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Überblick · Regenerationsmedizin

Insulinresistenz und Stoffwechsel: Schutz statt Defekt verstehen

Insulinresistenz ist zuerst ein Schutz vor Zucker ohne Abnehmer. Warum „Stoffwechsel anregen“ zu kurz greift und Flexibilität mehr zählt als Tempo.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Insulinresistenz beginnt als Schutz: Schon 48 Stunden Fasten machen gesunde Menschen insulinresistent, und überladene Zellen drosseln die Insulinwirkung, um sich zu schützen (Mensch; Bergman et al., 2007; Zelle und Tier; Hoehn et al., 2009).
  • Zum Problem wird Insulin ohne Pause: Dauerhaft hohes Insulin baut weiter Fett auf, verstärkt die Resistenz und hängt mit Typ-2-Diabetes und Gefäßerkrankungen zusammen (Mensch; Kolb et al., 2020).
  • Ein gesunder Stoffwechsel ist nicht schnell, sondern flexibel: Er wechselt zwischen Fett und Zucker, und genau das fällt bei Insulinresistenz schwer (Mensch; Kelley und Mandarino, 2000).

„Ich habe Insulinresistenz: Ist mein Stoffwechsel kaputt, und muss ich ihn anregen?“

Du kennst das vielleicht: Im Befund steht ein erhöhter Insulinwert, dazu der Satz „Sie sind insulinresistent“. Du suchst danach und liest von Vorstufe, Diabetes, Herz. Oder du wirst nach dem Essen müde, und überall steht der Rat, deinen Stoffwechsel anzuregen. Ist dein Stoffwechsel kaputt?

Die mechanische Sicht der Stoffwechselmedizin sieht eine Störung im Insulinsignal: Die Zellen reagieren zu schwach, die Bauchspeicheldrüse muss mehr leisten, und das Risiko für Typ-2-Diabetes und Gefäßerkrankungen steigt (Mensch; Kolb et al., 2020). Wer das früh erkennt, gewinnt Zeit. Diese Sicht ist richtig und schützt Gesundheit. Und trotzdem: Warum wird ein gesunder, schlanker Mensch nach 48 Stunden Fasten von selbst insulinresistent (Mensch; Bergman et al., 2007)?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde spricht von einem trägen Stoffwechsel, der angeregt, entlastet oder entgiftet werden will. Sie spürt richtig, dass der Körper sinnvoll reagiert und dass Müdigkeit nach dem Essen ein Signal ist. Und trotzdem: Wenn der Stoffwechsel nur zu langsam wäre, warum kann er bei Insulinresistenz nicht mehr zwischen Fett und Zucker wechseln (Mensch; Kelley und Mandarino, 2000)?

Die biologische Sicht verbindet beides: Insulinresistenz beginnt als Umleitung, mit der sich die Zelle vor Zucker ohne Abnehmer schützt. Gesund ist ein Stoffwechsel, der wechseln kann.

Oft heißt es: „Insulinresistenz ist schlecht.“ Insulinresistenz ist erst einmal eine Umleitung: Die Zelle schließt die Tür, wenn Zucker keinen Abnehmer hat. Zum Problem wird Insulin ohne Pause.

Was im Körper passiert

Stell dir eine Muskelzelle wie eine Werkstatt mit Lager vor. Insulin klingelt an der Tür und bringt Zucker. Läuft die Werkstatt, holt sie den Zucker gern herein und verbrennt ihn. Ist das Lager voll und die Werkstatt steht still, öffnet sie nur noch halb. Das ist keine Störung, sondern Schutz: Mitochondrien im Stau bilden mehr reaktive Sauerstoffverbindungen, und die Zelle drosselt die Insulinwirkung (Zelle und Tier; Hoehn et al., 2009).

Was macht der Lieferant? Er klingelt lauter: Die Bauchspeicheldrüse schüttet mehr Insulin aus. Weil Insulin außer dem Zuckerweg auch die Fetteinlagerung antreibt, füllt sich das Lager weiter, während die Werkstatt hungert (Mensch, Übersicht; Kolb et al., 2020). Das Klingeln ohne Pause macht die Tür noch schwerhöriger.

