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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

MCAS bei Reizdarm: was Mastzellen im Darm auslösen können

Mastzellen im Darm sitzen dicht an den Nerven. Was sie bei Reizdarm mit Blähungen, Durchfall und Verstopfung zu tun haben und was MCAS davon unterscheidet.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Bei Reizdarm sitzen in der Darmschleimhaut oft mehr aktivierte Mastzellen dicht an den Nerven; je näher, desto stärker die Schmerzen (Mensch; Barbara et al., 2004).
  • Histamin und Tryptase aus diesen Mastzellen machen Schmerznerven in der Darmwand empfindlicher (Mensch, Tier; Barbara et al., 2007).
  • Seelischer Stress macht den Darm über Mastzellen durchlässiger (Mensch; Vanuytsel et al., 2014).

Moderate Evidenz. Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.

„Steckt hinter meinem Reizdarm vielleicht MCAS, und was beruhigt die Mastzellen im Darm?“

Du kennst das vielleicht: Die Diagnose lautet Reizdarm, aber dein Bauch reagiert auf Dinge, die mit Verdauung wenig zu tun haben. Nach bestimmten Lebensmitteln kommen nicht nur Blähungen und Durchfall, sondern auch Hitze im Gesicht, Kopfschmerzen oder juckende Haut. An stressigen Tagen ist alles schlimmer. Und irgendwann liest du: MCAS.

Die mechanische Sicht der Medizin prüft, ob eine Entzündung, eine Zöliakie oder eine Unverträglichkeit dahintersteckt, und stellt die Diagnose Reizdarm, wenn diese Befunde unauffällig sind. Für die Beschwerden gibt es Ernährungswege und Medikamente, die den Darm beruhigen oder verlangsamen (Mensch). Und trotzdem: Warum reagiert dein Darm auf Auslöser, die außerhalb des Darms ebenfalls Beschwerden machen?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde setzt auf Darmsanierung: Der Darm soll gereinigt, die Darmflora neu aufgebaut, die Schleimhaut beruhigt werden. Sie hat recht damit, dass der Darm eine empfindliche Grenze zwischen dir und der Welt ist und Ruhe braucht. Und trotzdem: Was genau soll saniert werden, wenn die Unruhe von Zellen ausgeht, die zum eigenen Immunsystem gehören?

Die biologische Sicht verbindet beides: In der Darmschleimhaut sitzen Mastzellen, Wächterzellen des Immunsystems, dicht an den Nervenfasern. Wenn sie Botenstoffe ausschütten, wird der Darm empfindlicher, durchlässiger und unruhiger. Das kann bei Reizdarm mitspielen, auch ohne dass ein Mastzellaktivierungssyndrom vorliegt.

Oft heißt es: „Bei Histamin hilft nur Verzicht.“ Verzicht senkt die Last, aber Mastzellen reagieren auf den ganzen Körper: Auch Stress und eine gereizte Schleimhaut bestimmen, wie laut sie Alarm schlagen.

Was im Körper passiert

Stell dir die Darmschleimhaut als Grenzposten vor. Auf der einen Seite liegt alles, was du isst, und Billionen Bakterien. Auf der anderen Seite liegt dein Körper. Mastzellen sind die Wachposten an dieser Grenze. Sie sitzen dicht neben Nervenfasern, Blutgefäßen und den Zellen der Schleimhaut, und sie haben Botenstoffe vorrätig, die sie in Sekunden ausschütten können: Histamin, Tryptase und andere.

Wenn sie das tun, passieren drei Dinge. Die Nerven der Darmwand werden empfindlicher, normale Dehnung fühlt sich an wie Schmerz (Mensch; Barbara et al., 2007). Die Schleimhaut wird durchlässiger (Mensch; Vanuytsel et al., 2014). Und die Muskeln der Darmwand geraten aus dem Takt, mal schneller, mal langsamer (Modell). So erklärt sich, warum Blähungen, Durchfall und Verstopfung bei derselben Person vorkommen können.

