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Im Kontext · Therapien & Interventionen

CoQ10 bei Müdigkeit: Coenzym Q10, Energie und was Studien zeigen

Coenzym Q10 trägt in den Mitochondrien Elektronen für die Energiegewinnung. Was Studien bei Müdigkeit und ME/CFS zeigen und was Statine damit zu tun haben.
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Coenzym Q10 trägt in der Atmungskette Elektronen von Komplex I und II zu Komplex III und schützt als Antioxidans die Membranen der Mitochondrien (Zelle).
  • In einer Metaanalyse von 13 randomisierten Studien mit 1.126 Teilnehmenden war die Müdigkeit unter Q10 etwas geringer als unter Placebo, ein kleiner bis mittlerer Effekt (Mensch; Tsai et al., 2022).
  • Bei ME/CFS sind die Ergebnisse begrenzt: In einer randomisierten Studie mit Q10 plus NADH nahm vor allem die geistige Erschöpfung ab (Mensch; Castro-Marrero et al., 2021).

Vorläufige Evidenz. Vielversprechende frühe Ergebnisse, größere Studien stehen aus.

„Ich bin dauernd erschöpft und lese überall von Coenzym Q10. Kann es meine Energie wirklich verbessern?“

Du kennst das vielleicht: Morgens bist du schon müde, nach einer kleinen Anstrengung brauchst du lange, um dich zu erholen, und deine Muskeln fühlen sich schwer an. Überall liest du, Coenzym Q10 sei der Treibstoff der Zellen, und fragst dich, ob dir genau das fehlt. In der Praxis hörst du: „Q10 macht der Körper selbst, das brauchen Sie nicht.“

Die mechanische Sicht der Medizin kennt Q10 vor allem bei seltenen angeborenen Mangelzuständen und in der Forschung zu Herzschwäche und Statinen. Bei gesunder Ernährung stellt der Körper genug davon her, und Müdigkeit hat viele Ursachen, die zuerst abgeklärt gehören. Und trotzdem: Was ist mit Menschen, deren Herstellung gedrosselt ist, etwa unter Statinen, oder deren Mitochondrien unter Dauerlast stehen?

Die energetische Sicht der Erfahrungsheilkunde setzt bei Erschöpfung gern auf Q10 als Kraftquelle der Zellen. Sie hat recht damit, dass Energie an kleinen Molekülen hängt, die man leicht übersieht. Und trotzdem: Bringt mehr davon auch etwas, wenn der Engpass gar nicht bei Q10 liegt?

Die biologische Sicht verbindet beides. Q10 ist eine Fähre in der Atmungskette. Fehlt sie, staut sich die Energie. Liegt der Stau woanders, bringt eine zusätzliche Fähre wenig.

Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Ein Baustein im Essen oder in der Kapsel wirkt nur, wenn die Zelle ihn braucht und nutzen kann. Fließt die Energie nicht, fehlt meist mehr als Q10.

Was im Körper passiert

Stell dir die Energiegewinnung in den Mitochondrien als Stromkreis vor. Aus Zucker und Fett werden Elektronen gewonnen. Sie wandern durch eine Kette von Eiweißkomplexen in der inneren Mitochondrienmembran, die Atmungskette. Zwischen den ersten Komplexen und Komplex III braucht es einen Träger, der sich in der fettigen Membran bewegen kann. Das ist Coenzym Q10 (Zelle).

Mit jedem Elektronenpaar, das weiterwandert, werden Protonen über die Membran gepumpt. So entsteht eine elektrische Spannung, ähnlich wie in einer Batterie. Die ATP-Synthase nutzt diese Spannung, um ATP herzustellen. Am Ende der Kette nimmt Sauerstoff die Elektronen auf (Zelle).

Fehlt Q10, stockt der Fluss zwischen Komplex I, II und III. Es entsteht weniger Spannung und weniger ATP, und Elektronen, die nicht weiterkommen, bilden eher reaktive Sauerstoffverbindungen (Zelle). Das trifft Gewebe mit hohem Energiebedarf zuerst, Muskeln, Herz und Gehirn. So lässt sich erklären, warum ein Mangel sich als schnelle Erschöpfung und schwere Muskeln zeigen kann (Modell, gestützt auf Zellbefunde).

Wer dauernd erschöpft ist, sucht nach etwas, das die Energie wieder anschiebt. Coenzym Q10 liegt nahe, weil es so direkt in der Energiegewinnung sitzt und weil es frei erhältlich ist. Die Frage ist aber nicht, ob Q10 wichtig ist. Das ist es. Die Frage ist, ob zusätzliches Q10 bei dir den Engpass trifft.

