Wie wird Reizdarm diagnostiziert?
Die Vorstellung, Reizdarm sei eine Diagnose, die man erst stellen darf, wenn alles andere ausgeschlossen wurde, hat zu langen Diagnoseverzögerungen und unnötiger Überdiagnostik geführt. Die moderne Gastroenterologie hat sich davon verabschiedet.
Das Reizdarmsyndrom wird heute positiv diagnostiziert: Die Rome-IV-Kriterien definieren klare Symptommuster (wiederkehrende Bauchschmerzen + Zusammenhang mit Stuhlveränderungen). Ergänzend werden Warnsymptome ausgeschlossen und gezielte Basisdiagnostik durchgeführt (Blutbild, CRP, Zöliakie-Antikörper, Calprotectin). IBS ist keine reine Ausschlussdiagnose mehr.
Die Diagnose des Reizdarmsyndroms basiert auf den Rome-IV-Kriterien (Drossman, 2016): Wiederkehrende Bauchschmerzen, durchschnittlich mindestens 1 Tag pro Woche in den letzten 3 Monaten, mit Symptombeginn mindestens 6 Monate vor der Diagnose, verbunden mit mindestens 2 von 3 Kriterien: (1) Zusammenhang mit der Stuhlentleerung, (2) Veränderung der Stuhlfrequenz, (3) Veränderung der Stuhlform (Bristol-Stuhlformen-Skala).
Entscheidend: IBS ist heute eine positive Diagnose, nicht nur eine Ausschlussdiagnose. Wenn die Rome-IV-Kriterien erfüllt sind und keine Warnsymptome vorliegen, kann die Diagnose mit hoher Sicherheit gestellt werden.
Warnsymptome, die eine erweiterte Diagnostik erfordern: Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber, nächtliche Symptome (wecken aus dem Schlaf), Beginn nach dem 50. Lebensjahr, familiäre Belastung für CED oder Darmkrebs.
Die empfohlene Basisdiagnostik umfasst: Blutbild, CRP (Entzündungsmarker), Zöliakie-Serologie (tTG-IgA), fäkales Calprotectin (unterscheidet funktionelle von entzündlichen Darmerkrankungen). Bei IBS-D zusätzlich: Stuhluntersuchung auf Parasiten, ggf. Gallensäure-Malabsorptionstest.
Im Detail
Ford et al. (2020, The Lancet) empfehlen einen „positive diagnostic approach": Wenn die Rome-IV-Kriterien erfüllt sind, keine Warnsymptome vorliegen und die Basislabordiagnostik unauffällig ist, kann die IBS-Diagnose mit einem positiven prädiktiven Wert von >95 % gestellt werden. Ausgedehnte endoskopische Diagnostik ist bei jungen Patienten ohne Warnsymptome in der Regel nicht erforderlich.
Zur Subtyp-Klassifikation wird die Bristol-Stuhlformen-Skala verwendet: Typ 1–2 = Verstopfung (IBS-C), Typ 6–7 = Durchfall (IBS-D), wechselnd = gemischter Typ (IBS-M). Der Subtyp bestimmt den therapeutischen Ansatz.
Bei postinfektiösem Verdacht ist die Anamnese entscheidend: Thabane et al. (2007, Alimentary Pharmacology & Therapeutics) zeigten in einer Meta-Analyse, dass das Risiko für IBS nach einer akuten bakteriellen Gastroenteritis 6-fach erhöht ist. Die Frage nach einem Auslöser-Infekt gehört zur IBS-Diagnostik.
— Die MOJO Perspektive
Die Diagnose ist der erste Schritt – aber nicht der letzte. In der Regenerationsmedizin interessiert uns nach der Rome-IV-Diagnose die Frage: Welche der drei Achsen ist am stärksten betroffen? Ist es primär die Nervensystem-Dysregulation (viszerale Hypersensitivität, autonome Dysfunktion)? Die Mikrobiom-Achse (Dysbiose, SIBO, Mastzellaktivierung)? Oder die psychosoziale Achse (chronischer Stress, Trauma, Angst-Vermeidung)? Diese Differenzierung geht über Rome IV hinaus und ermöglicht eine gezieltere Intervention.
Das Wichtigste in Kürze
- 1IBS wird heute positiv diagnostiziert nach Rome-IV-Kriterien – nicht mehr nur als Ausschlussdiagnose.
- 2Rome IV: Wiederkehrende Bauchschmerzen ≥1x/Woche über 3 Monate + Zusammenhang mit Stuhlveränderungen.
- 3Basisdiagnostik: Blutbild, CRP, Zöliakie-Serologie, fäkales Calprotectin – bei Warnsymptomen erweiterte Diagnostik.
- 4Positiver prädiktiver Wert >95 % bei erfüllten Kriterien ohne Warnsymptome (Ford et al., 2020).
- 5Nach akuter Gastroenteritis ist das IBS-Risiko 6-fach erhöht – Infektanamnese gehört zur Diagnostik (Thabane et al., 2007).
Verwandte Fragen
Brauche ich eine Darmspiegelung bei Reizdarm?
Was ist fäkales Calprotectin?
Was sind die Bristol-Stuhlformen?
Quellen & Referenzen
- Functional Gastrointestinal Disorders: History, Pathophysiology, Clinical Features and Rome IV
- Irritable bowel syndrome
- Systematic review and meta-analysis: the incidence and prognosis of post-infectious irritable bowel syndromeThabane M., Kottachchi D.T., Marshall J.K. – Alimentary Pharmacology & Therapeutics (2007) DOI: 10.1111/j.1365-2036.2007.03399.x
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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