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Glossar · Regenerationsmedizin

Cardiolipin: Aufbau, Struktur und Rolle in den Mitochondrien

Auch: Diphosphatidylglycerol · CL · Cardiolipin · Kardiolipin
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Cardiolipin macht rund ein Fünftel der Fette der inneren Mitochondrienmembran aus und bindet direkt an die Komplexe I, III und IV und an die ATP-Synthase (Zelle; Paradies et al., 2014).
  • Nach dem Aufbau wird Cardiolipin umgebaut, in Herz und Muskel trägt es danach überwiegend Linolsäure; ein Fehler im Umbauenzym Tafazzin verursacht das Barth-Syndrom (Mensch; Schlame & Greenberg, 2017).
  • Bei oxidativem Stress baute das Enzym ALCAT1 in Mäusen Cardiolipin so um, dass es leichter oxidierte; Tiere ohne ALCAT1 hatten eine bessere Funktion von Komplex I (Tier; Li et al., 2010).

„Was ist Cardiolipin, wie ist es aufgebaut, und was hat es mit meinen Mitochondrien zu tun?“

Du kennst das vielleicht aus zwei Richtungen: Im Laborbefund steht ein Wert für Cardiolipin-Antikörper, oder du liest über Mitochondrien, dass ein besonderes Fett ihre Energie zusammenhält. Und du fragst dich, was Cardiolipin eigentlich ist.

Die mechanische Sicht sagt: Cardiolipin ist ein Baustein der Membran, wichtig vor allem dann, wenn er fehlt, wie beim seltenen Barth-Syndrom. Das ist präzise und richtig. Und trotzdem: Warum verändert sich Cardiolipin auch bei Menschen ohne Gendefekt, mit dem Alter, bei Stoffwechselerkrankungen, mit dem, was sie essen?

Die energetische Sicht sagt: Die Zellen brauchen gute Fette, damit die Energie fließt. Sie spürt richtig, dass das Fett in unseren Membranen mit dem zu tun hat, was wir essen. Und trotzdem: Das richtige Fett allein schützt Cardiolipin nicht, wenn in der Zelle dauerhaft zu viel oxidativer Stress herrscht.

Die biologische Sicht verbindet beides: Cardiolipin ist kein fester Baustein, sondern ein Fett, das die Zelle ständig umbaut, je nachdem, was ihr zur Verfügung steht und wie viel Stress sie aushalten muss.

Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Das richtige Fett ist nur ein Teil. Wie gut Cardiolipin die Atmungskette zusammenhält, hängt auch davon ab, wie viel oxidativer Stress in der Zelle herrscht, und der entsteht nicht nur durch Essen.

Was im Körper passiert

Stell dir die innere Membran der Mitochondrien als Stoffbahn vor, die in enge Falten gelegt werden muss, damit viel Fläche für die Atmungskette entsteht. Gewöhnliche Membranfette sind zylindrisch, sie liegen flach wie die Steine einer Mauer. Cardiolipin hat einen kleinen Kopf und vier Fettsäureschwänze, es ist ein Kegel. Wo viele Kegel nebeneinander sitzen, biegt sich die Membran. So entstehen die Cristae, die Falten, in denen die Atmungskette arbeitet (Zelle; Paradies et al., 2014).

Cardiolipin ist außerdem Kleber. Es sitzt in den Kontaktflächen zwischen den Komplexen der Atmungskette, hält sie zu Superkomplexen zusammen und hilft, dass die Membran für Protonen dicht bleibt. Ohne diese Dichte könnte sich an der Membran keine Spannung aufbauen (Zelle; Paradies et al., 2014).

Die Zelle baut Cardiolipin zunächst mit einer gemischten Auswahl von Fettsäuren und tauscht sie dann aus. Dieser Umbau, das Remodeling, bestimmt, welche Fettsäuren am Ende im Molekül sitzen. In Herz und Muskel ist das überwiegend Linolsäure (Mensch; Schlame & Greenberg, 2017).

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren halten die Membran beweglich, oxidieren aber leicht. Oxidiertes Cardiolipin hält die Komplexe schlechter zusammen und kann Signale für den Zelltod auslösen (Zelle; Paradies et al., 2014). Darin liegt die Balance: Cardiolipin braucht ungesättigte Fettsäuren, um seine Aufgabe zu erfüllen, und genau sie machen es empfindlich. Wie gut es arbeitet, hängt deshalb nicht nur am Bauplan, sondern an der Umgebung.

Cardiolipin: Aufbau, Struktur und Rolle in den Mitochondrien: Cardiolipin ist ein Fett, das fast nur in der inneren Membran der Mitochondrien vorkommt. Anders als andere Membranfette trägt es vier statt zwei Fettsäureketten. Diese Kegelform biegt die Membran zu Falten, den Cristae, und hält die Komplexe der Atmungskette an ihrem Platz.

Aufbau und Struktur. Cardiolipin heißt chemisch Diphosphatidylglycerol. Zwei Phosphatidyl-Einheiten sind über ein Glycerin verbunden, so entsteht ein Kopf mit zwei Phosphatgruppen und vier Fettsäureketten. Der Kopf ist klein und negativ geladen, der fettige Teil groß; daher die Kegelform. Gebildet wird Cardiolipin in der inneren Mitochondrienmembran selbst, danach tauscht das Enzym Tafazzin Fettsäuren aus (Schlame & Greenberg, 2017). Auch Bakterien tragen Cardiolipin in ihrer Membran, ein Hinweis auf die bakterielle Herkunft der Mitochondrien.