Wozu das Ganze? Wachposten, die schnell Alarm schlagen, schützen dich vor Erregern und Giften. Mastzellen reagieren aber nicht nur auf Essen, sondern auch auf Stresssignale. Darum ist der Darm an manchen Tagen ruhig und an anderen nicht, obwohl du dasselbe gegessen hast. Dein Darm ist nicht kaputt. Er schützt sich, nur zu oft.

Reizdarm ist eine der häufigsten Diagnosen in der Magen-Darm-Medizin: Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Verstopfung oder ein Wechsel aus beidem, ohne dass Untersuchungen eine Entzündung oder einen Schaden zeigen. Lange galt das als rein funktionell. Seit rund zwanzig Jahren zeigt die Forschung, dass in der Darmschleimhaut vieler Menschen mit Reizdarm etwas Messbares passiert.

Barbara et al. (2004) fanden in Gewebeproben aus dem Dickdarm von Menschen mit Reizdarm mehr aktivierte Mastzellen als bei Gesunden, und zwar dicht an den Nervenfasern. Je näher die Mastzellen an den Nerven lagen, desto stärker waren die Bauchschmerzen (Mensch). Barbara et al. (2007) zeigten, dass Botenstoffe aus diesen Gewebeproben Schmerznervenzellen erregen, vermittelt über Histamin und Eiweiß spaltende Enzyme wie Tryptase (Mensch, Tier).

Hier liegt ein häufiges Missverständnis. Mehr Mastzellen im Darm sind nicht dasselbe wie MCAS. MCAS, das Mastzellaktivierungssyndrom, beschreibt Mastzellen, die in mehreren Organsystemen zugleich Beschwerden machen, etwa an Haut, Kreislauf und Darm (Mensch; Afrin et al., 2017). Bei Reizdarm bleibt die Mastzellaktivität meist auf den Darm begrenzt. Beides kann sich überschneiden, und Darmbeschwerden gehören zu den häufigen Beschwerden bei MCAS.

Wirkung und Mechanismus

Mastzellen im Darm wirken über drei Wege auf die Beschwerden.

Erstens die Empfindlichkeit. Histamin und Tryptase aus Mastzellen wirken direkt auf die Nervenenden in der Darmwand und senken ihre Reizschwelle (Mensch, Tier; Barbara et al., 2007). Normale Dehnung durch Gas oder Nahrung fühlt sich dann an wie Schmerz. Fachleute nennen das viszerale Hypersensitivität.

Zweitens die Barriere. Botenstoffe aus Mastzellen lockern die Verbindungen zwischen den Zellen der Schleimhaut. Beim Menschen ist gezeigt, dass seelischer Stress und das Stresssignal CRH den Dünndarm über Mastzellen durchlässiger machen; ein Mastzellstabilisator verhinderte das (Mensch; Vanuytsel et al., 2014). Was durch eine durchlässigere Schleimhaut gelangt, kann weitere Mastzellen wecken (Modell).

Drittens die Bewegung. Mastzellbotenstoffe wirken auf die Muskeln der Darmwand und auf das Darmnervensystem, mal antreibend, mal hemmend (Zelle, Tier). Das kann erklären, warum bei Mastzellbeteiligung Durchfall, Verstopfung und Blähungen bei derselben Person vorkommen (Modell).

Was sagt die Forschung

Die Rolle der Mastzellen bei Reizdarm ist im Gewebe gut untersucht. Barbara et al. (2004) fanden mehr aktivierte Mastzellen nahe an den Nerven, verbunden mit stärkeren Schmerzen (Mensch). Barbara et al. (2007) zeigten, dass Botenstoffe aus der Schleimhaut von Menschen mit Reizdarm Schmerznervenzellen erregen, vermittelt über Histamin und Proteasen (Mensch, Tier). Vanuytsel et al. (2014) zeigten an gesunden Freiwilligen, dass seelischer Stress und CRH den Dünndarm über Mastzellen durchlässiger machen (Mensch).