Die Lösung liegt darum nicht darin, lauter zu klingeln oder die Werkstatt anzuheizen. Sie liegt darin, dass Zucker wieder einen Abnehmer findet und Insulin Pausen bekommt: ein Muskel, der arbeitet, Zeit zwischen den Mahlzeiten, weniger Alarm aus Nervensystem und Immunsystem. Dann kann die Zelle wieder wechseln, zwischen Fett und Zucker, zwischen Ruhe und Arbeit. Das ist metabolische Flexibilität, und sie fehlt bei Insulinresistenz messbar (Mensch; Kelley und Mandarino, 2000).

Die meisten Seiten zu Insulinresistenz erklären sie als Störung und geben Ernährungstipps; die Seiten zu „Stoffwechsel anregen“ versprechen mehr Verbrennung. Selten erklärt wird, wozu der Körper Insulinresistenz bildet und warum Flexibilität mehr zählt als Tempo. Diese Seite ist der Überblick über das Feld Stoffwechsel mit Insulin, Zucker und Diabetes.

Stoffwechsel, auch Metabolismus genannt, ist alles, was dein Körper mit Nahrung, Sauerstoff und Bausteinen tut: zerlegen, umbauen, speichern, verbrennen. Ein Teil davon ist der Energiestoffwechsel. Er macht aus Zucker und Fett die Energie, mit der jede Zelle arbeitet. Das Hormon Insulin regelt dabei, wohin der Zucker aus dem Blut geht: in Muskeln, Leber und Fettgewebe oder vorerst nirgendwohin.

Zwei Sätze begegnen dir zu diesem Thema ständig. Der erste kommt oft aus der Praxis: „Sie sind insulinresistent.“ Der zweite steht in jeder Zeitschrift: Du sollst deinen Stoffwechsel anregen. Beide klingen, als sei etwas kaputt oder zu langsam. Diese Seite zeigt eine andere Sicht, eine Ebene tiefer in der Biologie: Insulinresistenz ist zuerst ein Schutz, und ein gesunder Stoffwechsel ist nicht schnell, sondern flexibel.

Was ist Insulinresistenz?

Insulin wirkt wie ein Schlüssel: Es öffnet in Muskel- und Fettzellen die Tür für Zucker. Reagieren die Zellen schwächer auf diesen Schlüssel, spricht man von Insulinresistenz. Damit der Blutzucker trotzdem im Normbereich bleibt, schüttet die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin aus. Dieses dauerhaft erhöhte Insulin heißt Hyperinsulinämie. Über Jahre kann die Bauchspeicheldrüse an ihre Grenze kommen; dann steigt auch der Blutzucker, und es entsteht ein Prädiabetes oder ein Typ-2-Diabetes (Mensch; Lehrbuchwissen).

Insulinresistenz macht selten deutliche Beschwerden. Manche Menschen bemerken Müdigkeit nach dem Essen, Heißhunger, mehr Bauchumfang oder dunklere Hautstellen am Nacken. Keines dieser Zeichen beweist etwas. Ob eine Insulinresistenz oder ein Diabetes vorliegt, zeigt erst das Labor, und das klärt deine Ärztin.

Erste Wende: Insulinresistenz ist zuerst ein Schutz

Eine Forschungsgruppe in Colorado ließ gesunde Erwachsene 48 Stunden fasten und maß danach mit dem genauesten verfügbaren Verfahren, wie gut Insulin Zucker in die Gewebe bringt. Bei den schlanken Teilnehmenden fiel die Zuckeraufnahme auf weniger als die Hälfte (Mensch; Bergman et al., 2007). Ein gesunder Körper wird also in zwei Tagen von selbst insulinresistent. Wozu?