Aufgaben in den Mitochondrien. Cardiolipin formt die Cristae, bindet an die Komplexe I, III und IV und an die ATP-Synthase und hält Superkomplexe zusammen. Es hält die Membran dicht für Protonen. Gelangt es bei Schäden auf die äußere Membran, dient es als Signal, das den Abbau des geschädigten Mitochondriums einleitet; in der Folge kann auch Cytochrom c freigesetzt werden, ein Schritt auf dem Weg zum Zelltod (Paradies et al., 2014).

Barth-Syndrom. Bei dieser seltenen, X-chromosomal vererbten Erkrankung arbeitet Tafazzin nicht. Cardiolipin ist vermindert und falsch zusammengesetzt. Betroffene Jungen haben eine Herzmuskelschwäche, Muskelschwäche und oft zu wenige Abwehrzellen. Das Barth-Syndrom zeigt, wie viel am richtigen Umbau hängt (Schlame & Greenberg, 2017).

Oxidativer Stress und Alter. In Tierstudien sinkt der Cardiolipin-Gehalt im Herz mit dem Alter, und der Anteil oxidierten Cardiolipins steigt; die Aktivität der Atmungskette nimmt parallel ab (Paradies et al., 2014). Li et al. (2010) zeigten an Mäusen, dass oxidativer Stress und fettreiche Mast das Enzym ALCAT1 hochfahren, das Cardiolipin leichter oxidierbar macht. Ohne ALCAT1 blieben die Tiere unter fettreicher Kost schlanker und ihre Mitochondrien arbeiteten besser.

Linolsäure: eine offene Frage. Linolsäure gehört zum gesunden Cardiolipin in Herz und Muskel, und mehrfach ungesättigte Fettsäuren oxidieren leichter als gesättigte. Daraus leitet sich das Modell ab, dass ein dauerhaftes Überangebot an Linolsäure zusammen mit oxidativem Stress die Last für das Cardiolipin erhöht und die Cristae ihre Form verlieren. Am Menschen ist das nicht belegt; es ist eine Hypothese, keine gesicherte Aussage.

Cardiolipin-Antikörper. Im Labor gibt es einen Test auf Antikörper gegen Cardiolipin (IgG, IgM). Er gehört zur Abklärung eines Antiphospholipid-Syndroms, einer Autoimmunerkrankung mit Neigung zu Blutgerinnseln. Der Test nutzt Cardiolipin als Köder; die Antikörper richten sich meist gegen ein Bluteiweiß, das daran bindet, das Beta-2-Glykoprotein I. Über die Energie deiner Mitochondrien sagt der Wert nichts aus. Was ein erhöhter Wert für dich bedeutet, klärt deine Ärztin.

zum Merken
Cardiolipin braucht ungesättigte Fette, um die Atmungskette zu halten, und genau sie machen es empfindlich für oxidativen Stress.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel, im Austausch mit dem Nervensystem (Neurometabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Einordnen.

Wenn du einen Befund mit Cardiolipin-Antikörpern hast: Dieser Wert gehört zur Frage nach Gerinnung und Abwehrsystem, nicht zur Frage nach deiner Energie. Das Gespräch darüber führst du mit deiner Ärztin.

Wenn dich Fette und Mitochondrien beschäftigen, kannst du eine Woche lang notieren, welche Fette du tatsächlich isst: Pflanzenöle, Nüsse, Fisch, Butter, Fleisch, Fertigprodukte. Das ist eine Bestandsaufnahme, kein Urteil, und eine gute Grundlage für ein Gespräch über Ernährung.

Was du daraus machst, entscheidest du.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Aufbau und Aufgaben von Cardiolipin sind an Zellen, isolierten Mitochondrien und Tieren gut belegt; das Barth-Syndrom zeigt die Bedeutung beim Menschen. Ob die Ernährung, etwa der Anteil an Linolsäure, beim gesunden Menschen die Funktion von Cardiolipin verändert, ist nicht geklärt, die Studien dazu stammen überwiegend aus Tieren. Für mitochondrial gezielte Antioxidantien als Schutz des Cardiolipins gibt es am Menschen keine belastbaren Belege. Einen Laborwert für den Zustand deines Cardiolipins gibt es im Alltag nicht; der Antikörpertest misst etwas anderes.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Ein Laborwert mit Cardiolipin im Namen: Anti-Cardiolipin-Antikörper (IgG, IgM), Antiphospholipid-Antikörper
  • Ein besonderes Fett in den Mitochondrien: Cardiolipin (Diphosphatidylglycerol)
  • Die Falten in den Mitochondrien: Cristae der inneren Mitochondrienmembran
  • Oxidativer Stress an den Membranen: Lipidperoxidation
  • Eine angeborene Störung des Cardiolipins: Barth-Syndrom, Tafazzin
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Quellen (3)
  • Functional role of cardiolipin in mitochondrial bioenergetics
    Paradies G., Paradies V., De Benedictis V., Ruggiero F.M., Petrosillo G. – Biochimica et Biophysica Acta (BBA) Bioenergetics (2014) DOI: 10.1016/j.bbabio.2013.10.006
  • Cardiolipin Remodeling by ALCAT1 Links Oxidative Stress and Mitochondrial Dysfunction to Obesity
    Li J., Romestaing C., Han X. et al. – Cell Metabolism (2010) DOI: 10.1016/j.cmet.2010.07.003
  • Biosynthesis, remodeling and turnover of mitochondrial cardiolipin
    Schlame M., Greenberg M.L. – Biochimica et Biophysica Acta (BBA) Molecular and Cell Biology of Lipids (2017) DOI: 10.1016/j.bbalip.2016.08.010

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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Energie, Funktion und Struktur sind auf jeder Ebene der menschlichen Erfahrungswelt untrennbar miteinander verbunden.
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