Reizdarm vs. SIBO – zwei Diagnosen, ein Symptombild?
Reizdarm und SIBO teilen viele Symptome – Blähungen, Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten. Aber handelt es sich um dieselbe Erkrankung? Oder behandelt man bei vielen IBS-Patienten in Wirklichkeit eine unerkannte Dünndarm-Fehlbesiedlung?
SIBO und IBS überlappen massiv: Studien zeigen, dass 30–85 % der IBS-Patienten einen positiven Atemtest haben. SIBO kann eine Ursache von IBS-Symptomen sein, ist aber nicht mit IBS gleichzusetzen. Der Migrating Motor Complex (MMC) verbindet beide: Gestörte MMC-Aktivität fördert sowohl bakterielle Fehlbesiedlung als auch IBS-typische Motilitätsstörungen.
Reizdarm (IBS)
Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle gastrointestinale Störung nach den Rome-IV-Kriterien (Drossman 2016). Charakteristisch sind wiederkehrende Bauchschmerzen in Assoziation mit Stuhlveränderungen – ohne nachweisbare strukturelle Pathologie. Die Subtypen (IBS-D, IBS-C, IBS-M) differenzieren nach dem dominierenden Stuhlmuster. Die Pathophysiologie ist multifaktoriell: viszerale Hypersensitivität, Darm-Hirn-Achsen-Dysregulation, Mikrobiom-Dysbiose, Mastzell-Aktivierung und gestörte intestinale Permeabilität.
Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO)
SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth) beschreibt eine abnorme bakterielle Besiedelung des Dünndarmes – ein Abschnitt, der normalerweise relativ keimarm ist (< 10³ CFU/ml). Die überschüssigen Bakterien fermentieren Kohlenhydrate bereits im Dünndarm, was zu Gasproduktion (Wasserstoff, Methan), Blähungen, Schmerzen und Malabsorption führt. Methan-dominante SIBO (IMO – Intestinal Methanogen Overgrowth) wird zunehmend als eigene Entität betrachtet und ist mit Obstipation assoziiert.
Vergleich im Detail
| Kategorie | Reizdarm (IBS) | Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) |
|---|---|---|
| Pathomechanismus | Multifaktoriell: Viszerale Hypersensitivität (erniedrigte Schmerzschwelle im Darm), gestörte Darm-Hirn-Kommunikation, Mikrobiom-Veränderungen, Mastzell-Aktivierung in der Mukosa (Barbara et al. 2004). Der Migrating Motor Complex (MMC) ist bei vielen IBS-Patienten gestört – was wiederum SIBO begünstigen kann. | Bakterielle Überwucherung im Dünndarm: Normalerweise hält der Migrating Motor Complex (MMC) den Dünndarm relativ keimarm durch peristaltische 'Reinigungswellen' zwischen den Mahlzeiten. Bei gestörtem MMC (z. B. nach Gastroenteritis, Opioide, anatomische Veränderungen) wandern Dickdarmbakterien in den Dünndarm und fermentieren Nahrung vorzeitig. |
| Diagnostik | Klinische Diagnose nach Rome-IV-Kriterien (Drossman 2016): Wiederkehrende Bauchschmerzen, mindestens 1 Tag/Woche in den letzten 3 Monaten, assoziiert mit Stuhlveränderungen. Ausschlussdiagnostik: Calprotectin, Zöliakie-Antikörper, Blutbild. Kein spezifischer Biomarker für IBS. | Lactulose- oder Glukose-Atemtest: Messung von Wasserstoff und Methan nach Substratgabe. Ein früher Anstieg (innerhalb von 90 Minuten) gilt als positiv. Die Aussagekraft ist eingeschränkt: Sensitivität und Spezifität liegen bei 50–75 % je nach Protokoll. Die Duodenalaspirat-Kultur (Goldstandard) ist invasiv und wird selten durchgeführt. |
| Overlap / Häufigkeit | 30–85 % der IBS-Patienten zeigen einen positiven Atemtest (je nach Studie und Schwellenwert). Ob SIBO eine Ursache, ein Epiphänomen oder eine Begleiterscheinung von IBS ist, wird kontrovers diskutiert. Die große Bandbreite der Prävalenzzahlen reflektiert die diagnostische Unsicherheit des Atemtests. | SIBO kommt auch außerhalb von IBS vor: nach Operationen (Blindsack-Syndrom), bei Motilitätsstörungen (Diabetes, Sklerodermie), bei Immunsuppression, nach Langzeit-PPI-Therapie (Magensäure als Schutzbarriere fällt weg). Nicht jeder SIBO-Patient hat IBS – und nicht jeder IBS-Patient hat SIBO. |