Weil der Zucker gerade keinen Abnehmer hat, der ihn dringender braucht als das Gehirn. Der Muskel kann auf Fett umschalten, das Gehirn kaum. Also schließt der Muskel seine Tür halb und überlässt den Zucker dem Gehirn. Achim Peters und Kollegen beschreiben ein egoistisches Gehirn, das seine Energie zuerst sichert (Modell nach Peters et al., 2004).

Dasselbe Prinzip greift, wenn zu viel ankommt. Strömt mehr Brennstoff in eine Zelle, als ihre Mitochondrien verarbeiten können, staut er sich. Es entstehen mehr reaktive Sauerstoffverbindungen, und die Zelle drosselt die Insulinwirkung. In Zell- und Mausversuchen verschwand die Insulinresistenz, wenn man diese Sauerstoffverbindungen abfing (Zelle und Tier; Hoehn et al., 2009). Die Zelle schützt sich vor Überladung. Zucker ohne Abnehmer bleibt draußen.

Auch bei Gefahr leitet der Körper um. Bei Infekten, Verletzungen, Schmerz und anhaltendem Stress tritt Insulinresistenz auf und lenkt Energie zu Gehirn und Abwehr. Werden bei chronisch entzündlichen Erkrankungen die Entzündungsbotenstoffe blockiert, normalisiert sich die Insulinwirkung oft (Mensch, Übersicht; Straub, 2014).

Drei Anlässe, ein Prinzip: Die Zelle ist nicht kaputt. Sie schließt die Tür, weil der Zucker anderswo gebraucht wird oder hier kein Platz ist.

Wann aus dem Schutz ein Problem wird

Insulin ist nicht nur der Zuckerschlüssel, sondern auch ein Bauhormon: Es fördert die Fetteinlagerung, bremst den Fettabbau und gibt Wachstumssignale. Wird eine Zelle resistent, betrifft das vor allem den Zuckerweg; die anderen Aufträge laufen weitgehend weiter. Kolb und Kollegen sprechen darum von einer selektiven Insulinresistenz (Mensch, Übersicht; Kolb et al., 2020). Bei dauerhaft hohem Insulin kommt Zucker schlecht in den Muskel, während Fett weiter eingelagert und kaum freigegeben wird. Voll und trotzdem leer.

Hinzu kommt eine Spirale. Anhaltend erhöhtes Insulin macht Zellen selbst weniger empfindlich, und mehr Resistenz verlangt mehr Insulin. Studien, die Menschen mit erblich höherem und niedrigerem Insulin vergleichen, verbinden dauerhaft hohes Insulin mit mehr Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Gefäßerkrankungen (Mensch; Kolb et al., 2020). Der Unterschied zum Fasten liegt in der Dauer: Beim Fasten ist die Resistenz da, aber das Insulin niedrig. Zum Problem wird die Kombination aus Resistenz und einem Insulin, das nie Pause bekommt (Modell nach Kolb et al., 2020).

Zweite Wende: Flexibilität statt Tempo

„Stoffwechsel anregen“ meint meist: schneller verbrennen, mehr Kalorien. Den größten Teil des Tagesverbrauchs macht aber der Grundumsatz aus, die Energie, mit der deine Organe arbeiten; Getränke, Gewürze oder einzelne Lebensmittel verschieben ihn nur wenig (Mensch; Lehrbuchwissen). Das Tempo ist selten das Problem.

Ein gesunder Stoffwechsel kann wechseln. Nachts und zwischen den Mahlzeiten verbrennt der Muskel vor allem Fett, nach dem Essen schaltet er auf Zucker um. Diese Fähigkeit heißt metabolische Flexibilität. Kelley und Mandarino zeigten, dass Muskeln von Menschen mit Insulinresistenz beides schlechter können: Nüchtern verbrennen sie weniger Fett, und unter Insulin schalten sie schlechter auf Zucker um (Mensch; Kelley und Mandarino, 2000). Man nennt das metabolische Inflexibilität. Der Stoffwechsel ist nicht zu langsam, er steckt fest.

