„Mein Kribbeln zieht bis in die Großzehe, und die Ärztin spricht von L5 oder S1. Was ist ein Dermatom?“
Es kribbelt an der Außenseite des Unterschenkels bis in die Großzehe. Oder ein brennender Streifen zieht um eine Seite deines Brustkorbs. Die Ärztin sagt: Das passt zu L5, oder: Das folgt einem Dermatom. Und du fragst dich, was das heißt.
Die mechanische Sicht liest die Karte wie einen Schaltplan: Ein Hautareal gehört zu einer Wurzel, also sitzt das Problem dort, wo diese Wurzel das Rückenmark verlässt. Das ist ihre große Stärke, denn so findet sie einen Bandscheibenvorfall oder eine Gürtelrose schnell. Und trotzdem: Die Karten weichen voneinander ab, und viele Schmerzen halten sich an keine Grenze.
Die energetische Sicht denkt in Zonen, die Haut und Inneres verbinden, und sagt: Die Haut spiegelt, was innen los ist. Sie spürt richtig, dass Haut und Organe über gemeinsame Nervensegmente verbunden sind; so zieht Herzschmerz in den Arm. Und trotzdem: Nicht jede Zone ist eine Nervenbahn, und keine Karte ersetzt die Untersuchung.
Die biologische Sicht verbindet beides: Ein Dermatom zeigt, welcher Nerv spricht. Wie laut er spricht, entscheidet das Nervensystem mit.
Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Schmerz, der keinem Dermatom folgt, ist nicht eingebildet. Er kann aus einem Nervensystem kommen, das Signale verstärkt, und das lässt sich biologisch beschreiben.
Was im Körper passiert
Stell dir das Rückenmark als Hochhaus vor, mit einem Stockwerk je Segment. Aus jedem Stockwerk führt links und rechts ein Kabel nach außen, der Spinalnerv. Seine hintere Wurzel bringt Meldungen von einem Stück Haut zurück: Berührung, Wärme, Schmerz. Dieses Stück Haut ist das Dermatom.
Beim Embryo liegen die Segmente noch ordentlich übereinander. Dann wachsen Arme und Beine aus dem Rumpf heraus und nehmen ihre Hautstreifen mit. Darum liegen die Dermatome am Rumpf wie Gürtel, an den Beinen wie lange Bänder, und die Großzehe gehört zu einem Lendensegment. Benachbarte Streifen überlappen; fällt eine Wurzel aus, übernehmen die Nachbarn einen Teil (Mensch; Lee et al., 2008).
Was zeigt die Karte nicht? Wie stark ein Signal ankommt. Im Hinterhorn des Rückenmarks, wo die Wurzel ankommt, kann das Nervensystem Signale verstärken, wenn es lange im Schutzmodus war. In der Forschung heißt das zentrale Sensitivierung. Schmerz breitet sich dann über die Grenzen eines Dermatoms aus und wird schon bei leichten Reizen gespürt (Mensch; Woolf, 2011).
Dermatom: welches Hautareal zu welcher Nervenwurzel gehört: Ein Dermatom ist das Hautareal, dessen Gefühl überwiegend eine einzelne Nervenwurzel des Rückenmarks vermittelt. Dermatome zeigen, welcher Nerv spricht, wenn Haut kribbelt, taub wird oder schmerzt.
Von C2 bis S5. Aus dem Rückenmark treten auf jeder Seite 31 Spinalnerven aus, einer je Segment; man spricht auch von Nervensegmenten. Jeder versorgt mit seiner hinteren Wurzel ein Stück Haut. Weil die erste Halswurzel meist keine Hautfasern hat, ergeben sich 30 Dermatome: sieben am Hals (C2 bis C8), zwölf an der Brust (T1 bis T12, in deutschen Karten oft Th), fünf an der Lende (L1 bis L5), fünf am Kreuzbein (S1 bis S5) und eines am Steißbein. Am Rumpf liegen sie wie Gürtel übereinander, an Armen und Beinen ziehen sie als Längsstreifen.
