Die Wim Hof Methode zeigt etwas, das über sie hinausreicht: Nervensystem und Immunsystem sind keine getrennten Abteilungen. Ein selbst gesetzter Reiz über den Atem verändert über Adrenalin, wie Abwehrzellen antworten (mehr dazu im Überblick zum Immunsystem). Im Bild der sechs Ärzte der Regeneration plus Dr. Pharma sind hier Dr. Atmung und Dr. Naturkraft angesprochen. Aus Sicht der Regenerationsmedizin zählt weniger der Name einer Methode als die Frage, ob ein Reiz zu deinem Zustand passt: Ein kurzer Stressreiz ist eine Herausforderung, an die sich ein System anpassen kann, wenn es sich danach erholt (Modell der Hormesis).
Oft heißt es: „Atmen ist eine Entspannungstechnik.“ Die Atemübung der Methode ist keine Entspannung, sondern ein messbarer Stressreiz: Sie hebt das Adrenalin, und das verändert die Immunantwort.
Teilweise. Belegt ist ein Laboreffekt bei gesunden jungen Männern, kein Gesundheitsversprechen. Die Wim Hof Methode verbindet drei Teile: eine Atemübung mit schnellem, tiefem Atmen und anschließendem Luftanhalten, Kälte wie kalte Duschen oder Eisbäder und eine Konzentrationsübung.
Die Kernstudie. Kox et al. (2014) teilten 24 gesunde Männer per Los in zwei Gruppen. Zwölf übten zehn Tage lang alle drei Teile, zwölf nicht. Danach bekamen alle eine kleine Menge eines Bakterienbestandteils in die Vene, der für einige Stunden Fieber und Grippegefühl auslöst. In der Übungsgruppe stieg das Adrenalin während der Atemübung stark an. Der entzündungsdämpfende Botenstoff Interleukin-10 stieg früher und höher, die entzündungsfördernden Botenstoffe TNF-alpha, IL-6 und IL-8 blieben niedriger, und die Grippebeschwerden waren schwächer (Mensch, randomisierte Studie).
Welcher Teil wirkt? Dieselbe Arbeitsgruppe hat die Methode zerlegt. Zwaag et al. (2022) verglichen bei 48 gesunden Männern Kältetraining allein, Atemübung allein, beides zusammen und keine Übung. Kälte allein veränderte die Entzündungsreaktion nicht messbar. Die Atemübung allein dämpfte sie deutlich, zusammen mit Kälte war der Effekt am stärksten (Mensch, randomisierte Pilotstudie).
Die Kritik ist berechtigt, wo sie die Versprechen betrifft. Eine systematische Übersicht fand bis 2022 nur acht kleine Studien zur Methode, fast alle mit hohem Verzerrungsrisiko und überwiegend an Männern (Almahayni und Hammond, 2024). Ob die Methode den Verlauf von Krankheiten verändert, ist damit offen. Und die Atemübung hat ein echtes Risiko: Nach dem schnellen Atmen kann man beim Luftanhalten ohne Vorwarnung das Bewusstsein verlieren. Im Wasser kann das tödlich enden. Darum gehört die Atemübung nie ins Wasser, auch nicht in die Badewanne.
Drei Sichten. Die mechanische Sicht der Medizin fragt nach harten Endpunkten: Wer seltener krank wird, zeigt das in großen Studien über Jahre. Solche Studien gibt es nicht, also bleibt sie zurückhaltend, und das ist sauber gedacht. Und trotzdem: Wie kann eine Atemübung innerhalb einer Stunde die Immunantwort auf einen Bakterienbestandteil verändern?
Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde sagt: Atem und Kälte wecken Lebenskraft, danach spürst du Wärme, Klarheit und Kontrolle. Viele erleben genau das, und das Erleben ist echt. Und trotzdem: Was davon ist Gefühl, und was misst man im Blut?
