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Im Kontext · Diagnosen & Krankheitsbilder

Reizdarm bei Hashimoto: was Schilddrüse und Darm verbindet

Hashimoto und Reizdarm treten oft gemeinsam auf. Warum Durchfall, Blähbauch und Bauchschmerzen mit der Schilddrüse zusammenhängen und was Studien zeigen.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Schilddrüsenhormon bestimmt mit, wie schnell der Darm arbeitet: Eine Unterfunktion verlangsamt ihn, ein Zuviel an Hormon beschleunigt ihn (Mensch).
  • Verstopfung und Blähbauch passen eher zu einer Unterfunktion, Durchfall eher zu einem Zuviel an Hormon, etwa in einer frühen Phase von Hashimoto (Mensch).
  • Bei einer Unterfunktion kommt SIBO, also zu viele Bakterien im Dünndarm, häufiger vor; sie kann Blähbauch und Durchfall nach dem Essen erklären (Mensch, Fall-Kontroll-Studie).

Begrenzte Evidenz. Wenige Studien oder methodische Einschränkungen, aber mechanistisch plausibel.

„Ich habe Hashimoto und ständig Durchfall oder einen Blähbauch. Hängt das mit meiner Schilddrüse zusammen?“

Du kennst das vielleicht: Die Schilddrüse ist eingestellt, und trotzdem ist der Bauch nach dem Essen aufgebläht, es zieht und drückt, mal stockt die Verdauung tagelang, mal kommt Durchfall. Und dann fällt der Satz: „Ihre Schilddrüsenwerte sind in Ordnung, das ist ein Reizdarm.“

Die mechanische Sicht der Medizin trennt sauber: Die Endokrinologin misst die Schilddrüse und gleicht fehlendes Hormon aus, die Gastroenterologin schließt Entzündung, Zöliakie und andere Ursachen aus. Diese Trennung schützt vor Fehlern, und eine Unterfunktion zu erkennen und auszugleichen ist gut belegte Medizin (Mensch). Und trotzdem: Warum bleibt der Bauch bei manchen unruhig, obwohl beide Befunde unauffällig sind?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde sieht den ganzen Menschen: einen Körper, dem die Kraft fehlt, und einen Darm, der als Mitte alles mitträgt. Sie spürt richtig, dass Schilddrüse, Verdauung und Erschöpfung zusammengehören. Und trotzdem: Was genau verbindet eine kleine Drüse am Hals mit dem Darm?

Die biologische Sicht verbindet beides: Schilddrüsenhormon gibt dem Darm den Takt vor. Wenn der Takt nicht stimmt, ändert sich, wie schnell Nahrung wandert, wo Bakterien leben und wie laut der Darm meldet.

Oft heißt es: „Die Ärztin müsste das lösen.“ Die Endokrinologin sieht die Schilddrüse, die Gastroenterologin den Darm. Das Tempo des Darms liegt dazwischen, und du beobachtest es jeden Tag.

Was im Körper passiert

Stell dir deinen Darm als langes Förderband vor, das in Wellen arbeitet. Die Muskeln der Darmwand ziehen sich in einem Rhythmus zusammen, gesteuert von einem eigenen Nervennetz in der Darmwand. Wie schnell dieses Band läuft, stellt unter anderem das Schilddrüsenhormon ein (Mensch, Tier).

Die aktive Form T3 gelangt in die Zellen und schaltet dort Gene an, die den Energieumsatz steuern, auch den Bau neuer Mitochondrien, der Orte, an denen aus Nahrung nutzbare Energie wird (Zelle, Tier). Muskelzellen der Darmwand brauchen diese Energie für jede Welle. Fehlt Hormon, wird das Band langsamer: Nahrung bleibt länger liegen, Bakterien gären länger, der Bauch bläht sich (Mensch). Liefert die Drüse zu viel, etwa in einer frühen Phase von Hashimoto, läuft das Band schneller, und Durchfall wird wahrscheinlicher (Mensch).

Ein langsames Band hat eine zweite Folge. Zwischen den Mahlzeiten schiebt der Dünndarm Reste und Bakterien weiter in den Dickdarm. Wird das schwächer, können sich Bakterien im Dünndarm ansiedeln (Mensch; Lauritano et al., 2007). Dein Darm ist dabei nicht kaputt. Er arbeitet in dem Takt, den er bekommt.