Zu Behandlungen gibt es wenige, kleine Studien. Klooker et al. (2010) verglichen bei Menschen mit Reizdarm acht Wochen lang den Mastzellstabilisator Ketotifen mit einem Scheinmedikament; unter Ketotifen sank die Schmerzempfindlichkeit des Darms bei denen, die besonders empfindlich waren, und mehrere Beschwerden besserten sich (Mensch). Ketotifen ist verschreibungspflichtig und in Deutschland für Reizdarm nicht zugelassen. McIntosh et al. (2017) fanden in einer kleinen randomisierten Studie, dass eine FODMAP-arme Kost bei Reizdarm die Histaminausscheidung im Urin deutlich senkte (Mensch). Afrin et al. (2017) beschreiben MCAS als Erkrankung mit Beschwerden in vielen Organsystemen (Mensch). Wie oft Reizdarm und MCAS zusammen vorkommen, ist nicht untersucht.

zum Merken
Nicht nur was du isst, auch wie viel Alarm gerade in deinem Körper ist, bestimmt, wie laut die Mastzellen im Darm reagieren.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, was du isst, wie der Darm reagiert und ob zur selben Zeit Zeichen außerhalb des Darms auftreten: Hitze im Gesicht, Juckreiz, Kopfschmerz, Herzklopfen. Dazu Schlaf und Stress. So wird sichtbar, ob dein Darm allein reagiert oder ob mehr dahintersteckt.

Du kannst beobachten, ob deine Beschwerden an ruhigen Tagen anders sind als an stressigen, bei gleichem Essen. Das zeigt, wie viel die Gesamtlast ausmacht und nicht nur der Teller.

Wenn du eine Ernährungsumstellung erwägst, etwa FODMAP-arm oder histaminarm, ist sie ein Test auf Zeit mit Wiedereinführung, am besten mit einer Ernährungsfachkraft, damit der Speiseplan nicht dauerhaft schrumpft. Ob deine Beschwerden zu MCAS passen und ob ein Medikament in Frage kommt, klärst du mit deiner Ärztin.

  • Darm und Zeichen außerhalb des Darms zusammen notieren: Essen, Darm, Haut, Kopf, Kreislauf, Schlaf und Stress auf einer Seite. Fallen Darmbeschwerden regelmäßig mit Flush, Juckreiz oder Herzklopfen zusammen, ist das ein Muster, das deine Ärztin kennen sollte.
  • Ernährung als Test auf Zeit: FODMAP-arme oder histaminarme Kost wird bei Reizdarm und MCAS als Test eingesetzt: weglassen, beobachten, wieder einführen. Eine Ernährungsfachkraft hilft, dass du dabei nicht dauerhaft auf zu viel verzichtest.
  • Die Gesamtlast im Blick behalten: Mastzellen reagieren auch auf Stresssignale (Mensch; Vanuytsel et al., 2014). Wenn du beobachtest, an welchen Tagen der Darm ruhiger ist, siehst du, was neben dem Essen mitspielt.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Gut belegt ist, dass bei vielen Menschen mit Reizdarm mehr aktivierte Mastzellen nahe den Darmnerven sitzen und dass ihre Botenstoffe die Nerven empfindlicher machen (Mensch). Nicht belegt ist, dass hinter jedem Reizdarm MCAS steckt; wie oft beides zusammen vorkommt, ist nicht untersucht. Einen einfachen Test, der die Mastzellbeteiligung im Darm sicher zeigt, gibt es nicht. Die Studien zu Mastzellstabilisatoren bei Reizdarm sind klein, und zur Darmsanierung bei MCAS gibt es keine Studien.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mein Darm reagiert wie eine Allergie, aber Allergietests sind negativ: Mastzellaktivierung in der Darmschleimhaut
  • Bauch und Haut reagieren zusammen: Beschwerden in mehreren Organsystemen
  • Normale Verdauung tut weh: viszerale Hypersensitivität
  • Mein Darm ist durchlässig: erhöhte intestinale Permeabilität
  • Wächterzellen im Darm: mukosale Mastzellen
  • Blutwert für Mastzellen: Serumtryptase
  • Gewebeprobe aus dem Darm: Biopsie mit Mastzellfärbung (CD117)
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (6)

Ist jeder Reizdarm durch MCAS verursacht?

