MOJO LogoMOJO

Vergleich · Diagnosen & Krankheitsbilder

Reizdarm vs. Funktionelle Dyspepsie – unterer vs. oberer GI-Trakt

Reizdarm und Funktionelle Dyspepsie sind die beiden häufigsten funktionellen GI-Erkrankungen – und sie überlappen bei bis zu 50 % der Betroffenen. Hier erfährst du, was sie trennt und was sie verbindet.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Bis zu 50 % der IBS-Patienten haben gleichzeitig eine Funktionelle Dyspepsie – der Overlap ist die Regel, nicht die Ausnahme.
  • IBS = unterer GI-Trakt (Stuhlveränderungen), FD = oberer GI-Trakt (frühes Sättigungsgefühl, Oberbauchschmerzen).
  • Gemeinsame Pathomechanismen: viszerale Hypersensitivität, Darm-Hirn-Achsen-Dysregulation, Mastzell-Aktivierung.

Du hast Reizdarmsymptome, aber auch ständiges Völlegefühl, Übelkeit und Oberbauchbeschwerden? Oder du hast eine Dyspepsie-Diagnose, aber auch Stuhlveränderungen? Die Kombination ist häufiger als jede einzelne Diagnose – und sie erfordert einen anderen Blick.

Was im Körper passiert

IBS und FD teilen den gleichen Motor: eine überempfindliche Darm-Hirn-Achse. Bei IBS reagiert der untere GI-Trakt überempfindlich auf Dehnung und Kontraktion; bei FD der obere GI-Trakt auf Füllung und Säure. Mastzellen in der Mukosa sind bei beiden aktiviert – sie setzen Mediatoren frei (Histamin, Tryptase, Serotonin), die sowohl die viszerale Hypersensitivität als auch die Motilitätsstörung unterhalten.

Reizdarm (IBS)

Das Reizdarmsyndrom betrifft primär den unteren GI-Trakt: Bauchschmerzen in Assoziation mit Stuhlveränderungen (Diarrhö, Obstipation oder beides). Die Rome-IV-Kriterien definieren IBS als wiederkehrende Bauchschmerzen, mindestens 1 Tag/Woche in den letzten 3 Monaten, assoziiert mit Defäkation und/oder Veränderung von Stuhlfrequenz/-konsistenz (Drossman 2016). Betrifft 10–15 % der Weltbevölkerung.

Funktionelle Dyspepsie (FD)

Funktionelle Dyspepsie betrifft primär den oberen GI-Trakt: Oberbauchschmerzen, frühes Sättigungsgefühl, postprandiale Völle und Übelkeit – ohne nachweisbare strukturelle Ursache (Endoskopie normal). Rome-IV unterscheidet zwei Subtypen: Epigastric Pain Syndrome (EPS, brennender Oberbauchschmerz) und Postprandial Distress Syndrome (PDS, frühes Sättigungsgefühl, postprandiale Völle). Betrifft 10–20 % der Bevölkerung. Überlappung mit IBS bei bis zu 50 %.

Vergleich im Detail

KategorieReizdarm (IBS)Funktionelle Dyspepsie (FD)
Lokalisation
Unterer GI-Trakt: Schmerzen typischerweise im Unterbauch (links oder diffus), assoziiert mit Stuhlgang. Besserung nach Defäkation ist ein Diagnosekriterium. Die Symptome sind funktionell im Kolon und Rektum lokalisiert.
Oberer GI-Trakt: Schmerzen im Epigastrium (Oberbauch), frühes Sättigungsgefühl, postprandiale Völle. Keine Assoziation mit Stuhlveränderungen (das ist ein Differentialkriterium zu IBS). Funktionell im Magen und Duodenum lokalisiert.
Leitsymptome
Bauchschmerzen + Stuhlveränderungen: Diarrhö (IBS-D), Obstipation (IBS-C) oder beide alternierend (IBS-M). Blähungen sind häufig, aber nicht diagnoseentscheidend. Symptome verschlimmern sich typisch nach Mahlzeiten und bessern sich häufig nach Stuhlgang.
Oberbauchschmerzen + frühes Sättigungsgefühl: Bei EPS dominiert brennender Oberbauchschmerz (nüchtern oder postprandial), bei PDS dominieren frühes Sättigungsgefühl und postprandiale Völle. Übelkeit ist häufig, Erbrechen weniger. Keine typische Assoziation mit Stuhlveränderungen.
Pathomechanismen (Gemeinsamkeiten)
Viszerale Hypersensitivität: Erniedrigte Schmerzschwelle für rektale Dehnung. Gestörte Darm-Hirn-Achse: Bidirektionale Dysregulation zwischen ZNS und enterischem Nervensystem. Mastzell-Aktivierung in der Mukosa (Barbara et al. 2004). Mikrobiom-Dysbiose. Post-infektiöser Beginn möglich (Thabane et al. 2007).
Viszerale Hypersensitivität: Erniedrigte Schmerzschwelle für gastrale Dehnung. Gestörte Magenakkommodation (der Magen entspannt sich nach dem Essen nicht ausreichend → frühes Sättigungsgefühl). Duodenale Eosinophilie und Mastzell-Aktivierung. Post-infektiöser Beginn (PI-FD) bei bis zu 10 % der Fälle. Gleiche Darm-Hirn-Achsen-Dysregulation wie bei IBS.
Overlap
Bis zu 50 % der IBS-Patienten erfüllen gleichzeitig die Rome-IV-Kriterien für FD. Der Overlap ist so häufig, dass manche Forscher IBS und FD als Manifestationen derselben systemischen Darm-Hirn-Achsen-Störung betrachten – nur in unterschiedlichen Abschnitten des GI-Trakts. Patienten mit Overlap haben schwerere Symptome und schlechtere Lebensqualität.
Bis zu 50 % der FD-Patienten haben gleichzeitig IBS. Die Transition ist bidirektional: Patienten können im Verlauf von FD zu IBS wechseln oder umgekehrt. Gemeinsame Risikofaktoren: weibliches Geschlecht, Angststörungen, Depression, vorangegangene GI-Infektion, Antibiotika-Exposition.
Therapieansätze
Ernährung: Low-FODMAP (Halmos et al. 2014). Spasmolytika (Pfefferminzöl, Butylscopolamin). Niedrig dosierte Antidepressiva (TCA oder SSRI, neuromodulatorisch). Kognitive Verhaltenstherapie, bauchgerichtete Hypnotherapie. Probiotika. Bei IBS-D: Loperamid. Bei IBS-C: Linaclotid, Prucaloprid.
PPI-Therapie (besonders bei EPS, moderate Evidenz). Prokinetika (Itoprid, Domperidon bei PDS – gestörte Magenakkommodation). Niedrig dosierte Antidepressiva (TCA zeigen gute Evidenz bei FD). Kognitive Verhaltenstherapie. Ernährung: kleine, häufige Mahlzeiten, fettreduziert. H. pylori-Eradikation falls positiv ('test and treat' bei FD).