Hashimoto und Reizdarm treten auffällig oft gemeinsam auf. Viele Menschen mit Hashimoto kennen Blähbauch, Bauchschmerzen, Verstopfung oder Durchfall, manche direkt nach dem Essen. Das ist kein Zufall: Die Schilddrüse bestimmt mit, wie schnell der Darm arbeitet. Daher et al. (2009) fassen in einer Übersicht zusammen, dass eine Unterfunktion die Darmbewegung verlangsamt und ein Zuviel an Schilddrüsenhormon sie beschleunigt (Mensch, Übersicht).

Darum gehört die Schilddrüse zur Abklärung von Darmbeschwerden. Die Rome-IV-Kriterien beschreiben den Reizdarm als Störung im Zusammenspiel von Darm und Gehirn, die ärztlich festgestellt wird, wenn andere Ursachen ausgeschlossen sind (Drossman, 2016). Bei Hashimoto gehört dazu die Frage, ob die Schilddrüse gerade zu wenig oder zu viel Hormon liefert.

Hashimoto selbst ist keine Darmentzündung. Wer nach „Hashimoto Darmentzündung“ sucht, meint oft einen gereizten Darm ohne sichtbare Entzündung. Autoimmunerkrankungen treten aber gehäuft gemeinsam auf; eine Zöliakie etwa kommt bei autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen häufiger vor (Mensch). Ob hinter Durchfall oder Bauchschmerzen eine eigene Erkrankung steckt, klärt deine Ärztin.

Wirkung und Mechanismus

Für die Verbindung zwischen Hashimoto und Reizdarm-Beschwerden werden mehrere Wege beschrieben. Gut belegt ist der erste, die anderen sind teils Modell.

Das Tempo des Darms. Die aktive Form des Schilddrüsenhormons, T3, wirkt in fast jeder Zelle, auch in der glatten Muskulatur der Darmwand und in den Nervenzellen, die sie steuern. Fehlt Hormon, arbeitet der Darm langsamer: Nahrung bleibt länger liegen, Verstopfung und Blähbauch werden häufiger (Mensch; Daher et al., 2009). Ist zu viel Hormon im Blut, etwa in einer frühen Phase von Hashimoto, in der die entzündete Drüse gespeichertes Hormon freisetzt, wird der Darm schneller, und Durchfall wird wahrscheinlicher (Mensch).

Bakterien am falschen Ort. Wenn der Dünndarm langsamer arbeitet, schiebt er Bakterien schlechter weiter. Lauritano et al. (2007) fanden bei Menschen mit einer Unterfunktion in der Vorgeschichte deutlich häufiger eine Fehlbesiedlung des Dünndarms, kurz SIBO, als in einer Vergleichsgruppe (Mensch, Fall-Kontroll-Studie). Eine solche Fehlbesiedlung kann Blähbauch, Bauchschmerzen und auch Durchfall nach dem Essen erklären.

Immunsystem und Darmnerven. Barbara et al. (2004) zeigten, dass bei Reizdarm aktivierte Mastzellen, Wächterzellen des Immunsystems, nah an Nervenfasern der Darmwand liegen und die Stärke der Bauchschmerzen damit zusammenhängt (Mensch). Enck et al. (2016) beschreiben bei einem Teil der Betroffenen eine leichte Entzündungsaktivität der Darmschleimhaut (Mensch, Übersicht). Ob die Autoimmunreaktion bei Hashimoto diese Empfindlichkeit verstärkt, ist nicht untersucht (Modell).

Der Vagusnerv. Bonaz et al. (2018) beschreiben den Vagusnerv als Leitung zwischen Darm, Darmbakterien und Gehirn, über die auch Entzündung gedämpft werden kann (Tier, Mensch; Übersicht). Ein Nervensystem, das dauerhaft auf Anspannung steht, kann so Darm und Immunsystem zugleich beeinflussen (Modell).

