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FAQ · Diagnosen & Krankheitsbilder

Kann Reizdarm nach Infektionen entstehen?

Viele Menschen erinnern sich genau, wann es anfing: nach einer Lebensmittelvergiftung, einem Magen-Darm-Infekt oder einer Reise. Diese Frage ist wichtig, weil der postinfektiöse Reizdarm zu den am besten untersuchten Formen des Reizdarms gehört (Ford et al., 2020) und zeigt, dass Reizdarm einen klaren biologischen Anfang haben kann.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Etwa jeder zehnte Mensch entwickelt nach einem Magen-Darm-Infekt einen Reizdarm (Mensch, Metaanalyse).
  • Das Risiko ist nach einer Infektion rund vier- bis sechsmal so hoch wie ohne (Mensch, Metaanalysen).
  • Nach Parasiten wie Giardia ist ein postinfektiöser Reizdarm am häufigsten, nach Viren am seltensten (Mensch, Metaanalyse).

„Seit einem Magen-Darm-Infekt ist mein Darm nicht mehr wie vorher. Kann daraus ein Reizdarm entstanden sein?“

Der postinfektiöse Reizdarm zeigt, wie ein Schutzprogramm länger läuft als die Gefahr, die es ausgelöst hat. Eine Infektion trifft Immunsystem, Nervensystem und Darmbakterien zugleich; die Infektion heilt aus, die Alarmbereitschaft bleibt. Aus Sicht der Regenerationsmedizin ist darum nicht die längst verschwundene Infektion die Frage, sondern was die Darmwand braucht, um wieder in Sicherheit zu schalten. Krankheit kann chronisch werden. Gesundheit auch.

Oft heißt es: „Ein Keim hat mich krank gemacht, ich muss ihn finden und bekämpfen.“ Der Erreger ist meist längst weg. Was bleibt, ist eine Darmwand, deren Abwehr und Nerven noch auf Alarm stehen, und die kann wieder zur Ruhe kommen.

Ja. Ein Reizdarm kann nach einer Infektion des Darms entstehen; Fachleute sprechen vom postinfektiösen Reizdarm. Thabane et al. (2007) fassten in einer Metaanalyse zusammen, dass etwa jeder zehnte Mensch nach einer akuten Magen-Darm-Infektion einen Reizdarm entwickelt und dass das Risiko rund sechsmal so hoch ist wie ohne Infektion (Mensch, Metaanalyse). Klem et al. (2017) bestätigten das mit einer größeren Metaanalyse: Ein Jahr nach der Infektion hatten etwa 10 von 100 Betroffenen einen Reizdarm, das Risiko war rund viermal so hoch wie bei Menschen ohne Infektion (Mensch, Metaanalyse).

Auslöser können Bakterien wie Campylobacter, Salmonellen oder Shigellen sein, Viren wie das Norovirus und Parasiten wie Giardia. Nach Parasiten trat ein Reizdarm in den Studien am häufigsten auf, nach Viren am seltensten (Mensch; Klem et al., 2017). Die Rome Foundation spricht von einem postinfektiösen Reizdarm, wenn die Beschwerden direkt nach einem akuten Infekt des Darms beginnen, die Kriterien für einen Reizdarm erfüllen und vorher kein Reizdarm bestand (Barbara et al., 2019).

Zwei Sichten, die viele kennen. Die mechanische Sicht sagt: Die Infektion ist ausgeheilt, die Stuhlproben sind sauber, also ist der Darm wieder gesund. Das ist richtig, denn der Erreger ist meist tatsächlich weg, und eine sichere Abklärung schützt vor übersehenen Erkrankungen. Und trotzdem: Warum fühlt sich der Darm Monate später an, als wäre die Infektion noch da?

Die energetische Sicht sagt: Die Infektion hat den Darm aus dem Gleichgewicht gebracht, und seine Mitte muss sich erst wieder ordnen. Sie spürt richtig, dass der Körper Zeit braucht, um nach einer schweren Belastung zurückzufinden. Und trotzdem: Was genau ist in der Darmwand anders als vorher?

Die biologische Sicht zeigt es: Die Infektion ist vorbei, aber die Abwehr und die Nerven der Darmwand stehen noch auf Alarm. Dein Darm ist nicht kaputt. Er schützt sich noch.

Im Detail

Was in der Darmwand zurückbleibt. Eine Infektion löst in der Darmschleimhaut eine Abwehrreaktion aus. Bei Menschen mit postinfektiösem Reizdarm klingt sie nicht ganz ab: Es finden sich mehr Abwehrzellen in der Schleimhaut, mehr Zellen, die den Botenstoff Serotonin bilden, und eine durchlässigere Darmwand (Mensch; Barbara et al., 2019). Barbara et al. (2004) zeigten bei Reizdarm, dass aktivierte Mastzellen, Wächterzellen des Immunsystems, nah an Nervenfasern der Darmwand liegen und ihre Botenstoffe die Nerven empfindlicher machen; die Stärke der Bauchschmerzen hing damit zusammen (Mensch). Der Darm meldet dann Dehnung und Bewegung lauter als vorher.

Die Darmbakterien. Eine Infektion und oft auch Antibiotika verändern die Gemeinschaft der Darmbakterien, das Mikrobiom. Enck et al. (2016) beschreiben veränderte Darmbakterien als einen der Wege, die zum Reizdarm beitragen (Mensch, Übersicht). Eine Forschungsgruppe hat zudem Antikörper beschrieben, die nach bestimmten bakteriellen Infektionen entstehen und die Nervensteuerung der Darmbewegung stören könnten; das ist eine Hypothese, die noch nicht unabhängig bestätigt ist (Modell).

