„Was bedeutet Allostase, und was ist mit allostatischer Last gemeint?“
Du hast eine lange Phase hinter dir: Arbeit, Sorgen, schlechter Schlaf, vielleicht ein Infekt, der nicht richtig ausheilte. Jedes für sich war zu schaffen. Dann kippte es, und seitdem reicht deine Kraft nicht mehr. Vielleicht hast du den Begriff allostatische Last gelesen und fragst dich, was er bedeutet.
Die mechanische Sicht sucht die eine Ursache: den Erreger, den Wert außerhalb der Norm, das Organ, das versagt. Das ist ihre Stärke, denn so werden behandelbare Erkrankungen gefunden. Und trotzdem: Was ist, wenn keine einzelne Belastung die Erklärung ist, sondern ihre Summe?
Die energetische Sicht sagt: Du hast mehr gegeben, als zurückkam, dein Fass ist übergelaufen. Sie spürt richtig, dass sich Belastungen sammeln. Und trotzdem: Was genau sammelt sich im Körper, und woran lässt es sich erkennen?
Die biologische Sicht verbindet beides: Jede Anpassung an Stress kostet den Körper etwas. Diese Kosten summieren sich, und die Forschung nennt sie allostatische Last.
Oft heißt es: „Resilienz ist Psychologie.“ Belastbarkeit ist auch Biologie. Jede Anpassung an Stress kostet den Körper etwas, und diese Kosten lassen sich an Blutdruck, Blutzucker und Entzündung ablesen.
Was im Körper passiert
Stell dir ein Gummiband vor, das eine Last hält. Es dehnt sich, wenn die Last kommt, und zieht sich zusammen, wenn sie weg ist. Das ist Allostase: Stabilität, weil das System nachgibt. Hängt die Last aber ständig daran oder wird sie immer wieder ruckartig angehängt, verliert das Band seine Spannkraft. Das ist allostatische Last.
Im Körper sind die Botenstoffe der Anpassung vor allem Cortisol und Adrenalin. Kurzfristig schützen sie: Sie stellen Energie bereit, schärfen die Aufmerksamkeit und lenken das Immunsystem. Dieselben Botenstoffe schaden, wenn sie zu oft oder zu lange ausgeschüttet werden, oder wenn sie zu schwach sind und andere Systeme, etwa Entzündungsbotenstoffe, überschießen (Mensch; McEwen 1998). Sichtbar wird die Last an Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten und Entzündungswerten (Mensch; Juster und Kollegen 2010).
Was das für dich heißt: Oft ist es nicht die eine Belastung, sondern die Rechnung, die nie beglichen wird. Dein Körper ist nicht schwach, er hat lange ausgeglichen. Erholung beginnt dort, wo die Anpassung wieder abschalten darf.
ME/CFS gehört vor allem zum Nervensystem: Atmung, Bewegung, Verbindung.
Allostase und allostatische Last: Bedeutung einfach erklärt: Allostase bedeutet Stabilität durch Anpassung: Dein Körper verändert Stresshormone, Puls, Blutzucker und Immunabwehr, um einer Belastung zu begegnen. Die allostatische Last ist der Preis, wenn diese Anpassung zu oft, zu lange oder unpassend läuft; sie sammelt sich im Körper an.
Allostase: Bedeutung und Herkunft. Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt sinngemäß „Stabilität durch Wandel“. Geprägt haben es Ende der 1980er-Jahre die Physiologen Peter Sterling und Joseph Eyer. Gemeint ist: Der Körper hält sein Gleichgewicht nicht, indem er alles konstant hält, sondern indem er sich aktiv an das anpasst, was kommt.
Allostase und Homöostase. Homöostase beschreibt die Werte, die eng konstant bleiben müssen, etwa Körpertemperatur, Säuregrad des Blutes oder Sauerstoff. Allostase beschreibt die Systeme, die sich dafür bewegen: Stressachse, Sympathikus, Herz und Kreislauf, Stoffwechsel und Immunsystem. Sie schalten hoch, wenn Belastung kommt, und wieder herunter, wenn sie vorbei ist (Mensch, Lehrbuchwissen; McEwen 1998).
Allostatische Last: Definition nach McEwen. McEwen und Stellar (1993) führten den Begriff allostatische Last ein: die Abnutzung, die entsteht, wenn diese Anpassung immer wieder oder dauerhaft gefordert wird. McEwen (1998) beschrieb vier Muster, wie das passiert: häufige Belastungen hintereinander, ausbleibende Gewöhnung an dieselbe Belastung, eine Stressantwort, die nach dem Ende nicht abschaltet, und eine zu schwache Antwort, die andere Systeme mit Überschießen ausgleichen müssen (Modell nach McEwen). Wird die Last so groß, dass sie Krankheit begünstigt, spricht man von allostatischer Überlastung.
Wie man allostatische Last misst. Juster und Kollegen (2010) haben die Biomarker zusammengestellt, mit denen Studien die Last schätzen: Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin, DHEA-S, Blutdruck, Blutzucker und HbA1c, Blutfette, Taillenumfang und Entzündungswerte wie CRP (Mensch). Je mehr Werte im ungünstigen Bereich liegen, desto höher der Index. Einen einheitlichen Index für die Praxis gibt es nicht.
Allostatische Last und ME/CFS. In einer Bevölkerungsstudie aus den USA hatten Menschen mit chronischem Erschöpfungssyndrom häufiger eine hohe allostatische Last als Menschen ohne Erschöpfung (Mensch, Querschnitt; Maloney und Kollegen 2006). Das zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache. Kernmerkmal von ME/CFS ist die Verschlechterung nach Belastung, die Post-Exertional Malaise. Das Modell der Last kann helfen zu verstehen, warum eine Infektion oder eine schwere Zeit bei manchen den Ausschlag gibt, beweisen kann es das nicht. Wie die Stressachse dabei eingestellt ist, erklärt das Glossar HPA-Achse.
Jede Anpassung an Stress hat ihren Preis. Allostatische Last ist die Rechnung, wenn die Anpassung nie abschalten darf.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Drei Systeme antworten gemeinsam: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung. Wenn du deine eigene Last sehen möchtest, kannst du eine Woche lang drei Dinge notieren:
Welche Belastungen gerade gleichzeitig an dir ziehen, körperlich, seelisch und im Alltag.
Wann die Anspannung nach einer Belastung wieder abklingt, nach Minuten, nach Stunden oder erst am nächsten Tag.
Was dich spürbar erholt, und wie oft am Tag es vorkommt.
Bei ME/CFS kann die Liste zeigen, wo Energie abfließt, ohne dass du mehr aushalten musst. Was du davon änderst, entscheidest du.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Allostatische Last ist ein Konzept, kein Laborwert. Studien messen sie mit unterschiedlichen Sätzen von Biomarkern, darum sind Ergebnisse schwer vergleichbar, und einen anerkannten Grenzwert für die Praxis gibt es nicht. Der Zusammenhang mit ME/CFS stammt aus einer Querschnittsstudie mit älteren Kriterien; ob die Last ME/CFS mit auslöst oder die Erkrankung die Last erhöht, ist offen. Studien, die zeigen, dass sich ME/CFS-Beschwerden über eine gesenkte Last bessern, fehlen.