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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Schlafstörungen bei ME/CFS: warum der Schlaf nicht erholt

Schlafstörungen bei ME/CFS: lange geschlafen, trotzdem erschöpft. Warum unerholsamer Schlaf ein Kernsymptom ist und was Studien über die Nacht zeigen.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Unerholsamer Schlaf ist bei ME/CFS ein Kernsymptom und eines von drei Pflichtkriterien der Diagnose nach dem Institute of Medicine (Mensch, Literaturauswertung).
  • Auch im Schlaf zeigen Menschen mit ME/CFS einen höheren Puls und eine geringere Herzratenvariabilität: Das Nervensystem bleibt nachts im Alarm (Mensch).
  • Schlafapnoe, unruhige Beine oder müde machende Medikamente können zusätzlich mitspielen; ihre Abklärung schließt ME/CFS nicht aus (Mensch, Diagnosekriterien).

Moderate Evidenz. Gute Hinweise aus Studien, aber noch nicht abschließend bestätigt.

„Warum fühle ich mich mit ME/CFS nach zehn Stunden Schlaf wie gerädert, und warum kann ich trotz Erschöpfung nicht einschlafen?“

Du kennst das: Du schläfst neun, zehn Stunden und wachst auf, als hättest du gar nicht geschlafen. Den ganzen Tag bist du erschöpft, abends aber seltsam aufgedreht und findest nicht in den Schlaf. Nachts wachst du immer wieder auf. Und nach einem Tag, der zu viel war, wird auch die Nacht schlechter.

Die mechanische Sicht sagt: Eine Schlafstörung ist ein Symptom, also klärt man sie ab und behandelt sie. Schlaflabor, Schlafapnoe ausschließen, notfalls ein Schlafmittel. Das ist richtig und kann entscheidend sein, denn eine unerkannte Atmungsstörung im Schlaf lässt sich behandeln. Und trotzdem: Bei vielen Menschen mit ME/CFS ist das Schlaflabor unauffällig, und auch mit Tablette bleibt die Erholung aus.

Die energetische Sicht sagt: Dein Körper findet keine Ruhe, die Energie fließt nicht. Abschalten, Rituale, Druck rausnehmen. Sie spürt richtig, dass der Körper nachts nicht in Erholung kommt, und dass der Druck, schlafen zu müssen, die Nacht schwerer macht. Und trotzdem: Wer alles richtig macht und trotzdem gerädert aufwacht, hört aus dem Rat „mehr entspannen“ schnell, er sei selbst schuld.

Die biologische Sicht verbindet beides: Unerholsamer Schlaf ist bei ME/CFS kein Nebenbefund und keine Frage der Einstellung. Er gehört zu den Merkmalen, an denen Fachleute die Erkrankung erkennen, und er zeigt ein Nervensystem, das nachts im Alarm bleibt.

Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Unerholsamer Schlaf bei ME/CFS ist kein Grübelproblem. Er gehört zu den Kernmerkmalen der Erkrankung: Das Nervensystem schaltet nachts nicht vollständig um.

Was im Körper passiert

Stell dir den Schlaf als Werkstatt vor, die nur arbeitet, wenn die Alarmanlage aus ist. Bei ME/CFS bleibt die Alarmanlage nachts auf Standby: Sie heult nicht, aber die Werkstatt kommt nie richtig in Gang.

Im Schlaf soll das vegetative Nervensystem umschalten, vom Sympathikus, der für Aktivität sorgt, zum Parasympathikus mit dem Vagusnerv, der Erholung erlaubt. Eine bevölkerungsbasierte Studie fand bei Menschen mit chronischem Erschöpfungssyndrom auch im Schlaf einen höheren Puls und eine geringere Herzratenvariabilität als bei Gesunden (Boneva et al. 2007, Mensch). Die Herzratenvariabilität beschreibt, wie fein das Herz seinen Takt anpasst; sinkt sie, überwiegt der Sympathikus. Der Körper ruht, aber er erholt sich nicht.