Nein. Reizdarm entsteht auf mehreren Wegen: veränderte Darmbewegung, empfindliche Darmnerven, Darmbakterien, Stress, frühere Infektionen. Mastzellen sind einer dieser Wege. Hinweise auf eine Mastzellbeteiligung sind Beschwerden außerhalb des Darms wie Flush oder Juckreiz und Auslöser wie bestimmte Lebensmittel, Wärme oder Stress. Ob ein MCAS vorliegt, klärt deine Ärztin.

Was beruhigt Mastzellen im Darm?

Untersucht sind vor allem Medikamente, die Mastzellen stabilisieren. Ketotifen senkte in einer kleinen Studie die Schmerzempfindlichkeit des Darms bei Reizdarm (Mensch; Klooker et al., 2010); es ist verschreibungspflichtig und für Reizdarm nicht zugelassen. Im Alltag senken weniger Auslöser und weniger Stress die Last, auf die Mastzellen reagieren (Modell). Ob ein Medikament für dich in Frage kommt, entscheidest du mit deiner Ärztin.

Was sind Mastzellstabilisatoren im Darm?

Mastzellstabilisatoren sind Wirkstoffe, die Mastzellen daran hindern sollen, ihre Botenstoffe auszuschütten. Bei Reizdarm ist vor allem Ketotifen in einer kleinen randomisierten Studie untersucht (Mensch; Klooker et al., 2010). Die Datenlage ist dünn, und keiner dieser Wirkstoffe ist in Deutschland für Reizdarm zugelassen.

Brauche ich bei MCAS eine Darmsanierung?

Darmsanierung ist kein festgelegter medizinischer Begriff, und es gibt keine Studien, die eine Darmsanierung bei MCAS untersucht haben. Manche Bakterienstämme in Probiotika bilden selbst Histamin, andere werden in Zellstudien als mastzellberuhigend beschrieben; welche bei MCAS passen, ist offen. Wenn du etwas ausprobieren möchtest, hilft ein Test auf Zeit mit Tagebuch und die Absprache mit deiner Ärztin.

Kann FODMAP-arme Ernährung bei Mastzellbeteiligung sinnvoll sein?

Möglicherweise. In einer kleinen Studie senkte eine FODMAP-arme Kost bei Reizdarm nicht nur Beschwerden, sondern auch die Histaminausscheidung im Urin (Mensch; McIntosh et al., 2017). Ob das bei MCAS genauso ist, ist nicht untersucht. FODMAP-arm ist als Phase auf Zeit gedacht, mit Wiedereinführung.

Warum habe ich bei MCAS mal Durchfall, mal Verstopfung und Blähungen?

Mastzellbotenstoffe wirken auf die Muskeln und Nerven der Darmwand, mal antreibend, mal hemmend (Zelle, Tier). Je nachdem, welche Botenstoffe gerade überwiegen und wie empfindlich die Darmwand ist, kann der Darm schneller oder langsamer werden, und normale Gasmengen fühlen sich wie Blähungen an (Modell).
Quellen (4)
  • Activated mast cells in proximity to colonic nerves correlate with abdominal pain in irritable bowel syndrome
    Barbara G., Stanghellini V., De Giorgio R. et al. – Gastroenterology (2004) DOI: 10.1053/j.gastro.2003.11.055
  • Role of mast cells in chronic stress induced colonic epithelial barrier dysfunction in the rat
    Santos J, Yang PC, Söderholm JD, et al. – Gut (2001) DOI: 10.1136/gut.48.5.630
  • Mast cells trigger epithelial barrier dysfunction, bacterial translocation and postoperative ileus in a mouse model
    Santos J., Yang P.C., Söderholm J.D. et al. – Neurogastroenterology & Motility (2001)
  • The mast cell stabiliser ketotifen decreases visceral hypersensitivity and improves intestinal symptoms in patients with irritable bowel syndrome
    Klooker T.K., Braak B., Koopman K.E. et al. – Gut (2010) DOI: 10.1136/gut.2010.213108
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Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
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