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Glossar · Diagnosen & Krankheitsbilder

HPA-Achse: was die Stressachse ist und was sie bei ME/CFS tut

Auch: HHN-Achse · HHNA · Stressachse · Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse · HPA axis
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Die HPA-Achse steuert Cortisol über Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde und bremst sich über Rückmeldung selbst (Mensch, Lehrbuchwissen).
  • Bei ME/CFS finden Studien eher mild erniedrigtes Cortisol, eine flachere Tageskurve und eine stärker greifende Rückmeldebremse; ob Ursache oder Folge, ist offen (Mensch; Papadopoulos und Cleare 2011).
  • Eine Nebennierenschwäche, bei der die Drüse leerläuft, ist in Studien nicht belegt (Mensch; Cadegiani und Kater 2016).

„Was bedeutet HPA-Achse, und ist meine Stressachse bei ME/CFS gestört?“

Du bist erschöpft, morgens wie gerädert, abends manchmal überdreht, und kleine Belastungen werfen dich zurück. Irgendwo bist du auf die HPA-Achse gestoßen, vielleicht mit dem Satz, deine Stressachse sei gestört, während die Ärztin sagt: „Ihr Cortisol ist normal.“

Die mechanische Sicht prüft, ob Nebenniere oder Hypophyse krank sind, etwa bei Morbus Addison oder einem Cushing-Syndrom, mit Blutwerten und Stimulationstests. Das schützt davor, eine ernste Erkrankung zu übersehen. Und trotzdem: Warum fühlst du dich so leer, wenn alle Werte im Rahmen liegen?

Die energetische Sicht sagt: Deine Batterie ist leer, du hast zu lange zu viel gegeben. Sie spürt richtig, dass Dauerbelastung etwas kostet. Und trotzdem: Studien finden keine Drüse, die leerläuft. Was hat sich dann verändert?

Die biologische Sicht verbindet beides: Nicht die Drüse ist leer, die Steuerung im Gehirn hat sich eingestellt, bei langer Erschöpfung oft eher gedrosselt als überdreht.

Oft heißt es: „Cortisol ist das Stresshormon.“ Cortisol ist kein Feind, sondern Löschmittel. Bei ME/CFS fehlt eher etwas davon, weil das Gehirn die Achse drosselt, nicht weil die Drüse leer ist.

Was im Körper passiert

Stell dir die HPA-Achse wie die Heizung in einem Haus vor. Der Hypothalamus ist der Thermostat, die Hypophyse die Steuerung, die Nebennierenrinde der Brenner. Meldet der Thermostat Bedarf, läuft der Brenner, und sobald es warm genug ist, schaltet der Thermostat ab (Mensch, Lehrbuchwissen).

Cortisol ist dabei der Feuerlöscher, nicht das Feuer. Es stellt Zucker als Energie bereit, dämpft Entzündung und hilft, eine Belastung zu bewältigen. Bleibt die Belastung lange, stellt das Gehirn den Thermostat neu ein. Bei ME/CFS fanden Studien eher einen etwas niedriger eingestellten Thermostat: weniger Cortisol, eine flachere Kurve über den Tag und eine Bremse, die stärker greift (Mensch; Papadopoulos und Cleare 2011). Fries und Kollegen (2005) deuten eine solche Drosselung als Schutz (Modell nach Fries).

Was das für dich heißt: Dein Körper ist nicht kaputt. Er spart, und eine Einstellung kann sich wieder ändern. Ob die veränderte Achse ME/CFS mit auslöst oder eine Folge der Erkrankung ist, weiß bisher niemand sicher.

ME/CFS gehört vor allem zum Nervensystem: Atmung, Bewegung, Verbindung.

HPA-Achse: was die Stressachse ist und was sie bei ME/CFS tut: Die HPA-Achse, deutsch HHN-Achse oder Stressachse, ist der Regelkreis aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde. Über die Botenstoffe CRH und ACTH steuert sie Cortisol, das bei Belastung Energie bereitstellt und Entzündung dämpft, und bremst sich danach selbst.

Was die Abkürzung heißt. HPA steht für die englischen Namen hypothalamic, pituitary und adrenal: Hypothalamus, Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und Nebenniere. Auf Deutsch heißt sie Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HHN-Achse oder HHNA.