Die Frage verschiebt sich damit von „Wie rege ich meinen Stoffwechsel an?“ zu „Was braucht mein Stoffwechsel, um wieder wechseln zu können?“. Die bekanntesten Signale sind Pausen, in denen Insulin niedrig sein darf, und Muskeln, die Brennstoff abholen. In einer kleinen Studie aßen Männer mit Prädiabetes fünf Wochen lang dieselbe Menge, einmal verteilt auf zwölf Stunden, einmal auf sechs Stunden mit frühem Abendessen. Im kurzen Zeitfenster wurden sie insulinempfindlicher, ohne abzunehmen (Mensch, kleine Studie; Sutton et al., 2018). Ein arbeitender Muskel nimmt Zucker sogar ohne Insulin auf, über einen eigenen Weg (Mensch; Lehrbuchwissen).

Mitochondrien: Sensor und Effektor des Stoffwechsels

Ob Brennstoff verwertet wird oder sich staut, entscheidet sich in den Mitochondrien. Sie sind Sensor: Sie bemerken Überangebot, Mangel und Gefahr. Und sie sind Effektor: Sie setzen um, etwa mit Signalen, die die Insulinwirkung drosseln (Zelle und Tier; Hoehn et al., 2009). Energie zu erzeugen ist eine ihrer Aufgaben unter vielen. Mitochondrien sind zentral, aber nicht die eine Ursache: ein Ort, an dem viele Wege zusammenlaufen. Mehr zu den Mitochondrien.

Erkennen Zellen Gefahr, schalten sie in einen Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response genannt: Sie drosseln Austausch und Aufbau und halten Abwehr bereit (Modell nach Naviaux, 2014). Insulinresistenz passt in dieses Bild als Stoffwechselseite des Schutzes. Das Programm ist sinnvoll, solange die Gefahr da ist. Es muss aber abschließen können.

Drei Systeme: Immunmetabolismus und Neurometabolismus

Die Regenerationsmedizin beschreibt drei Regulationssysteme: Stoffwechsel, Nervensystem und Immunsystem. Beim Stoffwechsel sprechen zwei Schnittstellen besonders deutlich.

Immunmetabolismus (Immunsystem und Stoffwechsel): Entzündung und Stoffwechselstörungen sind eng verwoben. Vergrößertes Bauchfett bildet Entzündungsbotenstoffe wie TNF-alpha, die das Insulinsignal stören (Tier und Mensch; Hotamisligil, 2006). Umgekehrt stellen Immunzellen beim Angriff ihren eigenen Stoffwechsel um und brauchen dafür viel Zucker (Zelle und Tier; O'Neill et al., 2016). Leise, körperweite Entzündung hängt mit Typ-2-Diabetes und Fettleber zusammen (Mensch; Furman et al., 2019). Mehr zum Immunsystem.

Neurometabolismus (Nervensystem und Stoffwechsel): Das Gehirn verbraucht rund ein Fünftel der Körperenergie und sichert sich seinen Anteil über die Stressachse (Modell nach Peters et al., 2004). Dauerstress und kurze Nächte halten darum auch den Stoffwechsel im Alarm. Mehr zum Nervensystem.

Körpergedächtnis: Der Stoffwechsel lernt in beide Richtungen

Dein Körper lernt, was du wiederholst. Insulin ohne Pause wird über die Spirale aus Resistenz und mehr Insulin zur Eigenschaft (Mensch; Kolb et al., 2020). Dieselbe Lernfähigkeit wirkt auch zurück. In einer randomisierten Studie in britischen Hausarztpraxen waren nach einem Jahr 46 Prozent der Menschen mit einem Typ-2-Diabetes, der höchstens sechs Jahre bestand, in Remission, in der Vergleichsgruppe 4 Prozent. Sie hatten ein ärztlich begleitetes Programm mit Formulanahrung durchlaufen und dabei deutlich Gewicht verloren; je größer der Gewichtsverlust, desto häufiger die Remission. Ihre Diabetes-Medikamente wurden dabei ärztlich abgesetzt (Mensch; Lean et al., 2018). Remission heißt: Der Blutzucker bleibt ohne Medikamente unter der Diabetesgrenze. Für immer weg ist der Diabetes damit nicht. Krankheit kann chronisch werden. Gesundheit auch.

