Polyvagaltheorie (nach Stephen Porges)
Polyvagaltheorie (nach Stephen Porges) — Die Polyvagaltheorie, formuliert von Stephen Porges (1994/2011), beschreibt drei hierarchisch organisierte Zustände des autonomen Nervensystems: den ventralen Vaguskomplex (soziale Verbundenheit und Sicherheit), das sympathische Nervensystem (Kampf/Flucht) und den dorsalen Vaguskomplex (Erstarrung/Shutdown). Die Theorie erklärt, wie der Körper Sicherheit und Bedrohung über das Konzept der Neurozeption unbewusst bewertet.
Die Polyvagaltheorie erweitert das klassische Modell des autonomen Nervensystems (Sympathikus vs. Parasympathikus) um eine dritte Ebene und eine hierarchische Ordnung:
Die drei Stufen (von evolutionär jüngst zu ältesteste):
Ventraler Vaguskomplex (Social Engagement System): Evolutionär jüngster Zweig, nur bei Säugetieren vorhanden. Myelinisierte vagale Fasern innervieren Kehlkopf, Gesichtsmuskeln, Mittelohr und Herz. Ermöglicht Prosodie (melodische Sprache), Gesichtsausdruck, Zuhören und soziale Verbundenheit. Physiologisch: Ruhiger Herzschlag, tiefe Atmung, entspannter Darm, lernfähiger Zustand. Dieser Zustand wird aktiviert, wenn das Nervensystem Sicherheit erkennt.
Sympathisches Nervensystem (Mobilisation): Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Wird aktiviert, wenn Gefahr erkannt wird und Mobilisation möglich erscheint. Herzfrequenz steigt, Adrenalin/Noradrenalin werden ausgeschüttet, Blut wird in die Muskulatur umgeleitet, Verdauung und Immunfunktion werden heruntergefahren.
Dorsaler Vaguskomplex (Immobilisation/Shutdown): Evolutionär ältester Zweig. Unmyelinisierte vagale Fasern. Wird aktiviert bei lebensbedrohlicher Gefahr, wenn Kampf/Flucht nicht möglich ist. Herzfrequenz sinkt drastisch, Blutdruck fällt, Dissoziation, Ohnmacht, 'Totstellreflex'. Bei chronischer Aktivierung: Erschöpfung, Apathie, Rückzug, Dissoziation.
Neurozeption: Porges' zentrales Konzept: Das Nervensystem bewertet Sicherheit und Bedrohung unbewusst - ohne Beteiligung des bewussten Denkens. Gesichtsausdruck, Stimmlage, Körperhaltung, aber auch interozeptive Signale (Entzündungsmediatoren, Herzratenvariabilität) fließen in die Neurozeption ein. Eine 'fehlerhafte Neurozeption' - z. B. Sicherheit als Bedrohung bewerten oder Bedrohung als sicher - wird als Kernproblem bei PTBS, Angststörungen und chronischer Erschöpfung betrachtet.
— Die MOJO Perspektive
Die Polyvagaltheorie liefert das Rahmenmodell für die Nervensystem-Säule der Regenerationsmedizin: Chronische Erkrankungen gehen fast immer mit einer Dysregulation des autonomen Nervensystems einher - sei es sympathische Überaktivierung (chronischer Stress, Schlafstörungen, Immunsuppression) oder dorsaler Shutdown (Erschöpfung, Dissoziation, Apathie). Die Wiederherstellung der ventralen vagalen Dominanz - also die Fähigkeit, Sicherheit zu empfinden und sozial verbunden zu sein - ist eine Voraussetzung für die Heilung aller drei Regulationssysteme.
Das Wichtigste in Kürze
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— Erkennen · Verstehen · Verändern
Erkennen
Verstehen
Verändern

Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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