Reizdarm oder SIBO – wo liegt der Unterschied?
Die Frage „IBS oder SIBO?" wird in der Gastroenterologie kontrovers diskutiert. Die Wahrheit ist: Es ist häufig kein Entweder-oder. SIBO kann als ein Mechanismus unter mehreren zu den Symptomen des Reizdarmsyndroms beitragen.
SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth) und IBS sind nicht dasselbe – aber sie überlappen erheblich. Studien zeigen, dass 30–78 % der IBS-Patienten einen positiven Atemtest auf bakterielle Fehlbesiedlung haben. SIBO kann eine Ursache oder ein Verstärker von IBS-Symptomen sein. Die Unterscheidung ist klinisch relevant, weil SIBO gezielt behandelt werden kann.
IBS ist eine Syndrom-Diagnose: ein Muster aus Symptomen (Bauchschmerzen, veränderte Stuhlgewohnheiten), definiert durch die Rome-IV-Kriterien. SIBO ist eine mikrobiologische Diagnose: eine übermäßige Bakterienbesiedlung des Dünndarms, die dort nicht hingehört und zu Fermentation, Gasbildung und Malabsorption führt.
Die Überlappung ist erheblich. Pimentel et al. (2000, American Journal of Gastroenterology) fanden bei 78 % der IBS-Patienten einen positiven Lactulose-Atemtest, der auf SIBO hindeutet. Spätere Studien mit strengeren Kriterien zeigten niedrigere Raten (30–40 %), aber die Überlappung bleibt konsistent signifikant.
Warum diese Überlappung? Der Migrating Motor Complex (MMC) – die zyklische „Reinigungswelle" des Dünndarms im Nüchternzustand – ist bei vielen IBS-Patienten gestört. Wenn der MMC nicht effektiv arbeitet, können Bakterien aus dem Dickdarm in den Dünndarm aufsteigen und sich dort vermehren. Die gestörte Motilität verbindet also beide Diagnosen mechanistisch.
SIBO produziert durch Fermentation im Dünndarm Gase (Wasserstoff, Methan), die Blähungen, Durchfall (H2-dominant) oder Verstopfung (Methan-dominant) verursachen. Methanogene Archaeen (IMO – Intestinal Methanogen Overgrowth) sind dabei besonders mit IBS-C assoziiert.
Im Detail
Die diagnostische Herausforderung: Der Lactulose-Atemtest als häufigster SIBO-Test hat eine eingeschränkte Sensitivität und Spezifität. Falsch-positive Ergebnisse sind häufig, weil die Lactulose selbst die Dickdarmfermentation beschleunigt. Der Glukose-Atemtest ist spezifischer, erfasst aber nur eine proximale SIBO. Die Dünndarm-Aspiration (Jejunum-Kultur) gilt als Goldstandard, ist aber invasiv und in der Praxis selten verfügbar.
Pimentel et al. (2003, Digestive Diseases and Sciences) beschrieben auch den Zusammenhang zwischen Lebensmittelvergiftung, Anti-Vinculin-Antikörpern und gestörtem MMC: Eine akute Gastroenteritis kann Autoantikörper gegen Vinculin (ein Protein der interstitiellen Cajal-Zellen) auslösen, die den MMC dauerhaft schädigen – ein pathophysiologischer Link zwischen postinfektiösem IBS und SIBO.
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin fragen wir nicht „IBS oder SIBO?", sondern: „Was treibt deine Symptome?" SIBO ist ein häufiger, behandelbarer Faktor innerhalb des IBS-Spektrums. Die Motilitätsstörung (MMC), die SIBO begünstigt, hängt wiederum am Vagusnerv und am vegetativen Nervensystem. Wer nur die Bakterien behandelt, ohne die Motilität und die Nervensystem-Regulation zu adressieren, erlebt häufig Rückfälle.
Das Wichtigste in Kürze
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Verwandte Fragen
Wie wird SIBO diagnostiziert?
Kann SIBO geheilt werden?
Was ist der Migrating Motor Complex (MMC)?
Quellen & Referenzen
- Eradication of small intestinal bacterial overgrowth reduces symptoms of irritable bowel syndromePimentel M., Chow E.J., Lin H.C. – The American Journal of Gastroenterology (2000) DOI: 10.1038/ajg.2014.187
- Irritable bowel syndromeEnck P., Aziz Q., Barbara G. et al. – Nature Reviews Disease Primers (2016) DOI: 10.1038/nrdp.2016.14
- Irritable bowel syndrome
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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