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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Verdauungsprobleme bei ME/CFS: Übelkeit, Durchfall und Darm

Übelkeit, Durchfall und Blähbauch sind bei ME/CFS häufig. Was Darm, Kreislauf und Immunsystem damit zu tun haben und was deine Ärztin abklärt.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Übelkeit bei ME/CFS hängt oft mit dem Kreislauf zusammen: Sie kommt im Stehen und Sitzen und bessert sich im Liegen (Mensch).
  • Das Darmmikrobiom ist bei ME/CFS weniger vielfältig, und Bestandteile von Bakterien erreichen das Immunsystem im Blut (Mensch, Beobachtungsstudie).
  • Ob das Mikrobiom Ursache oder Folge ist und welche Behandlung bei ME/CFS hilft, ist offen (Mensch, kleine Studien).

Vorläufige Evidenz. Vielversprechende frühe Ergebnisse, größere Studien stehen aus.

„Mir ist bei ME/CFS oft übel, ich habe Durchfall oder Blähungen. Hängt das mit der Erkrankung zusammen?“

Du kennst das vielleicht: Morgens ist dir flau, nach dem Mittagessen bist du nicht nur satt, sondern völlig erledigt, und nach einem anstrengenden Tag rumort der Bauch. Du hast schon vieles weggelassen, und trotzdem bleibt der Darm unberechenbar.

Die mechanische Sicht sagt: Der Darm ist ein Rohr mit Muskeln und Schleimhaut. Spiegelung, Ultraschall und Stuhltests finden Entzündungen, Zöliakie, Infekte und Engstellen, und das gehört geklärt. Und trotzdem: Wenn alle Befunde unauffällig sind, warum ist dir dann übel, und warum schwankt es mit deinem Energiezustand?

Die energetische Sicht sagt: Der Bauch ist dein Zentrum, er verdaut nicht nur Essen, sondern auch das Leben. Sie spürt richtig, dass Stress und Erschöpfung auf den Magen schlagen. Und trotzdem: Über welchen Weg erreicht ein erschöpfter Körper den Darm?

Die biologische Sicht verbindet beides: Der Darm ist nicht nur Verdauungsorgan, sondern die größte Grenze deines Körpers zur Außenwelt, bewacht vom Immunsystem und gesteuert vom Nervensystem. Gerät das Gleichgewicht ins Wanken, merkt es der Darm zuerst.

Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Bei ME/CFS hängt der Darm auch an Kreislauf, Nervensystem und Immunsystem. Darum reicht die richtige Ernährung allein oft nicht, und eine Pause im Liegen hilft manchmal mehr.

Was im Körper passiert

Stell dir die Darmwand als Grenzposten vor: eine einzige Zellschicht, so groß wie eine kleine Wohnung, auf der einen Seite Billionen Bakterien und Nahrungsreste, auf der anderen dein Blut. Die Zellen sind durch Verbindungen eng aneinander geheftet, und dahinter wachen Immunzellen. Mehr als die Hälfte deiner Immunzellen sitzt im Darm (Mensch, Lehrbuchwissen der Immunologie). Mehr dazu im Überblick zum Immunsystem.

Bei ME/CFS ist an diesem Grenzposten etwas verschoben. Giloteaux und Kollegen (2016) fanden im Stuhl von Menschen mit ME/CFS weniger verschiedene Bakterienarten und eine andere Zusammensetzung, mit weniger Arten, die als entzündungshemmend gelten. Im Blut waren Marker erhöht, die anzeigen, dass Bestandteile von Bakterien die Darmwand passiert und das Immunsystem erreicht haben (Mensch). Ob das Ursache oder Folge der Erkrankung ist, zeigt die Studie nicht.

Wozu tut der Körper das? Ein Immunsystem, das Gefahr meldet, stellt den Darm um: Die Bewegung des Darms verlangsamt oder beschleunigt sich, die Schleimhaut reagiert empfindlicher, und die Wächter sind schärfer gestellt. Der Vagusnerv dämpft im Tierversuch Entzündungen über einen eigenen Reflex (Tier, Tracey 2002). Bei ME/CFS ist dieser Weg gestört, so das Modell vieler Forschender. Im Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response, hat Verdauung keinen Vorrang (Modell nach Naviaux). Dein Körper ist nicht kaputt. Er schützt sich, und der Darm spürt es zuerst.

ME/CFS gehört vor allem zum Stoffwechsel: Energie, Labor, Nährstoffe.

Nach dem Essen wird dir übel, morgens drückt der Magen, an schlechten Tagen kommt Durchfall, an anderen Verstopfung. Lebensmittel, die du jahrelang vertragen hast, machen plötzlich Blähungen. Magen-Darm-Beschwerden gehören bei ME/CFS zu den häufigen Begleitern; die internationalen Konsenskriterien zählen Übelkeit, Bauchschmerzen, Blähungen und Reizdarm-Beschwerden ausdrücklich zu den möglichen Symptomen (Mensch, Carruthers und Kollegen 2011). Auch ein Reizdarm kommt bei ME/CFS häufiger vor als bei Gesunden (Mensch, Aaron und Kollegen 2000).

