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Liste · Therapien & Interventionen · 8 Punkte

Kälteexposition: 8 Fehler, die Anfänger am häufigsten machen

Die meisten schlechten Erfahrungen mit Kälteexposition entstehen nicht durch die Kälte selbst, sondern durch die Art, wie jemand sie erlebt: zu plötzlich, zu lange, allein oder mit einem Körper, der gerade keine Reserve hat. Tipton und Kollegen (2017) beschreiben die Risiken beim Eintauchen in kaltes Wasser als real und zugleich gut verstanden. Die acht Fehler unten folgen dieser Physiologie, vom Kälteschock in der ersten Minute bis zum Afterdrop nach dem Ausstieg.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Die gefährlichste Phase ist die erste Minute: Kälteschock mit Luftschnappen und schnellem Atmen, im offenen Wasser mit Gefahr zu ertrinken (Mensch; Tipton und Kollegen 2017).
  • Mehr ist nicht besser: In der größten Studie zum kalten Duschen wirkten 30 Sekunden wie 90 (Mensch; Buijze et al. 2016).
  • Herzerkrankung, Bluthochdruck, Raynaud, Kälteurtikaria und Schwangerschaft gehören vor dem ersten Kältereiz zur Ärztin, weil Kälte Herz und Gefäße stark fordert (Mensch; Tipton und Kollegen 2017).

„Was machen Anfänger bei der Kälteexposition falsch, und wie vermeide ich die typischen Fehler?“

Du kennst das vielleicht: Du hast ein Video vom Eisbaden gesehen, bist am nächsten Morgen in den kalten See gestiegen, hast nach Luft geschnappt und warst nach Sekunden wieder draußen, mit rasendem Herzen. Oder du willst gerade erst anfangen und fragst dich, was dabei schiefgehen kann.

Die mechanische Sicht sagt: Kälte ist ein Risiko mit klaren Ausschlüssen, und wer gesund ist, kann es mit Regeln beherrschen. Das ist richtig, denn Ertrinken und Unterkühlung haben klare Ursachen. Und trotzdem: Warum geraten auch gesunde, gute Schwimmer in den ersten Sekunden in Not?

Die energetische Sicht sagt: Kälte macht wach und stark, wer sie aushält, wächst daran. Sie spürt richtig, dass Kälte ein Reiz ist, an dem der Körper sich anpasst. Und trotzdem: Wenn Aushalten das Ziel ist, wird mehr immer besser, und genau dort beginnen die meisten Fehler.

Die biologische Sicht verbindet beides: Kälte wirkt über eine Reflexantwort des Nervensystems. Diese Antwort trainiert, wenn sie dosiert kommt, und überfordert, wenn sie plötzlich, lang oder unbegleitet kommt.

Oft heißt es: „Natur ist Wellness.“ Kälte ist kein Wellnessbad und keine Mutprobe, sondern ein starker Reiz für Nervensystem, Herz und Gefäße. Die meisten Fehler entstehen, weil dieser Reiz unterschätzt wird.

Was im Körper passiert

Trifft kaltes Wasser plötzlich auf viel Haut, melden Kälterezeptoren einen schnellen Temperatursturz. Der Sympathikus, der Aktivierungsteil des Nervensystems, springt an. In der ersten Minute schnappst du unwillkürlich nach Luft, atmest schnell und flach, Puls und Blutdruck steigen. Die Fachsprache nennt das Kälteschockreaktion (Mensch; Tipton und Kollegen 2017). Liegt dein Kopf in diesem Moment unter Wasser, atmest du Wasser ein.

Taucht zusätzlich das Gesicht ein, springt der Tauchreflex an und bremst den Puls über den Vagusnerv. Gas und Bremse gleichzeitig können bei einem empfindlichen Herzen Rhythmusstörungen auslösen (Mensch; Shattock und Tipton 2012).

Die gute Nachricht: Diese Reflexantwort lernt. Mit wiederholten, kurzen Kältereizen wird der Kälteschock schwächer, das nennt die Forschung Gewöhnung oder Habituation (Mensch; Castellani und Young 2016). Die meisten Fehler überspringen genau diesen Lernweg.

1. 1. Gleich ins eiskalte Wasser springen

Der häufigste Fehler ist der Sprung ins Eiswasser am ersten Tag. Der Kälteschock ist in der ersten Minute am stärksten: unwillkürliches Luftschnappen, schnelles Atmen, steigender Puls und Blutdruck, so beschreiben es Tipton und Kollegen (2017). Wer springt, gibt Atem und Kreislauf keine Zeit, sich zu fangen. Der Kälteschock wird mit Gewöhnung schwächer, aber diese Gewöhnung entsteht durch Wiederholung, nicht durch einen einzelnen harten Reiz (Castellani und Young 2016).