Was sagt die Forschung

Daher et al. (2009) fassen in einer Übersicht zusammen, wie Schilddrüsenhormon auf den Verdauungstrakt wirkt: Eine Unterfunktion verlangsamt die Darmbewegung, eine Überfunktion beschleunigt sie (Mensch, Übersicht). Lauritano et al. (2007) fanden bei Menschen mit einer Unterfunktion in der Vorgeschichte häufiger SIBO als in einer Vergleichsgruppe (Mensch, Fall-Kontroll-Studie mit Atemtest). Barbara et al. (2004) zeigten bei Reizdarm, dass aktivierte Mastzellen nah an Nervenfasern der Darmwand mit der Stärke der Bauchschmerzen zusammenhängen (Mensch). Enck et al. (2016) beschreiben in einer Übersicht die vielen Wege, die zum Reizdarm beitragen (Mensch). Bonaz et al. (2018) ordnen den Vagusnerv als Verbindung zwischen Darm, Mikrobiom und Gehirn ein (Tier, Mensch). Drossman (2016) beschreibt die Rome-IV-Kriterien, nach denen ein Reizdarm festgestellt wird.

Was fehlt: Studien, die bei Menschen mit beiden Diagnosen prüfen, welcher Weg bei wem überwiegt und was die Beschwerden verändert. Gut belegt ist der Einfluss des Hormons auf das Tempo des Darms; die Brücken über Immunsystem und Vagusnerv sind bei Hashimoto bisher Modell.

zum Merken
Dein Darm arbeitet im Takt der Schilddrüse: Zu wenig Hormon bremst ihn, zu viel treibt ihn an.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Immunsystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Immunmetabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, wie oft und wie dein Stuhlgang ist, wann der Bauch sich bläht oder schmerzt, und ob das mit dem Zeitpunkt zusammenfällt, an dem deine Schilddrüse neu eingestellt wurde. So wird sichtbar, ob dein Darm eher bremst oder eher treibt.

Du kannst festhalten, nach welchen Mahlzeiten der Bauch reagiert und wie lange danach. Beschwerden direkt nach dem Essen erzählen etwas anderes als Beschwerden, die sich über den Tag aufbauen.

Und du kannst entscheiden, ob du deine Ärztinnen bittest, Schilddrüse und Darm gemeinsam zu betrachten. Wie die Schilddrüse eingestellt wird, bleibt ärztliche Aufgabe. Wie dein Darm darauf antwortet, siehst du jeden Tag.

  • Darm und Einstellung nebeneinander notieren: Stuhlgang, Blähbauch und Bauchschmerzen auf einer Seite, dazu die Tage, an denen deine Schilddrüse neu eingestellt wurde. Nach einer Woche zeigt sich oft, ob der Darm mit der Einstellung schwankt oder eigene Wege geht.
  • Den Zeitpunkt nach dem Essen festhalten: Ob der Bauch nach einer halben Stunde reagiert oder erst nach Stunden, hilft deiner Ärztin bei der Einordnung. Beschwerden kurz nach dem Essen können zu einer Fehlbesiedlung des Dünndarms oder einer Unverträglichkeit passen.
  • Beide Fachrichtungen ins Bild holen: Wenn deine Gastroenterologin von Hashimoto weiß und deine Endokrinologin von deinem Darm, kann jede ihre Befunde im Licht der anderen lesen. Oft liegt die Verbindung genau zwischen zwei Sprechstunden.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Gut belegt ist, dass Schilddrüsenhormon das Tempo des Darms mitbestimmt (Mensch; Daher et al., 2009). Dass eine Unterfunktion mit einer Fehlbesiedlung des Dünndarms zusammenhängt, zeigt bisher vor allem eine kleinere Fall-Kontroll-Studie (Mensch; Lauritano et al., 2007). Ob die Autoimmunreaktion bei Hashimoto den Darm über das Immunsystem oder den Vagusnerv empfindlicher macht, ist nicht untersucht; das ist Modell. Studien, die bei Menschen mit Hashimoto und Reizdarm prüfen, was die Beschwerden verändert, fehlen. Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Fieber, nächtlicher Durchfall, ein Beginn nach 50 oder Darmkrebs und chronisch entzündliche Darmerkrankungen in der Familie passen nicht zum Reizdarm und gehören in die ärztliche Abklärung.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Meine Schilddrüse ist entzündet: Hashimoto-Thyreoiditis, Autoimmunthyreoiditis
  • Mein Darm ist zu langsam: verlangsamte Darmpassage, Obstipation
  • Mein Darm ist zu schnell: beschleunigte Darmpassage, Diarrhö
  • Zu viele Bakterien im Dünndarm: Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO)
  • Ich möchte Zöliakie ausschließen: Zöliakie-Antikörper (Transglutaminase-IgA)
  • Ich möchte eine Entzündung im Darm ausschließen: Calprotectin im Stuhl
  • Mein Bauch meldet alles lauter: viszerale Hypersensitivität
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Nimm deine Beobachtungen und die Fragen aus diesem Artikel mit; was du für deine Regulation tust, läuft parallel weiter.