Welcher Arzt wirkt: die sechs Ärzte der Regeneration

Die Regenerationsmedizin ordnet, was den Körper regenerieren lässt, in sechs Ärzte: Nahrung, Atmung, Bewegung, Naturkraft, Story und Verbindung, plus Dr. Pharma: Deine ärztliche Behandlung läuft weiter. Beim Stoffwechsel gibt es zu zweien direkte Daten beim Menschen.

Dr. Nahrung: Wann gegessen wird, nicht nur was, verändert die Insulinwirkung (Mensch, kleine Studie; Sutton et al., 2018). Dr. Bewegung: Der arbeitende Muskel ist der größte Abnehmer für Zucker und holt ihn auch ohne Insulin ab (Mensch; Lehrbuchwissen). Atmung, Story und Verbindung wirken über den Stress: Muss das Gehirn nicht ständig Energie an sich ziehen, darf die Umleitung enden (Modell nach Peters et al., 2004). Für Naturkraft, etwa Licht und Tagesrhythmus, stellt diese Seite keine eigenen Studien vor.

Dr. Pharma heißt hier: Wer Insulin oder andere Diabetes-Medikamente nimmt, verändert Essenspausen, Kohlenhydrate oder Bewegung nur zusammen mit der Ärztin, weil der Zucker sonst zu tief fallen kann. Als Prinzip gilt: Erst Sicherheit, dann Ressource, dann Herausforderung. Welche Reihenfolge zu dir passt, ist eine persönliche Frage.

Kapitel: Insulinresistenz verstehen

Was Insulinresistenz ist, wie man sie misst, warum der Körper sie beim Fasten selbst bildet und was sie mit Müdigkeit zu tun hat.

Kapitel: Typ-2-Diabetes

Wie aus Insulinresistenz ein Diabetes werden kann, welche Rolle die Mitochondrien spielen und was Remission bedeutet.

Kapitel: Immunmetabolismus und metabolisches Syndrom

Wo Stoffwechsel und Immunsystem sich treffen: Bauchfett als Hormonorgan, stille Entzündung und das metabolische Syndrom.

Kapitel: Neurometabolismus

Wie Gehirn, Vagusnerv und Stress den Stoffwechsel steuern und wie Insulin auf Stimmung und Denken zurückwirkt.

Kapitel: Metabolische Flexibilität und Ernährung

Was Flexibilität im Stoffwechsel heißt und was Studien zu Essenszeiten, Fasten und Ernährungsformen zeigen, beschreibend und ohne Diätplan.

Kapitel: Laborwerte des Stoffwechsels

Welche Werte beschreiben den Zuckerstoffwechsel und was jeder Wert zeigt und nicht zeigt.

Kapitel: Stoffwechsel bei anderen Diagnosen

Insulinresistenz spielt auch bei Hormon- und Schilddrüsenthemen mit.

zum Merken
Insulinresistenz ist kein Defekt, sondern ein Schutz. Gesund ist nicht ein schneller Stoffwechsel, sondern einer, der wechseln kann.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel, im Austausch mit dem Immunsystem (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung. Wenn du verstehen möchtest, wie dein Stoffwechsel gerade arbeitet, kannst du eine Woche lang auf drei Dinge achten, ohne etwas zu ändern:

Wie viele Stunden liegen zwischen deinem letzten Essen am Abend und dem ersten am Morgen? Snacks, Saft und Milch im Kaffee zählen mit. Das ist die Nachtpause deines Insulins.

Wie fühlst du dich zwei Stunden nach den Mahlzeiten: wach, müde, hungrig? Und ist es anders, wenn du dich nach dem Essen bewegst?

Wie sind deine Nächte und deine Anspannung in den Wochen, in denen sich dein Stoffwechsel schwer anfühlt?

