vorzeitig auf Sauerstoff übergehen. Treffen beide aufeinander, reagieren sie fast ohne Verzögerung zu Peroxynitrit (Zelle; Beckman & Koppenol, 1996).

Normalerweise passiert das selten. Die Superoxiddismutase fängt Superoxid ab, weil sie in großer Menge da ist. Bei Entzündung aber schalten Abwehrzellen ein Enzym an, die iNOS, das über Stunden bis Tage viel Stickstoffmonoxid bildet. Sind zugleich die Mitochondrien unter Druck und bilden mehr Superoxid, gewinnt die Reaktion zum Peroxynitrit (Zelle; Beckman & Koppenol, 1996).

Peroxynitrit oxidiert dann Schwefelgruppen in Eiweißen, hängt Nitrogruppen an Tyrosin und greift Fette in Membranen und Bausteine des Erbguts an. Ein großer Teil reagiert vorher mit Kohlendioxid; dabei entstehen kurzlebige Radikale, die den Schaden übertragen (Zelle; Radi, 2013).

Gerade die Mitochondrien sind betroffen. Peroxynitrit kann Komplexe der Atmungskette und die mitochondriale Superoxiddismutase (SOD2) hemmen. Dann entsteht noch mehr Superoxid, und mehr Peroxynitrit. So kann ein Kreislauf aus Entzündung und gestressten Mitochondrien entstehen, der sich selbst erhält (Zelle und Tier; Pacher et al., 2007). Die Mitochondrien sind darin Sensor und Effektor: Sie erleben den Stress und verstärken ihn zugleich.

Peroxynitrit (ONOO-): Entstehung und Wirkung in der Zelle: Peroxynitrit (ONOO-) ist ein starkes Oxidans, das entsteht, wenn Stickstoffmonoxid und Superoxid aufeinandertreffen. Es lebt nur Bruchteile einer Sekunde, verändert in dieser Zeit aber Eiweiße, Fette und Erbgut, teils irreversibel. Vermehrt bildet es sich, wenn Entzündung und gestresste Mitochondrien zusammenkommen.

Wie Peroxynitrit entsteht. Stickstoffmonoxid (NO) und Superoxid (O₂⁻) sind beide Radikale. Sie verbinden sich zu Peroxynitrit (ONOO-), schneller, als die meisten anderen Reaktionen in der Zelle ablaufen. Wie viel entsteht, hängt davon ab, wie viel von beiden zur selben Zeit am selben Ort ist. Steigen beide auf das Zehnfache, steigt Peroxynitrit auf das Hundertfache (Beckman & Koppenol, 1996).

Woher die Bausteine kommen. Stickstoffmonoxid stammt aus den NO-Synthasen, bei Entzündung vor allem aus der iNOS in Abwehrzellen. Superoxid stammt aus der Atmungskette der Mitochondrien, aus NADPH-Oxidasen der Abwehrzellen und aus einer entkoppelten eNOS in den Gefäßen, die statt NO Superoxid bildet (Pacher et al., 2007).

Tyrosinnitrierung. Peroxynitrit und die Radikale, die aus ihm entstehen, hängen eine Nitrogruppe an die Aminosäure Tyrosin. Es entsteht 3-Nitrotyrosin. Ein so verändertes Eiweiß kann seine Form und Aufgabe verlieren. Bekannt ist das unter anderem für die SOD2 in den Mitochondrien (Radi, 2013).

Fette, Erbgut und Energie. Peroxynitrit startet die Oxidation ungesättigter Fettsäuren in Membranen, darunter Cardiolipin in der inneren Mitochondrienmembran. Je mehr Doppelbindungen eine Fettsäure hat, desto leichter oxidiert sie. Am Erbgut verursacht es Strangbrüche und oxidierte Basen. Das aktiviert das Reparaturenzym PARP, das bei Überaktivierung viel NAD+ und damit Energie verbraucht (Pacher et al., 2007).

Irreversibel oder nicht? Irreversibel heißt: nicht umkehrbar. Manche Veränderungen durch Peroxynitrit, etwa an Schwefelgruppen, kann die Zelle zurückdrehen. Andere, wie die Nitrierung von Tyrosin oder Strangbrüche, muss sie durch Abbau und Neubau des Eiweißes oder durch Reparatur beheben (Radi, 2013).

Abbau. Es gibt kein Enzym, das nur für Peroxynitrit zuständig ist. Peroxiredoxine und die Glutathionperoxidase, die Selen enthält, bauen einen Teil ab; ein großer Teil reagiert mit Kohlendioxid (Radi, 2013). Der wichtigste Schutz ist darum, dass nicht dauerhaft viel NO und viel Superoxid zugleich entstehen.

3-Nitrotyrosin als Marker. In der Forschung gilt 3-Nitrotyrosin in Gewebe als Spur von Peroxynitrit. Erhöhte Werte wurden bei vielen entzündlichen, Herz-Kreislauf- und neurodegenerativen Erkrankungen beschrieben (Pacher et al., 2007). Für Blut oder Urin gibt es Tests, aber keinen einheitlichen Standard.

zum Merken
Peroxynitrit ist kein Gift von außen. Es entsteht, wenn Entzündung und gestresste Mitochondrien zu lange zusammentreffen.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Neurometabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst beobachten, ob deine Beschwerden nach Infekten, Verletzungen oder anderen Entzündungen stärker werden und wie lange das anhält. Dieses Muster ist ein guter Baustein für das Gespräch mit deiner Ärztin.

Wenn du einen Befund zu „nitrosativem Stress“ oder Nitrotyrosin hast, kannst du nachsehen, was genau gemessen wurde und welchen Referenzbereich das Labor angibt.

Und du kannst Entzündungswerte, die schon bestimmt wurden, mit deiner Ärztin besprechen. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Wie Peroxynitrit entsteht und was es an Eiweißen, Fetten und Erbgut verändert, ist an Zellen und Tieren gut belegt. Beim Menschen ist 3-Nitrotyrosin in erkranktem Gewebe vermehrt gefunden worden; das zeigt einen Zusammenhang, nicht, dass Peroxynitrit die Erkrankung verursacht. Dass ein Kreislauf aus Stickstoffmonoxid und Peroxynitrit chronische Erschöpfung erhält, ist ein Modell, das unter anderem Martin Pall formuliert hat; beim Menschen ist es nicht belegt. Tests auf Nitrotyrosin in Blut oder Urin sind nicht einheitlich, und für Mittel, die Peroxynitrit abfangen sollen, gibt es keine belegten Ergebnisse am Menschen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Stickstoffstress in den Zellen: nitrosativer Stress, Peroxynitrit
  • Ein Wert für diesen Schaden: 3-Nitrotyrosin
  • Eine Entzündung, die bleibt: chronische Entzündung, hsCRP
  • Meine Zellen machen zu wenig Energie: mitochondriale Dysfunktion
  • Meine Gefäße arbeiten schlechter: endotheliale Dysfunktion, eNOS-Entkopplung
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Quellen (3)

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

“
Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
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