Tipp: Langsames Hineingehen statt Springen gibt dem Atem die erste Minute, die er braucht. Wie Studien den Einstieg beschreiben, steht im Leitfaden für den Einstieg.

2. 2. Mit dem Kopf voran untertauchen

Kaltes Wasser im Gesicht löst den Tauchreflex aus, der den Puls über den Vagus bremst. Gleichzeitig treibt der Kälteschock den Puls über den Sympathikus nach oben. Shattock und Tipton (2012) beschreiben dieses gleichzeitige Gas und Bremse als möglichen Auslöser von Herzrhythmusstörungen beim Eintauchen, vor allem bei vorgeschädigtem Herzen. Dazu kommt: Wer in der ersten Minute untertaucht, kann beim Luftschnappen Wasser einatmen.

Tipp: Den Kopf über Wasser zu halten, nimmt beide Risiken heraus. Mehr zum Reflex im Glossar Tauchreflex.

3. 3. Atemübungen im oder am Wasser

Viele verbinden Kälte mit Atemübungen aus schnellem, tiefem Atmen und Luftanhalten. Nach dem schnellen Atmen ist so viel Kohlendioxid abgeatmet, dass der Atemantrieb beim Luftanhalten spät kommt. Der Sauerstoff kann dann so weit fallen, dass du ohne Vorwarnung das Bewusstsein verlierst. An Land ist das ein Sturz, im Wasser kann es tödlich enden, auch in der Badewanne oder am Beckenrand.

Tipp: Atemübungen gehören nie ins Wasser und nicht an den Rand davon. Was die Studien zur Wim Hof Methode zeigen, steht in der Antwort zur Wim Hof Methode.

4. 4. Allein ins offene Wasser

Tipton und Kollegen (2017) beschreiben im offenen Wasser drei Gefahren nacheinander: den Kälteschock in den ersten Minuten, danach nachlassende Kraft und Koordination in Armen und Beinen, sodass auch gute Schwimmer nicht mehr sicher schwimmen, und bei langem Aufenthalt die Unterkühlung, also Hypothermie. Jede dieser Phasen kann zum Ertrinken führen. Wer allein ist, hat in diesen Momenten niemanden, der hilft oder den Notruf wählt.

Tipp: Ins offene Wasser nie allein: eine Person am Ufer, ein sicherer Ausstieg, warme Kleidung in Reichweite. Bei einem Notfall gilt: 112.

5. 5. Länger bleiben, als der Reiz es braucht

Der Gedanke, länger sei wirksamer, ist verbreitet. In der Cool Challenge von Buijze et al. (2016) mit über 3.000 Erwachsenen machte es für die Krankmeldungen keinen Unterschied, ob jemand 30, 60 oder 90 Sekunden kalt duschte. Im Wasser dagegen steigt mit jeder Minute das Risiko, dass Kraft, Koordination und Kerntemperatur sinken (Tipton und Kollegen 2017). Wer die Zeit zum Wettbewerb macht, überschreitet leicht den Punkt, an dem aus Reiz Überlastung wird.

Tipp: Welche Zeiten und Temperaturen Studien beschreiben, steht in der Antwort Wie kalt muss es sein?.

6. 6. Gegenanzeigen übergehen

Kälte fordert Herz, Gefäße, Haut und Immunsystem. Bei Herzerkrankungen und Rhythmusstörungen, schlecht eingestelltem Bluthochdruck, Raynaud-Syndrom, Kälteurtikaria, Kryoglobulinämie und in der Schwangerschaft kann aus dem Reiz eine Überlastung werden (Tipton und Kollegen 2017). Bleakley und Kollegen (2014) führen solche Gegenanzeigen auch für die Kältekammer auf. Der Fehler liegt meist nicht im Wissen, sondern darin, es auf sich selbst nicht anzuwenden.

Tipp: Ob Kälte für dich passt, klärst du bei diesen Diagnosen mit deiner Ärztin, in der Schwangerschaft mit deiner Frauenärztin. Die Gründe stehen in den Kontraindikationen der Kältetherapie.

7. 7. Krank, erschöpft oder nach Alkohol in die Kälte

Kälte ist ein Reiz für einen Körper, der sich danach erholen kann. Bei Fieber oder einem akuten Infekt arbeitet das Immunsystem schon auf Hochtouren, nach einer kurzen Nacht oder harter Belastung fehlt Reserve. Alkohol weitet die Gefäße der Haut, du verlierst schneller Wärme und schätzt Kälte und eigene Grenzen schlechter ein. Genau dann verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Reiz und Erholung.

Tipp: Ein Tag ohne Kälte nimmt dem Reiz nichts, den du an einem erholten Tag setzt.