Mit solchen Notizen und vorhandenen Laborwerten wie Nüchternzucker, Langzeitzucker oder Insulin wird das Gespräch mit deiner Ärztin genauer. Nimmst du Insulin oder andere Diabetes-Medikamente, bist du schwanger oder ist Essen für dich mit Angst verbunden, besprichst du jede Änderung an Essenspausen oder Bewegung vorher mit ihr. Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Dass Muskeln bei Fasten, Infekt und Stress insulinresistent werden, ist beim Menschen gemessen, meist in kleinen Studien. Dass Insulinresistenz Zellen vor Überladung schützt, stammt vor allem aus Zell- und Mausversuchen; das Schutzbild als Ganzes ist ein Modell, gestützt auf Hoehn, Straub, Peters und Naviaux. Dass dauerhaft hohes Insulin selbst Krankheit fördert, stützen Beobachtungsstudien und genetische Vergleiche; wie groß sein Anteil neben Genen, Bauchfett und Entzündung ist, ist offen. Die Studie zum Essfenster war klein und nur mit Männern. Die Remissionsstudie galt für Menschen mit kurzer Diabetesdauer, nicht alle erreichten eine Remission, und über die Zeit nach einem Jahr sagt sie wenig. Metabolische Flexibilität misst man im Labor über die Atemgase; einen Alltagswert dafür gibt es nicht. Ein einzelner Laborwert zeigt nicht, ob dein Stoffwechsel gerade schützt oder schon festsitzt.

Ob eine Insulinresistenz, ein Prädiabetes oder ein Diabetes vorliegt und ob eine Schilddrüse, ein Medikament oder eine andere Erkrankung mitspielt, klärt deine Ärztin, meist in der Hausarztpraxis oder der Diabetologie.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Meine Zellen reagieren schlecht auf Insulin: Insulinresistenz, verminderte Insulinsensitivität
  • Mein Insulin ist dauerhaft hoch: Hyperinsulinämie
  • Der Wert aus Nüchternzucker und Nüchterninsulin: HOMA-IR
  • Der Zuckertest mit Insulinverlauf: oraler Glukosetoleranztest (oGTT) mit Insulinbestimmung
  • Der Langzeitzucker: HbA1c
  • Mein Stoffwechsel kommt schlecht vom Zucker aufs Fett und zurück: metabolische Inflexibilität
  • Der Zucker fällt zu tief: Hypoglykämie, Unterzuckerung
  • Diabetes ohne Medikamente im Normbereich: Remission des Typ-2-Diabetes
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (5)

Kann man Insulinresistenz rückgängig machen?

Insulinresistenz ist kein fester Zustand. Sie entsteht bei Fasten, Stress oder Infekt in Tagen und kann sich ebenso zurückbilden (Bergman et al., 2007). Auch bei länger bestehender Insulinresistenz verbesserte sich die Insulinwirkung in Studien, etwa mit einem kürzeren, frühen Essfenster (Sutton et al., 2018). Bei einem noch jungen Typ-2-Diabetes erreichte in einer randomisierten Studie fast die Hälfte der Teilnehmenden nach einem Jahr eine Remission (Lean et al., 2018). Wie es bei dir aussieht, klärst du mit deiner Ärztin.

Kann man den Stoffwechsel anregen?

Im Sinn von „schneller verbrennen“ kaum: Den größten Teil des Tagesverbrauchs macht der Grundumsatz aus, und einzelne Lebensmittel oder Getränke verschieben ihn nur wenig. Sinnvoller ist die Frage, ob dein Stoffwechsel flexibel ist, also je nach Lage Fett oder Zucker nutzen kann. Bei Insulinresistenz fällt genau das schwer (Kelley und Mandarino, 2000).

Welche Symptome hat Insulinresistenz?