Wichtige Landmarken. Grob gilt nach den gebräuchlichen Karten:
- C6: Daumen und Daumenseite des Unterarms
- C7: Mittelfinger
- C8: kleiner Finger und Kleinfingerseite der Hand
- T4: Höhe der Brustwarzen
- T10: Höhe des Nabels
- L1: Leiste
- L4: Innenseite des Unterschenkels, Innenknöchel
- L5: Außenseite des Unterschenkels, Fußrücken, Großzehe
- S1: Außenrand des Fußes, kleine Zehe, Ferse, Teile der Fußsohle
- S2 bis S4: Gesäß, Damm und Genitalbereich, das Reithosenareal
Karten weichen ab. Die Dermatomkarten in Lehrbüchern stammen aus unterschiedlichen Methoden. Frühe Forscher durchtrennten einzelne Wurzeln oder beobachteten Gürtelrose; Keegan und Garrett zeichneten 1948 nach Bandscheibenvorfällen lange, geschwungene Streifen (Downs & Laporte, 2011; Greenberg, 2003). Eine systematische Auswertung kam zu dem Schluss, dass viele Karten auf schwachen Studien beruhen, und zeichnete eine neue Karte nach den besten Belegen; Überlappung und Unterschiede zwischen Menschen seien größer als oft gezeigt (Mensch; Lee et al., 2008). Weil benachbarte Dermatome überlappen, macht der Ausfall einer einzelnen Wurzel meist kein völlig taubes Feld, sondern ein schwächeres Gefühl.
Bandscheibe und Nervenwurzel. Drückt eine Bandscheibe auf eine Wurzel, folgen Schmerz, Kribbeln oder Taubheit oft ihrem Dermatom: bei L5 bis in Fußrücken und Großzehe, bei S1 an den Außenrand des Fußes. Man spricht von radikulärem Schmerz. Zur ärztlichen Einordnung gehört immer auch die Prüfung von Kraft und Reflexen, nicht nur der Haut.
Gürtelrose. Das Windpockenvirus bleibt nach der Kinderkrankheit in den Nervenknoten neben dem Rückenmark. Wird es wieder aktiv, wandert es den Nerv entlang und macht einen schmerzhaften Ausschlag mit Bläschen in einem Dermatom, fast immer auf einer Seite und meist am Rumpf (Mensch; Cohen, 2013). Die Behandlung wirkt am besten, wenn sie in den ersten Tagen beginnt; ein Ausschlag an Stirn, Auge oder Nasenspitze gehört noch am selben Tag zur Ärztin (Cohen, 2013).
Übertragener Schmerz. Innere Organe melden sich über dieselben Rückenmarkssegmente wie bestimmte Hautareale. Darum kann Schmerz vom Herzen in den linken Arm ziehen und Schmerz der Gallenblase in die rechte Schulter. Brustschmerz mit Ausstrahlung, Atemnot oder Ohnmacht ist ein Notfall: 112.
Ein Dermatom zeigt, welcher Nerv spricht. Wie laut er spricht, entscheidet das Nervensystem mit.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.
Du kannst ein paar Tage lang aufzeichnen, wo genau es kribbelt, brennt oder taub ist, am besten als Skizze: ein klarer Streifen auf einer Seite oder flächig und wandernd. Du kannst notieren, was es verstärkt, etwa Sitzen, Husten oder Bücken, und was es lindert. Mit dieser Skizze gehst du zur Ärztin; einen Ausschlag in einem Streifen zeigst du ihr in den ersten Tagen.
Plötzliche Taubheit mit Lähmung, Taubheit im Reithosenareal zwischen den Beinen oder eine neue Störung beim Wasserlassen oder Stuhlgang sind ein Notfall: Ruf die 112.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Dermatomkarten sind Mittelwerte. Zwischen Menschen und zwischen Karten gibt es deutliche Unterschiede, und viele Karten stützen sich auf alte, kleine Studien (Lee et al., 2008; Downs & Laporte, 2011). Ein Kribbeln in einem Dermatom zeigt nicht sicher, welche Wurzel betroffen ist; dazu gehören die Prüfung von Kraft und Reflexen und, wenn nötig, Bildgebung. Ob ausstrahlender Schmerz von einer gereizten Wurzel oder von einem empfindlicher gestellten Nervensystem kommt, lässt sich nur im Einzelfall ärztlich einordnen.