Warum bleibt er im Alarm? Eine Spur führt zum Stoffwechsel. Naviaux und Kollegen fanden im Blut von Menschen mit ME/CFS ein Muster, das sie als gedrosselten Stoffwechsel deuten, ähnlich einem Sparzustand (Naviaux et al. 2016, Mensch). In ihrem Modell ist das ein Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Modell nach Naviaux): Solange die Zellen Gefahr melden, spart der Körper Energie und bleibt wachsam, auch nachts. Entzündungsbotenstoffe, die Zytokine, wirken zusätzlich auf das Gehirn und verändern den Schlaf (Dantzer et al. 2008, Tier und Mensch).

So gesehen ist die unruhige Nacht kein Versagen deines Körpers. Sie ist Teil eines Programms, das schützen soll und noch nicht abschließen kann.

ME/CFS gehört vor allem zum Nervensystem: Atmung, Bewegung, Verbindung.

Schlafstörungen gehören zu den typischen ME/CFS Symptomen. Das Institute of Medicine nennt in seinen Diagnosekriterien drei Pflichtmerkmale: eine deutliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit mit tiefer Erschöpfung, die Verschlechterung nach Belastung (Post-Exertional Malaise, kurz PEM) und unerholsamen Schlaf (IOM 2015). Schon die älteren Kriterien zählten unerholsamen Schlaf zu den typischen Begleitsymptomen (Fukuda et al. 1994).

Das Paradoxe: Viele Betroffene schlafen lang und wachen trotzdem erschöpft auf. Andere können trotz bleierner Müdigkeit nicht einschlafen, wachen nachts häufig auf oder haben einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus. Die Dauer des Schlafs sagt bei ME/CFS wenig über die Erholung.

Wichtig für das Arztgespräch: Schlafapnoe, unruhige Beine oder Medikamente, die müde machen, können zusätzlich auftreten und sollten abgeklärt werden. Eine gefundene Schlafstörung schließt ME/CFS nicht aus, und ein unauffälliges Schlaflabor heißt nicht, dass dein Schlaf erholsam ist (IOM 2015).

Wirkung und Mechanismus

Drei Wege erklären, warum die Nacht bei ME/CFS nicht erholt.

Erstens das Umschalten. Erholsamer Schlaf braucht den Wechsel in den Erholungsmodus: Herzschlag und Muskelspannung sinken, der Vagusnerv übernimmt. Bei ME/CFS bleibt dieser Wechsel unvollständig, das zeigen Messungen von Puls und Herzratenvariabilität im Schlaf (Boneva et al. 2007). Mehr zum Vagusnerv liest du im Beitrag Vagusnerv: Funktion und Stimulation.

Zweitens die Belastung des Tages. Viele Betroffene beschreiben, dass die Nacht nach einem zu vollen Tag schlechter wird, oft als Teil der Post-Exertional Malaise. Die Nacht ist darum nicht nur Erholung vom Tag, sie spiegelt auch, was der Tag gekostet hat.

Drittens der Kreislauf. Unerholsamer Schlaf senkt die Belastbarkeit am nächsten Tag, die Grenze zur Überlastung rückt näher, und die nächste Nacht wird wieder unruhiger. Daher hängen Schlaf und Pacing eng zusammen.

Was sagt die Forschung

Das Institute of Medicine (IOM 2015) wertete die Literatur zu ME/CFS aus und machte unerholsamen Schlaf zu einem von drei Pflichtkriterien der Diagnose. Ergebnisse aus dem Schlaflabor waren in den ausgewerteten Studien uneinheitlich; der Bericht betont, dass begleitende Schlafstörungen behandelt werden sollen und die Diagnose ME/CFS nicht ausschließen. Fukuda und Kollegen (1994) führten unerholsamen Schlaf als eines von acht Begleitsymptomen in den damaligen Kriterien.