| Der MMC als Verbindung | Der Migrating Motor Complex (MMC) – die peristaltische 'Reinigungswelle' im Nüchternzustand – ist bei vielen IBS-Patienten gestört. Post-infektiöses IBS (PI-IBS) zeigt besonders häufig MMC-Dysfunktion: Thabane et al. (2007) dokumentierten, dass 10–15 % der Gastroenteritis-Patienten ein persistierendes IBS entwickeln. | Der MMC ist die primäre Schutzbarriere gegen bakterielle Fehlbesiedlung im Dünndarm. Gestörte MMC-Aktivität = mangelhafte 'Selbstreinigung' = bakterielle Überwucherung. Anti-Vinculin-Antikörper (nach Gastroenteritis) können den MMC dauerhaft schädigen – ein Mechanismus, der sowohl PI-IBS als auch rezidivierendes SIBO erklärt. |
| Therapieansätze | Multimodal: Low-FODMAP-Diät (Halmos et al. 2014), Stressreduktion, kognitive Verhaltenstherapie, Probiotika, Spasmolytika, niedrig dosierte Antidepressiva. Wenn SIBO als Ursache identifiziert wird: SIBO-spezifische Behandlung kann IBS-Symptome deutlich verbessern. | Antibiotisch: Rifaximin (topisch wirksam im Dünndarm, minimale systemische Absorption) gilt als Erstlinientherapie für H2-dominante SIBO. Bei IMO (Methan-dominant): Kombination aus Rifaximin + Neomycin oder Metronidazol. Rezidivrate hoch (bis 45 % in 9 Monaten) – MMC-Prokinetik zur Rezidivprophylaxe wird beschrieben. |
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin fragen wir nicht 'IBS oder SIBO?', sondern 'Was hat die Darm-Motilität gestört?' Der MMC ist das Bindeglied – und seine Dysfunktion ist oft die Wurzelursache für beide Phänomene. Eine Gastroenteritis kann über Anti-Vinculin-Antikörper den MMC dauerhaft schädigen und damit sowohl rekurrentes SIBO als auch persistierendes IBS erklären. Die Therapie beginnt nicht bei der Frage 'Antibiotikum oder Diät?', sondern bei der Frage 'Wie stelle ich die interdigestive Motilität wieder her?'
Fazit
SIBO und IBS sind nicht dasselbe – aber sie teilen einen gemeinsamen Nenner: den Migrating Motor Complex. Bei gestörter MMC-Funktion (häufig nach Gastroenteritis) entwickelt sich ein Teufelskreis aus bakterieller Fehlbesiedlung, Gasproduktion, viszeraler Hypersensitivität und Motilitätsstörung. Für einen Teil der IBS-Patienten ist SIBO die behandelbare Ursache – aber nicht für alle. Die Herausforderung liegt in der Diagnostik: Atemtests sind verfügbar, aber nicht perfekt.
Das Wichtigste in Kürze
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
— Erkennen · Verstehen · Verändern
Erkennen
Verstehen
Verändern
Häufige Fragen
Kann SIBO geheilt werden oder kommt es immer wieder?
Macht die Low-FODMAP-Diät SIBO schlechter?
Was ist post-infektiöses IBS (PI-IBS)?
Quellen & Referenzen
- Functional Gastrointestinal Disorders: History, Pathophysiology, Clinical Features and Rome IV
- Systematic review and meta-analysis: the incidence and prognosis of post-infectious irritable bowel syndromeThabane M., Kottachchi D.T., Marshall J.K. – Alimentary Pharmacology & Therapeutics (2007) DOI: 10.1111/j.1365-2036.2007.03399.x
- Activated mast cells in proximity to colonic nerves correlate with abdominal pain in irritable bowel syndromeBarbara G., Stanghellini V., De Giorgio R. et al. – Gastroenterology (2004) DOI: 10.1053/j.gastro.2003.11.055
- A Diet Low in FODMAPs Reduces Symptoms of Irritable Bowel SyndromeHalmos E.P., Power V.A., Shepherd S.J. et al. – Gastroenterology (2014) DOI: 10.1053/j.gastro.2013.09.046
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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