Bei ME/CFS führen mindestens drei Wege zu Übelkeit und Darmproblemen. Der Kreislauf: Viele vertragen Stehen und Sitzen schlecht, und Übelkeit kann dann zu den Beschwerden gehören, die sich im Liegen bessern (Mensch, Sheldon und Kollegen 2015). Die Darmwand und ihre Bakterien: Das Mikrobiom ist bei ME/CFS verändert (Mensch, Giloteaux und Kollegen 2016). Und die Mastzellen: Bei manchen liegt zusätzlich eine Neigung zu Mastzellreaktionen vor, mehr dazu unter ME/CFS bei MCAS.

Das Missverständnis liegt in der Annahme, Darmprobleme hätten immer mit dem Essen zu tun. Bei ME/CFS reagiert der Darm auch auf Belastung, auf Stehen und auf den Zustand des Immunsystems. Darum kann eine perfekte Ernährung allein die Beschwerden oft nicht erklären.

Wirkung und Mechanismus

Übelkeit hat bei ME/CFS oft mit dem Kreislauf zu tun. Im Stehen sackt Blut in Beine und Bauch, das Herz schlägt schneller, und das Gehirn bekommt etwas weniger Blut. Schwindel, Herzklopfen und Übelkeit sind dann typische Begleiter, die im Liegen nachlassen (Sheldon und Kollegen 2015). Wer nach dem Essen lange sitzt oder steht, spürt das stärker, weil die Verdauung zusätzlich Blut in den Bauch zieht.

Durchfall, Verstopfung und Blähungen hängen eher an Darmwand, Mikrobiom und Darmbewegung. Bei einem Reizdarm reagieren die Nerven der Darmwand empfindlicher auf Dehnung, und die Darmbewegung ist verändert (Enck und Kollegen 2016). Bei ME/CFS kommen veränderte Bakterien und eine Darmwand dazu, die Bakterienbestandteile durchlässt (Giloteaux und Kollegen 2016).

Bei manchen spielen Mastzellen eine Rolle, Immunzellen in der Darmschleimhaut, die Histamin freisetzen. Dann kommen Bauchkrämpfe oft zusammen mit Hautrötung, Herzrasen oder Juckreiz und in Schüben.

Was sagt die Forschung

Giloteaux und Kollegen (2016) verglichen Stuhl- und Blutproben von Menschen mit ME/CFS und Gesunden. Das Mikrobiom war weniger vielfältig und anders zusammengesetzt, Entzündungsmarker für Bakterienbestandteile im Blut waren erhöht. Es ist eine Beobachtungsstudie zu einem Zeitpunkt; sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursache.

Aaron und Kollegen (2000) fanden, dass Menschen mit ME/CFS deutlich häufiger auch einen Reizdarm und andere überlappende Beschwerden haben als Gesunde. Komaroff und Lipkin (2023) fassen in einer Übersicht zu ME/CFS und Long COVID zusammen, dass Magen-Darm-Beschwerden und Veränderungen des Mikrobioms in mehreren Studien wiederkehren.

Sheldon und Kollegen (2015) nennen im Konsenspapier zum posturalen Tachykardiesyndrom neben Schwindel und Herzklopfen auch Beschwerden wie Übelkeit, die im Stehen zunehmen. Tracey (2002) beschrieb den entzündungshemmenden Reflex des Vagusnervs, vor allem im Tierversuch. Studien, die gezielt Behandlungen von Darmbeschwerden bei ME/CFS prüfen, sind selten und klein.

zum Merken
Dein Darm verdaut nicht nur Essen. Er ist eine Grenze, die mitreagiert, wenn dein Körper im Schutzmodus ist.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, was deinen Darm bewegt, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten:

Wann ist dir übel: im Stehen, nach langem Sitzen, nach dem Essen oder nach Belastung? Und wird es im Liegen besser?

Was hast du gegessen, wie groß war die Mahlzeit, und wie ging es dir zwei bis sechs Stunden danach?

Wie hängen Darmbeschwerden mit Einbrüchen nach Belastung und mit schlechten Nächten zusammen?

Du musst dabei nichts weglassen. Oft zeigt sich nach einer Woche, ob eher der Kreislauf, das Essen oder die Belastung mitspielt, und das Gespräch mit deiner Ärztin wird genauer. Was du daraus machst, entscheidest du.