8. 8. Nach dem Ausstieg den Afterdrop unterschätzen

Nach dem Ausstieg sinkt die Kerntemperatur oft noch einige Minuten weiter. Die Fachsprache nennt das Afterdrop: Die Gefäße der Haut öffnen sich wieder, kühles Blut aus Armen und Beinen fließt zum Kern. Eine heiße Dusche direkt danach weitet die Gefäße schlagartig, der Blutdruck kann fallen, manche werden schwindelig. Zittern danach ist normal, es ist Wärmebildung der Muskeln.

Tipp: Trockene, warme Kleidung, leichte Bewegung und ein warmes Getränk wärmen sanfter als heißes Wasser. Verwirrtheit, verwaschene Sprache oder Zittern, das plötzlich aufhört, deuten auf eine Unterkühlung: 112.

zum Merken
Kälte wirkt über einen Reflex des Nervensystems. Er lernt mit kurzen, wiederholten Reizen und überfordert, wenn der Reiz plötzlich und allein kommt.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Immunsystem (Neuroimmunologie).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Naturkraft; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Bevor du Kälte ausprobierst oder weitermachst, kannst du drei Dinge für dich klären:

Welche Form meinst du: die kalte Dusche zu Hause, ein Becken, offenes Wasser oder eine Kältekammer mit Aufsicht?

Gibt es Diagnosen an Herz, Blutdruck, Gefäßen oder Haut, oder bist du schwanger? Dann gehört die Frage zuerst zu deiner Ärztin.

Wer ist dabei, wenn du ins offene Wasser gehst, und wie wärmst du dich danach auf?

Mit diesen Antworten weißt du, welche der acht Fehler dich betreffen. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Die Fehler beruhen vor allem auf Physiologie, Übersichtsarbeiten und Unfallanalysen, nicht auf Studien, die Anfänger mit und ohne diese Fehler verglichen haben. Wie groß das Risiko für einen einzelnen Menschen ist, lässt sich daraus nicht berechnen. Die Studie zur kalten Dusche hat gesunde Erwachsene untersucht; für Menschen mit chronischen Erkrankungen fehlen Daten weitgehend.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Luftschnappen und Herzrasen beim Sprung ins kalte Wasser: Kälteschockreaktion
  • Gas und Bremse gleichzeitig am Herzen: autonomer Konflikt, Herzrhythmusstörung
  • Ohnmacht nach schnellem Atmen und Luftanhalten: Hyperventilation, hypoxische Synkope
  • Kraft in Armen und Beinen lässt im Wasser nach: Schwimmversagen, neuromuskuläre Abkühlung
  • Nach dem Bad wird mir noch kälter: Afterdrop
  • Unterkühlung: Hypothermie
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (3)

Ist es normal, nach der Kälte zu zittern?

Ja. Zittern ist Wärmebildung durch unwillkürliche Muskelarbeit und nach einem Kältereiz eine normale Antwort. Es klingt mit trockener Kleidung und Bewegung ab. Kommen Verwirrtheit, verwaschene Sprache oder Ungeschicklichkeit dazu, oder hört das Zittern bei weiter kaltem Körper plötzlich auf, deutet das auf eine Unterkühlung: 112.

Kann man durch zu viel Kälte krank werden?

Erkältungen entstehen durch Viren, nicht durch Kälte. Ein starker Kältereiz ist aber Stress für den Körper, und in einem Infekt fehlt die Reserve, ihn zu verarbeiten. In der Cool Challenge meldeten sich Menschen, die kalt duschten, seltener krank, krank fühlten sie sich etwa gleich oft (Buijze et al. 2016). Bei Fieber oder akutem Infekt passt Kälte darum nicht.

Hilft kalt duschen überhaupt?

In der größten Studie dazu meldeten sich Erwachsene, die 30 Tage lang ihre warme Dusche kalt beendeten, um 29 Prozent seltener krank als die Vergleichsgruppe, unabhängig davon, ob sie 30, 60 oder 90 Sekunden kalt duschten (Mensch; Buijze et al. 2016). Die Einzelheiten stehen im Beitrag zur Cool Challenge.
Quellen (3)
  • Cold water immersion: kill or cure?
    Tipton M.J., Collier N., Massey H., Corbett J., Harper M. – Experimental Physiology (2017) DOI: 10.1113/ep086283
  • Whole-body cryotherapy: empirical evidence and theoretical perspectives
    Bleakley C.M., Bieuzen F., Davison G.W., Costello J.T. – Open Access Journal of Sports Medicine (2014) DOI: 10.2147/oajsm.s41655
  • The Effect of Cold Showering on Health and Work: A Randomized Controlled Trial
    Buijze G.A., Sierevelt I.N., van der Heijden B.C.J.M., Dijkgraaf M.G., Frings-Dresen M.H.W. – PLoS ONE (2016) DOI: 10.1371/journal.pone.0161749

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

“
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