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Bei Overlap-Symptomen (Oberbauch UND Unterbauch) lohnt es sich, beide Rome-IV-Diagnosen systematisch zu prüfen. Zentral wirkende Therapien (niedrig dosierte Antidepressiva als Neuromodulatoren, kognitive Verhaltenstherapie, bauchgerichtete Hypnotherapie) adressieren die gemeinsame Darm-Hirn-Achsen-Dysregulation und können bei beiden Beschwerdebildern wirken. Ein Gastroenterologe mit Erfahrung in funktionellen GI-Erkrankungen ist der richtige Ansprechpartner.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Zum Nachschlagen

Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (3)

Kann sich IBS zu Funktioneller Dyspepsie entwickeln (oder umgekehrt)?

Ja, die Transition ist bidirektional und häufig. Patienten können im Verlauf die dominierenden Symptome wechseln – von IBS zu FD oder umgekehrt. Dies unterstützt die Hypothese, dass es sich um verschiedene Manifestationen derselben systemischen Dysregulation handelt, nicht um getrennte Erkrankungen.

Hilft Low-FODMAP auch bei Funktioneller Dyspepsie?

Die Evidenz ist limitierter als bei IBS, aber erste Studien zeigen, dass Low-FODMAP auch FD-Symptome reduzieren kann – besonders bei Patienten mit Overlap. Der Mechanismus: Reduzierte Fermentation im oberen GI-Trakt und geringere gastrale Dehnung. Bei reiner FD ohne IBS sind kleine, fettarme Mahlzeiten die besser untersuchte Strategie.

Warum haben Frauen häufiger IBS und FD?

Mehrere Faktoren: Östrogen und Progesteron modulieren die viszerale Sensitivität und GI-Motilität (viele Frauen berichten zyklusabhängige Symptomverschlechterung). Frauen zeigen eine höhere Dichte an Mastzellen in der Darmmukosa. Psychosoziale Faktoren (Angst, Depression) sind bei Frauen häufiger und verstärken die Darm-Hirn-Achsen-Dysregulation.
Quellen (4)
  • Functional Gastrointestinal Disorders: History, Pathophysiology, Clinical Features and Rome IV
    Drossman D.A. – Gastroenterology (2016) DOI: 10.1053/j.gastro.2016.02.032
  • Activated mast cells in proximity to colonic nerves correlate with abdominal pain in irritable bowel syndrome
    Barbara G., Stanghellini V., De Giorgio R. et al. – Gastroenterology (2004) DOI: 10.1053/j.gastro.2003.11.055
  • The Vagus Nerve at the Interface of the Microbiota-Gut-Brain Axis
    Bonaz B., Sinniger V., Hoffmann D. et al. – Frontiers in Neuroscience (2018) DOI: 10.3389/fnins.2018.00049
  • Systematic review and meta-analysis: the incidence and prognosis of post-infectious irritable bowel syndrome
    Thabane M., Kottachchi D.T., Marshall J.K. – Alimentary Pharmacology & Therapeutics (2007) DOI: 10.1111/j.1365-2036.2007.03399.x
“
Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
MOJO

War das hilfreich?

Niemand hat die Wahrheit allein. Fehlt etwas oder stimmt etwas nicht? Schreib es in einen Kommentar. Wie wir arbeiten

KommentareAls Erste schreiben

0/2000

Dein Kommentar wird nach E-Mail-Bestätigung sichtbar.