  • Kleinere Mahlzeiten beobachten: Große Mahlzeiten ziehen viel Blut in den Bauch. Viele Menschen mit Beschwerden im Stehen berichten, dass mehrere kleine Mahlzeiten und eine Pause im Liegen danach besser gehen. Ob das bei dir so ist, zeigt eine Woche Beobachtung.
  • Tagebuch mit Zeitversatz: Darmreaktionen kommen oft Stunden später. Wer Essen, Haltung, Belastung und Beschwerden nebeneinander notiert, erkennt eher, ob das Essen oder der Kreislauf die größere Rolle spielt.
  • Weglassen nur mit Begleitung: Lange Verbotslisten können bei ME/CFS schnell zu einseitiger Ernährung führen, zumal Einkaufen und Kochen Kraft kosten. Wer Lebensmittel gezielt weglassen möchte, tut das am besten auf Zeit und mit einer Ernährungsfachkraft.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass Magen-Darm-Beschwerden bei ME/CFS häufig sind, ist gut beschrieben. Warum, ist nicht geklärt: Die Befunde zum Mikrobiom stammen aus Beobachtungsstudien mit wenigen Menschen, und sie unterscheiden sich zwischen den Studien. Kontrollierte Studien zu Ernährung, Probiotika oder anderen Ansätzen speziell bei ME/CFS fehlen weitgehend.

Darmbeschwerden klärt deine Ärztin, auch wenn ME/CFS schon bekannt ist; oft gehören ein Test auf Zöliakie, Blutwerte und ein Stuhltest dazu, bei Bedarf die Gastroenterologie. Das gilt besonders bei Blut im Stuhl, ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber, Durchfall in der Nacht, Beginn der Beschwerden nach dem 50. Lebensjahr oder Darmkrebs oder chronisch entzündlicher Darmerkrankung in der Familie (Ford und Kollegen 2020). Wenn du Medikamente nimmst, die Übelkeit oder Durchfall machen können, besprichst du das mit deiner Ärztin, statt sie selbst abzusetzen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mir ist im Stehen übel, im Liegen wird es besser: orthostatische Intoleranz
  • Mein Bauch reagiert empfindlich, ohne Befund: Reizdarmsyndrom, viszerale Hypersensitivität
  • Meine Darmbakterien sind verändert: Dysbiose, verminderte Diversität des Mikrobioms
  • Der Darm lässt zu viel durch: erhöhte intestinale Permeabilität
  • Mein Magen entleert sich langsam: verzögerte Magenentleerung (Gastroparese)
  • Bauchkrämpfe zusammen mit Hautrötung und Herzrasen: Mastzellaktivierung (Abklärung MCAS)
  • Ich vertrage Getreide nicht: Zöliakie-Serologie
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (4)

Warum ist mir bei ME/CFS übel?

Oft steckt der Kreislauf dahinter. Viele Menschen mit ME/CFS vertragen Stehen und langes Sitzen schlecht, das Herz schlägt dann schneller, und Übelkeit, Schwindel und Herzklopfen kommen dazu; im Liegen lässt es nach (Sheldon und Kollegen 2015). Auch eine langsame Magenentleerung, Mastzellreaktionen oder Medikamente können Übelkeit machen. Was bei dir zutrifft, klärt deine Ärztin.

Ist Durchfall bei ME/CFS normal?

Durchfall und wechselnde Verdauung kommen bei ME/CFS häufig vor, oft als Reizdarm-Beschwerden (Aaron und Kollegen 2000). Normal im Sinne von harmlos ist er erst, wenn andere Ursachen geklärt sind. Durchfall in der Nacht, Blut im Stuhl, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust gehören zur Ärztin.

Kann ME/CFS nach einem Magen-Darm-Infekt beginnen?

Ja, das ist beschrieben. ME/CFS beginnt bei vielen nach einem Infekt, auch nach Darminfektionen; nach einem großen Ausbruch einer Darminfektion mit dem Parasiten Giardia in Norwegen entwickelten einige Betroffene eine anhaltende Erschöpfung. Wer nach einem Magen-Darm-Infekt über Monate total erschöpft bleibt und nach Belastung einbricht, spricht das bei seiner Ärztin an.

Sollte ich bei ME/CFS Probiotika nehmen?

Die Studienlage zu Probiotika bei ME/CFS ist dünn: wenige, kleine Studien mit unterschiedlichen Bakterienstämmen und gemischten Ergebnissen. Eine Empfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Ob du etwas ausprobieren möchtest, entscheidest du mit deiner Ärztin; beobachtbar ist es in wenigen Wochen.
Quellen (3)
  • Reduced diversity and altered composition of the gut microbiome in individuals with myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome
    Giloteaux L., Goodrich J.K., Walters W.A. et al. – Microbiome (2016) DOI: 10.1186/s40168-016-0171-4
  • ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
    Komaroff A.L., Lipkin W.I. – Frontiers in Medicine (2023) DOI: 10.3389/fmed.2023.1187163
  • The inflammatory reflex
    Tracey K.J. – Nature (2002) DOI: 10.1038/nature01321

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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