Boneva und Kollegen (2007) untersuchten in einer bevölkerungsbasierten Studie Puls und Herzratenvariabilität über 24 Stunden. Menschen mit chronischem Erschöpfungssyndrom hatten auch im Schlaf einen höheren Puls und eine geringere Herzratenvariabilität als Gesunde, ein Hinweis auf ein Nervensystem, das nachts im Aktivierungsmodus bleibt. Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache.

Naviaux und Kollegen (2016) fanden im Blut ein Stoffwechselmuster, das sie als Sparzustand deuten; das Modell des Schutzmodus leitet sich daraus ab. Dantzer und Kollegen (2008) beschreiben in ihrer Übersicht, wie Entzündungsbotenstoffe auf das Gehirn wirken und unter anderem Schlaf und Antrieb verändern, überwiegend aus Tierstudien. Komaroff und Lipkin (2023) fassen die biologischen Befunde bei ME/CFS zusammen, darunter Veränderungen im autonomen Nervensystem, im Energiestoffwechsel und Zeichen einer Neuroinflammation; ihre Übersicht vergleicht diese Befunde auch mit Long COVID.

zum Merken
Bei ME/CFS ruht der Körper nachts, aber die Alarmanlage bleibt an. Darum erholt auch langer Schlaf nicht.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du deine Nächte lesen möchtest, statt nur Stunden zu zählen, kannst du eine oder zwei Wochen lang auf drei Dinge achten:

Wie war der Tag vor einer schlechten Nacht: voll, laut, emotional, oder ruhig? Viele erkennen so, dass ihre Nächte mit der Belastung des Vortags zusammenhängen.

Wie erholt fühlst du dich in der ersten Stunde nach dem Aufwachen, unabhängig davon, wie lange du geschlafen hast?

Was passiert, wenn du tagsüber liegend ruhst, ohne zu schlafen: wird die Nacht danach ruhiger oder unruhiger? Beides ist eine Information.

Ob Schlafapnoe, unruhige Beine oder ein Medikament mitspielen und ob eine medikamentöse Behandlung für dich passt, klärt deine Ärztin mit dir. Deine ärztliche Behandlung läuft weiter.

  • Tag und Nacht nebeneinander notieren: Ein einfaches Protokoll mit Belastung am Tag und Erholung am Morgen macht sichtbar, wie Tag und Nacht zusammenhängen. Es ist dieselbe Beobachtung, auf der Pacing aufbaut: Aktivität so einteilen, dass die Verschlechterung nach Belastung möglichst ausbleibt. Die britische Leitlinie NICE NG206 von 2021 rät bei ME/CFS zu Energiemanagement und von Programmen mit festen Steigerungen ab.
  • Ruhen ohne Schlaf am Tag: Viele Betroffene berichten, dass kurze Ruhephasen im Liegen, ohne einzuschlafen, sie besser durch den Tag bringen, während lange Schläfchen die Nacht verschieben. Gut untersucht ist das bei ME/CFS nicht. Beobachtbar ist, was es mit deiner nächsten Nacht macht.
  • Langsam ausatmen und beobachten: Ein längeres Ausatmen als Einatmen vor dem Einschlafen spricht den Parasympathikus an. Ob es bei ME/CFS den Schlaf verbessert, ist nicht untersucht. Beobachtbar ist, ob dein Körper dabei ruhiger wird; wenn es dich anstrengt, ist auch das eine Information.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass unerholsamer Schlaf zu ME/CFS gehört, ist gut belegt. Wie er entsteht, ist dagegen offen. Die Befunde aus dem Schlaflabor sind uneinheitlich, ein typisches Schlafmuster, an dem man ME/CFS erkennen könnte, gibt es nicht. Die Messungen zum Nervensystem zeigen Zusammenhänge, keine Ursache, und ob der Alarm in der Nacht Folge oder Teil der Erkrankung ist, lässt sich nicht trennen. Der Schutzmodus ist ein Modell, kein Befund im Einzelfall. Zu Schlafmitteln, Atemtechniken oder Schlafroutinen gibt es bei ME/CFS kaum gute Studien. Ein deutscher Forschungsverbund untersucht den Schlaf bei ME/CFS gerade mit Messungen der Hirnströme.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Ich wache auf, als hätte ich nicht geschlafen: unerholsamer Schlaf (Diagnosekriterium bei ME/CFS)
  • Nach einem vollen Tag wird auch die Nacht schlechter: Post-Exertional Malaise (PEM)
  • Ich bin müde, kann aber nicht einschlafen: Einschlafstörung bei Fatigue
  • Mein Körper bleibt nachts im Alarm: sympathische Aktivierung, verminderte Herzratenvariabilität
  • Ich schnarche oder atme nachts unregelmäßig: schlafbezogene Atmungsstörung (Schlafapnoe)
  • Meine Beine sind abends unruhig: Restless-Legs-Syndrom
  • Mein Tag-Nacht-Rhythmus ist verschoben: Störung des zirkadianen Rhythmus
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (4)