Häufige Fragen (5)

Kann Hashimoto Durchfall verursachen?

Ja, auf mehreren Wegen. Typisch für eine Unterfunktion ist eher Verstopfung. Durchfall kann entstehen, wenn zu viel Schilddrüsenhormon im Blut ist, etwa in einer frühen Phase von Hashimoto, in der die entzündete Drüse gespeichertes Hormon freisetzt (Mensch). Auch zu viele Bakterien im Dünndarm (SIBO) oder eine Zöliakie, die bei Hashimoto häufiger vorkommt, können Durchfall erklären (Mensch). Welche Ursache bei dir zutrifft, klärt deine Ärztin.

Warum habe ich bei Hashimoto Durchfall nach dem Essen?

Durchfall kurz nach dem Essen kann verschiedene Gründe haben. Ein Darm, der durch zu viel Hormon schneller arbeitet, reagiert stärker auf den Reiz einer Mahlzeit. Leben Bakterien im Dünndarm, vergären sie Nahrung früher als üblich, was Gas, Blähbauch und Durchfall machen kann (Mensch; Lauritano et al., 2007). Auch Unverträglichkeiten oder eine Zöliakie kommen in Frage. Ein Ernährungs- und Beschwerdetagebuch hilft deiner Ärztin, das einzugrenzen.

Gibt es bei Hashimoto eine Darmentzündung?

Hashimoto ist eine Entzündung der Schilddrüse, nicht des Darms. Beim Reizdarm ist die Darmschleimhaut äußerlich unauffällig, bei einem Teil der Betroffenen zeigt sie aber eine leichte Entzündungsaktivität (Mensch; Enck et al., 2016). Da Autoimmunerkrankungen gehäuft gemeinsam auftreten, sollte eine Zöliakie oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung ärztlich ausgeschlossen werden, wenn die Beschwerden dazu passen.

Woher kommen Blähbauch und Bauchschmerzen bei Hashimoto?

Arbeitet der Darm langsamer, bleibt Nahrung länger liegen und Bakterien gären länger; daraus entstehen Gase und ein Blähbauch (Mensch; Daher et al., 2009). Bauchschmerzen entstehen, wenn der Darm diese Dehnung lauter meldet als üblich, was beim Reizdarm häufig ist (Mensch; Barbara et al., 2004). Bei einer Unterfunktion mit Blähbauch kommt auch SIBO in Frage.

Wird der Reizdarm besser, wenn die Schilddrüse eingestellt ist?

Beschwerden, die vom Hormonmangel selbst kommen, etwa Verstopfung und Blähbauch durch einen langsamen Darm, können nachlassen, wenn fehlendes Hormon ausgeglichen ist (Mensch). Ein Reizdarm mit eigener Schmerzverarbeitung oder eine Fehlbesiedlung bleiben dadurch nicht zwangsläufig verschwunden. Studien, die das bei Menschen mit beiden Diagnosen gezielt untersuchen, gibt es kaum.
Quellen (4)
  • Functional Gastrointestinal Disorders: History, Pathophysiology, Clinical Features and Rome IV
    Drossman D.A. – Gastroenterology (2016) DOI: 10.1053/j.gastro.2016.02.032
  • Irritable bowel syndrome
    Enck P., Aziz Q., Barbara G. et al. – Nature Reviews Disease Primers (2016) DOI: 10.1038/nrdp.2016.14
  • Activated mast cells in proximity to colonic nerves correlate with abdominal pain in irritable bowel syndrome
    Barbara G., Stanghellini V., De Giorgio R. et al. – Gastroenterology (2004) DOI: 10.1053/j.gastro.2003.11.055
  • The Vagus Nerve at the Interface of the Microbiota-Gut-Brain Axis
    Bonaz B., Sinniger V., Hoffmann D. et al. – Frontiers in Neuroscience (2018) DOI: 10.3389/fnins.2018.00049
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