Die biologische Sicht verbindet beides: Die Atemübung ist ein kurzer, selbst gesetzter Stressreiz. Er hebt das Adrenalin, und Adrenalin verändert, wie Abwehrzellen auf Bakterienbestandteile antworten.
Im Detail
Was im Körper passiert. Beim schnellen, tiefen Atmen atmest du mehr Kohlendioxid ab, als du bildest. Das Blut wird basischer, Kribbeln in Händen und Lippen und Leichtigkeit im Kopf sind die Folge. Beim anschließenden Luftanhalten fällt der Sauerstoff im Blut. Beides zusammen meldet dem Nervensystem Alarm, und das Nebennierenmark schüttet Adrenalin aus (Mensch; Kox et al., 2014). Adrenalin bindet an Rezeptoren auf Abwehrzellen und verschiebt ihre Antwort: weniger entzündungsfördernde Botenstoffe, mehr Interleukin-10. Je höher das Adrenalin vorher war, desto höher stieg später Interleukin-10.
Stell dir eine Feuerwache vor, die vor dem Einsatz schon den Funkspruch „Lage unter Kontrolle“ bekommen hat. Sie rückt aus, aber mit weniger Sirene.
Was die Kälte beiträgt. Kälte hat eigene, gut beschriebene Wirkungen: Die Gefäße der Haut verengen sich, Puls und Atmung steigen, und über Wochen gewöhnt sich der Körper an den Reiz (Mensch; Castellani und Young, 2016). In der Studie von Zwaag et al. (2022) verstärkte das Kältetraining die Wirkung der Atemübung, allein veränderte es die Entzündungsreaktion kaum. Plötzliches Eintauchen in kaltes Wasser löst in den ersten Minuten einen Kälteschock aus: Luftschnappen, schnelles Atmen, steigender Puls und Blutdruck. Im offenen Wasser erhöht das die Gefahr zu ertrinken, bei Herzerkrankungen die Gefahr von Rhythmusstörungen (Mensch, Übersicht; Tipton et al., 2017).
Wo die Grenze liegt. Die Studien von Kox und Zwaag sind sorgfältig gemacht, aber klein, kurz und nur an gesunden jungen Männern. Sie messen die Antwort auf einen Laborreiz, keine Krankheit. Ob die Methode bei Autoimmunerkrankungen, chronischer Entzündung oder Infekten im Alltag etwas verändert, ist nicht gezeigt. Die übrigen Studien zur Methode sind klein und haben ein hohes Verzerrungsrisiko (Almahayni und Hammond, 2024). Erwartung und Begeisterung spielen in solchen Studien mit und lassen sich kaum herausrechnen.
Deine Entscheidung. Wenn dich die Methode interessiert, kannst du vor jeder Festlegung drei Dinge beobachten: wie du dich in den Stunden nach einer Atemrunde fühlst, wach oder erschöpft; ob Schwindel, starkes Kribbeln oder Druck im Kopf auftreten; und ob du Kälte als belebend oder als Stress erlebst. Bei Epilepsie, in der Schwangerschaft, bei Herz- oder Gefäßerkrankungen, hohem Blutdruck oder Raynaud-Syndrom gehört die Frage vorher zur Ärztin. Was du daraus machst, entscheidest du.
Die Atemübung ist keine Entspannung, sondern ein kurzer Stressreiz. Er hebt das Adrenalin, und Adrenalin verändert die Abwehr.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Immunsystem (Neuroimmunologie).
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Naturkraft; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Die beiden Kernstudien von Kox et al. (2014) und Zwaag et al. (2022) sind randomisiert, aber klein und nur an gesunden jungen Männern gemacht. Sie zeigen die Antwort auf einen Laborreiz über wenige Stunden, keine Wirkung auf Krankheiten und keine Langzeitdaten. Die übrigen Studien zur Methode haben ein hohes Verzerrungsrisiko (Almahayni und Hammond, 2024). Ob Frauen, ältere Menschen oder Menschen mit chronischen Erkrankungen genauso reagieren, wissen wir nicht.