Wie sie arbeitet. Der Hypothalamus, eine kleine Region tief im Gehirn, schüttet bei Belastung CRH aus. Die Hypophyse antwortet mit ACTH, das über das Blut zur Nebennierenrinde reist, und diese bildet Cortisol. Cortisol meldet sich an Hypothalamus und Hypophyse zurück und bremst die Ausschüttung: Der Kreis schaltet sich selbst ab (Mensch, Lehrbuchwissen). Dazu folgt die Achse einem Tagesrhythmus mit einem steilen Anstieg nach dem Aufwachen und dem tiefsten Stand um Mitternacht.

HPA-Achse und Stress. Bei kurzer Belastung ist das genau richtig. Hält der Stress an, verstellt sich die Einstellung im Gehirn. Bei manchen Menschen bleibt Cortisol hoch, bei anderen wird die Tageskurve flach. Fries und Kollegen (2005) deuten diese Drosselung als Schutz vor den Folgen dauerhaft hoher Werte (Modell nach Fries). Wie das bei Burnout aussieht und was ein Speicheltest kann, erklärt der Fachbeitrag HPA-Achse und Nebenniere bei Burnout.

Die HPA-Achse bei ME/CFS. Papadopoulos und Cleare (2011) haben die Studien dazu ausgewertet. Viele Menschen mit ME/CFS haben eher etwas zu wenig als zu viel Cortisol, eine flachere Tageskurve, eine stärker greifende Rückmeldebremse und eine schwächere Antwort der Achse auf Reize (Mensch, Übersichtsarbeit). Die Veränderungen sind meist mild. Ob sie zur Entstehung beitragen oder Folge von Schonung, gestörtem Schlaf und Krankheitslast sind, ist offen. Kernmerkmal von ME/CFS bleibt die Verschlechterung nach Belastung, die Post-Exertional Malaise, nicht ein Cortisolwert.

Nebennierenschwäche ist etwas anderes. Die Idee, Dauerstress erschöpfe die Nebennieren, ist in Studien nicht belegt (Mensch, systematische Übersicht; Cadegiani und Kater 2016). Wo Cortisol verändert ist, liegt der Grund meist in der Steuerung durch das Gehirn. Eine echte Nebenniereninsuffizienz wie der Morbus Addison ist selten und wird ärztlich mit Blutwerten und einem Stimulationstest festgestellt.

Kann man die HPA-Achse beruhigen? Belegt ist, woran sie sich orientiert: an der inneren Uhr mit Licht am Morgen, Dunkelheit am Abend und regelmäßigem Schlaf, und an Signalen von Sicherheit. Eine zweite Bremse sitzt im Vagusnerv: Über den entzündlichen Reflex dämpft er die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen wie TNF-alpha (Tier, Zelle; Pavlov und Tracey 2012). Ob sich darüber Beschwerden bei ME/CFS ändern, ist nicht untersucht.

zum Merken
Bei ME/CFS ist die Nebenniere nicht leer. Das Gehirn hat die Stressachse eher gedrosselt, als würde es Energie sparen.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, wie deine Stressachse gerade eingestellt ist, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:

Wann am Tag fühlst du dich am wachsten und wann am leersten?

Wie regelmäßig sind deine Schlafzeiten, und wie viel Tageslicht bekommst du am Vormittag?

Wie geht es dir am Tag nach einer Belastung, und was beruhigt dich spürbar?

Mit diesen Notizen kannst du mit deiner Ärztin besprechen, welche Werte bei dir sinnvoll sind. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Befunde zur HPA-Achse bei ME/CFS stammen aus vielen kleinen Studien mit verschiedenen Messmethoden und Kriterien; die Veränderungen sind mild und nicht bei allen zu finden. Ob sie Ursache oder Folge sind, ist offen. Ein Cortisolwert stellt weder ME/CFS noch Burnout fest, und für Speichelprofile gibt es dafür keine Grenzwerte. Studien, die zeigen, dass sich ME/CFS-Beschwerden über eine Beeinflussung der Achse ändern, fehlen. Nimmst du Cortison oder andere Hormone, bleibt jede Umstellung bei deiner Ärztin.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Meine Stressachse: HPA-Achse, HHN-Achse
  • Mein Cortisol ist eher niedrig: Hypocortisolismus
  • Morgens komme ich nicht in Gang: abgeschwächte Cortisol-Aufwachreaktion
  • Die Bremse der Stressachse greift zu stark: verstärkte negative Rückkopplung
  • Eine echte Schwäche der Nebenniere: Nebenniereninsuffizienz, Morbus Addison
  • Nach Belastung geht es mir erst später schlecht: Post-Exertional Malaise (PEM)
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Quellen (1)
  • ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
    Komaroff A.L., Lipkin W.I. – Frontiers in Medicine (2023) DOI: 10.3389/fmed.2023.1187163

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

“
Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
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