Wer ein höheres Risiko hat. Klem et al. (2017) fanden ein höheres Risiko bei Frauen, nach Antibiotika, nach einer schweren Infektion mit langem Durchfall oder Fieber und bei Menschen, die zur Zeit der Infektion seelisch stark belastet waren (Mensch, Metaanalyse). Das heißt nicht, dass der Reizdarm „psychisch“ ist. Ein Körper, der zur Zeit der Infektion schon unter Anspannung steht, schaltet leichter in einen anhaltenden Schutzmodus.

Was wir nicht wissen. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass sich die Beschwerden bei vielen über Jahre bessern, bei einem Teil aber bleiben (Mensch; Barbara et al., 2019). Warum die Abwehrreaktion bei manchen abklingt und bei anderen nicht, ist nicht geklärt. Studien, die gezielt zeigen, was diesen Übergang beim postinfektiösen Reizdarm beschleunigt, sind klein und uneinheitlich. Blut im Stuhl, Fieber, nächtlicher Durchfall, ungewollter Gewichtsverlust, ein Beginn nach 50 oder Darmkrebs und chronisch entzündliche Darmerkrankungen in der Familie passen nicht zum Reizdarm und gehören in die ärztliche Abklärung.

zum Merken
Der Erreger ist weg. Was bleibt, ist ein Darm, der sich noch schützt.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass ein Reizdarm nach einer Magen-Darm-Infektion entstehen kann, ist gut belegt (Mensch, mehrere Metaanalysen). Die Veränderungen in der Darmwand sind beim Menschen gemessen, warum sie bei manchen bleiben und bei anderen abklingen, ist offen. Die Antikörper-Hypothese ist nicht unabhängig bestätigt. Studien, die zeigen, was den postinfektiösen Reizdarm gezielt verändert, sind klein. Warnzeichen wie Blut im Stuhl, Fieber, nächtlicher Durchfall oder ungewollter Gewichtsverlust gehören in die ärztliche Abklärung.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Seit dem Magen-Darm-Infekt habe ich Reizdarm: postinfektiöses Reizdarmsyndrom (PI-IBS)
  • Mein Darm meldet alles lauter: viszerale Hypersensitivität
  • Meine Darmwand ist vielleicht durchlässiger: intestinale Permeabilität
  • Die Bakterien in meinem Darm haben sich verändert: Dysbiose des Darmmikrobioms
  • Ich möchte eine Entzündung im Darm ausschließen: Calprotectin im Stuhl
  • Ich hatte damals Fieber und blutigen Durchfall: akute infektiöse Gastroenteritis
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Was ist ein postinfektiöser Reizdarm?

Ein postinfektiöser Reizdarm ist ein Reizdarm, der direkt nach einer Infektion des Darms beginnt, bei Menschen, die vorher keinen Reizdarm hatten (Barbara et al., 2019). Typisch sind Bauchschmerzen mit Durchfall oder wechselndem Stuhl. Die Diagnose stellt die Ärztin nach den Rome-IV-Kriterien und nachdem andere Ursachen ausgeschlossen sind.

Geht ein postinfektiöser Reizdarm wieder weg?

Bei vielen ja, aber nicht bei allen. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass sich die Beschwerden bei einem großen Teil der Betroffenen über Monate bis Jahre bessern, während sie bei einem Teil bleiben (Mensch; Barbara et al., 2019). Wie lange es bei dir dauert, lässt sich nicht vorhersagen. Die Jahre dazwischen können belastend sein, und es lohnt sich, sie nicht allein zu tragen.

Können auch Parasiten einen Reizdarm auslösen?

Ja. In der Metaanalyse von Klem et al. (2017) trat ein Reizdarm nach Infektionen mit Parasiten wie Giardia sogar am häufigsten auf (Mensch). Ob andere Darmbewohner wie Blastocystis eine Rolle spielen, ist umstritten; die Studienlage ist hier uneinheitlich.

Welche Infekte lösen am häufigsten einen Reizdarm aus?

Am häufigsten untersucht sind bakterielle Infektionen mit Campylobacter, Salmonellen oder Shigellen, dazu Parasiten wie Giardia und Viren wie das Norovirus (Mensch; Klem et al., 2017). Nach Parasiten war das Risiko am höchsten, nach Viren am niedrigsten. Je schwerer und länger die Infektion verlief, desto häufiger blieb ein Reizdarm zurück.

Ist ein Reizdarm nach einem Infekt psychisch?

Nein. Seelische Belastung zur Zeit der Infektion erhöht zwar das Risiko (Mensch; Klem et al., 2017), aber die Veränderungen sind im Körper messbar: mehr Abwehrzellen in der Darmschleimhaut, empfindlichere Nerven, eine veränderte Darmflora (Mensch). Seele und Darm sind über Nerven und Botenstoffe verbunden; sie gegeneinander auszuspielen, erklärt nichts.
Quellen (4)
  • Systematic review and meta-analysis: the incidence and prognosis of post-infectious irritable bowel syndrome
    Thabane M., Kottachchi D.T., Marshall J.K. – Alimentary Pharmacology & Therapeutics (2007) DOI: 10.1111/j.1365-2036.2007.03399.x
  • Activated mast cells in proximity to colonic nerves correlate with abdominal pain in irritable bowel syndrome
    Barbara G., Stanghellini V., De Giorgio R. et al. – Gastroenterology (2004) DOI: 10.1053/j.gastro.2003.11.055
  • Irritable bowel syndrome
    Enck P., Aziz Q., Barbara G. et al. – Nature Reviews Disease Primers (2016) DOI: 10.1038/nrdp.2016.14
  • Irritable bowel syndrome
    Ford A.C., Sperber A.D., Corsetti M. et al. – The Lancet (2020) DOI: 10.1016/S0140-6736(20)31548-8
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