Oft keine deutlichen. Manche bemerken Müdigkeit nach dem Essen, Heißhunger, mehr Bauchumfang, dunklere Hautstellen am Nacken oder in den Achseln oder, bei Frauen, Zyklusstörungen. Keines dieser Zeichen beweist eine Insulinresistenz. Klarheit bringt nur das Labor, das deine Ärztin veranlasst.

Wie wird Insulinresistenz festgestellt?

Im Alltag über Blutwerte: Nüchternzucker und Nüchterninsulin, daraus berechnet der HOMA-IR, dazu der Langzeitzucker HbA1c. Genauer ist ein Zuckerbelastungstest mit Insulinverlauf, weil ein normaler Nüchternwert ein hohes Insulin nach dem Essen nicht ausschließt (Kolb et al., 2020). Welche Werte sinnvoll sind und wie sie zu deuten sind, bespricht deine Ärztin mit dir.

Ist Insulinresistenz dasselbe wie Diabetes?

Nein. Bei Insulinresistenz reagieren die Zellen schwächer auf Insulin, der Blutzucker ist aber oft noch normal, weil die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin bildet. Ein Typ-2-Diabetes liegt vor, wenn der Blutzucker dauerhaft über einer festgelegten Grenze liegt. Insulinresistenz kann Jahre vorher bestehen, muss aber nicht zu Diabetes werden.
Quellen (12)
  • Effects of fasting on insulin action and glucose kinetics in lean and obese men and women
    Bergman B.C., Cornier M.A., Horton T.J., Bessesen D.H. – American Journal of Physiology-Endocrinology and Metabolism (2007) DOI: 10.1152/ajpendo.00613.2006
  • The selfish brain: competition for energy resources
    Peters A., Schweiger U., Pellerin L., Hubold C., Oltmanns K.M., Conrad M., et al. – Neuroscience & Biobehavioral Reviews (2004) DOI: 10.1016/j.neubiorev.2004.03.002
  • Insulin resistance is a cellular antioxidant defense mechanism
    Hoehn K.L., Salmon A.B., Hohnen-Behrens C., Turner N., et al. – Proceedings of the National Academy of Sciences (2009) DOI: 10.1073/pnas.0902380106
  • Insulin resistance, selfish brain, and selfish immune system: an evolutionarily positively selected program used in chronic inflammatory diseases
    Straub R.H. – Arthritis Research & Therapy (2014) DOI: 10.1186/ar4688
  • Insulin: too much of a good thing is bad
    Kolb H., Kempf K., Röhling M., Martin S. – BMC Medicine (2020) DOI: 10.1186/s12916-020-01688-6
  • Fuel selection in human skeletal muscle in insulin resistance: a reexamination.
    Kelley D.E., Mandarino L.J. – Diabetes (2000) DOI: 10.2337/diabetes.49.5.677
  • Early Time-Restricted Feeding Improves Insulin Sensitivity, Blood Pressure, and Oxidative Stress Even without Weight Loss in Men with Prediabetes
    Sutton E.F., Beyl R., Early K.S. et al. – Cell Metabolism (2018) DOI: 10.1016/j.cmet.2018.04.010
  • Metabolic features of the cell danger response
    Naviaux RK – Mitochondrion (2014) DOI: 10.1016/j.mito.2013.08.006
  • Inflammation and metabolic disorders
    Hotamisligil G.S. – Nature (2006) DOI: 10.1038/nature05485
  • A guide to immunometabolism for immunologists
    O'Neill LAJ, Kishton RJ, Rathmell J – Nature Reviews Immunology (2016) DOI: 10.1038/nri.2016.70
  • Chronic inflammation in the etiology of disease across the life span
    Furman D, Campisi J, Verdin E, Carrera-Bastos P, Targ S, Franceschi C, et al. – Nature Medicine (2019) DOI: 10.1038/s41591-019-0675-0
  • Primary care-led weight management for remission of type 2 diabetes (DiRECT): an open-label, cluster-randomised trial
    Lean M.E., Leslie W.S., Barnes A.C. et al. – The Lancet (2018) DOI: 10.1016/S0140-6736(17)33102-1

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