Warum bin ich mit ME/CFS müde, kann aber nicht schlafen?

Erschöpfung und Schlaffähigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Bei ME/CFS bleibt das Nervensystem auch nachts eher im Aktivierungsmodus, Messungen zeigen im Schlaf einen höheren Puls und eine geringere Herzratenvariabilität (Boneva et al. 2007). Der Körper ist leer, aber nicht entspannt. Das ist kein Zeichen falscher Einstellung, sondern Teil der Erkrankung.

Sollte ich bei ME/CFS tagsüber schlafen?

Ruhe am Tag gehört bei ME/CFS zum Energiemanagement und kann helfen, die Verschlechterung nach Belastung zu vermeiden. Lange Schläfchen am Tag können bei manchen den nächtlichen Rhythmus verschieben. Viele Betroffene beschreiben liegendes Ruhen ohne Einschlafen als erholsamer. Gute Studien dazu gibt es nicht; dein eigenes Protokoll zeigt, was bei dir passt.

Helfen Schlafmittel bei ME/CFS?

Für ME/CFS gibt es kein zugelassenes Medikament, Schlafmittel werden bei Schlafstörungen symptomatisch eingesetzt. Gute Studien zu einzelnen Wirkstoffen bei ME/CFS fehlen weitgehend. Manche Mittel verlängern die Nacht, ohne die Erholung zu verbessern, andere machen tagsüber zusätzlich müde, was bei ME/CFS stark ins Gewicht fallen kann. Ob ein Medikament für dich passt, entscheidet deine Ärztin mit dir.

Was ist ME/CFS?

ME/CFS, die Myalgische Enzephalomyelitis oder das Chronische Fatigue-Syndrom, ist eine schwere chronische Erkrankung. Kernmerkmal ist die Verschlechterung nach Belastung, dazu kommen tiefe Erschöpfung, unerholsamer Schlaf und Störungen von Denken oder Kreislauf beim Stehen (IOM 2015). Einen Überblick gibt der Beitrag ME/CFS: das Chronische Fatigue-Syndrom.
Quellen (3)
  • ME/CFS and Long COVID share similar symptoms and biological abnormalities: road map to the literature
    Komaroff A.L., Lipkin W.I. – Frontiers in Medicine (2023) DOI: 10.3389/fmed.2023.1187163
  • From inflammation to sickness and depression: when the immune system subjugates the brain
    Dantzer R, O'Connor JC, Freund GG et al. – Nature Reviews Neuroscience (2008) DOI: 10.1038/nrn2297
  • The Chronic Fatigue Syndrome: A Comprehensive Approach to Its Definition and Study
    Fukuda K., Straus S.E., Hickie I. et al. – Annals of Internal Medicine (1994) DOI: 10.7326/0003-4819-121-12-199412150-00009

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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