Der Körper stellt Q10 selbst her, über denselben Stoffwechselweg wie Cholesterin, den Mevalonatweg. Ein kleiner Teil kommt aus der Nahrung, etwa aus Fleisch, Fisch und Nüssen (Lehrbuchwissen). Statine, Medikamente zur Senkung des Cholesterins, hemmen ein Enzym am Anfang dieses Wegs, die HMG-CoA-Reduktase. Damit sinkt auch die Herstellung von Q10, und der Spiegel im Blut fällt (Mensch). Deshalb wird unter Statintherapie häufig untersucht, ob eine begleitende Q10-Gabe Muskelbeschwerden und Müdigkeit beeinflusst.

Das häufigste Missverständnis: Wenn Q10 Energie macht, bringt mehr Q10 mehr Energie. Biologisch stimmt das nur, wenn die Atmungskette an dieser Stelle stockt. Stockt sie, weil die Zelle im Schutzmodus drosselt, weil Bewegung fehlt oder weil Schlaf und Mahlzeiten den Takt stören, ist Q10 ein Baustein unter mehreren, kein Ersatz für die Arbeit am Energiefluss (Modell).

Wirkung und Mechanismus

Coenzym Q10 arbeitet an zwei Stellen, beide in den Membranen der Mitochondrien, den Orten in der Zelle, an denen aus Nahrung der größte Teil der nutzbaren Energie wird.

Als Fährmann der Atmungskette. Die Atmungskette ist eine Reihe von Eiweißkomplexen in der inneren Mitochondrienmembran. Q10 ist fettlöslich und bewegt sich frei in dieser Membran. Es nimmt Elektronen von Komplex I und Komplex II auf und bringt sie zu Komplex III. Der Elektronenfluss treibt Protonen über die Membran und baut eine Spannung auf, mit der die ATP-Synthase ATP herstellt, die Energiewährung der Zelle (Zelle).

Als Schutz der Membran. In seiner reduzierten Form, Ubichinol, fängt Q10 reaktive Sauerstoffverbindungen ab und schützt die Fette der Membran vor Oxidation (Zelle). Ubichinon und Ubichinol sind zwei Zustände desselben Moleküls und wechseln im Körper ständig ineinander.

Stell dir die Atmungskette als Fluss mit Fähren vor. Q10 ist eine der Fähren. Fehlen Fähren, staut sich die Fracht am Ufer. Sind genug Fähren da und der Fluss steht trotzdem, liegt der Stau woanders: am Zulauf, am Abfluss oder an einer Schleuse, die die Zelle selbst geschlossen hat. Mehr dazu unter Elektronentransportkette.

Was sagt die Forschung

Die breiteste Auswertung stammt von Tsai et al. (2022). Sie fassten 13 randomisierte, placebokontrollierte Studien mit zusammen 1.126 Teilnehmenden zusammen, darunter gesunde Menschen und Menschen mit verschiedenen Erkrankungen. Unter Q10 waren die Werte für Müdigkeit geringer als unter Placebo, mit einem kleinen bis mittleren Effekt (Hedges' g −0,40). Die Richtung war bei Gesunden und Kranken gleich. Signifikant war der Effekt in Studien mit Q10 allein, nicht in Studien mit Kombinationspräparaten. Höhere Tagesmengen und längere Studiendauer gingen mit stärkerer Abnahme einher. Unter 602 Menschen, die Q10 bekamen, wurde eine Nebenwirkung im Verdauungstrakt berichtet (Mensch, Metaanalyse).

Bei ME/CFS untersuchten Castro-Marrero et al. (2021) 207 Betroffene in einer randomisierten, doppelblinden Studie über zwölf Wochen. Eine Gruppe erhielt Q10 zusammen mit NADH, die andere ein Scheinmittel. In der Q10-Gruppe nahmen die geistige Erschöpfung und der Gesamtwert der Erschöpfung im Verlauf ab, die Lebensqualität besserte sich. Die Auswertung beschreibt vor allem Veränderungen innerhalb der Gruppe; weil zwei Stoffe kombiniert wurden, lässt sich der Anteil von Q10 nicht trennen (Mensch, randomisierte Studie).

Warum Mitochondrien bei ME/CFS überhaupt ein Ansatzpunkt sind, zeigen andere Arbeiten. Naviaux et al. (2016) fanden im Stoffwechselprofil von Betroffenen ein Muster, das einem gedrosselten Stoffwechsel ähnelt, und deuten es als Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response (Mensch; Modell nach Naviaux). Morris und Maes (2013) beschreiben ein Modell, in dem Immunaktivierung, oxidativer Stress und gestörte Mitochondrien zusammenwirken (Modell nach Morris und Maes).

zum Merken
Q10 ist eine Fähre im Energiefluss der Zelle. Fehlt sie, staut sich die Energie. Liegt der Stau woanders, hilft eine Fähre mehr wenig.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit Beobachten.

Du kannst eine Woche lang notieren, wann die Erschöpfung stärker wird: nach körperlicher Belastung, nach wenig Schlaf, nach langen Phasen ohne Bewegung. Ein Muster rund um Belastung passt zur Frage nach den Mitochondrien, beweist aber keinen Q10-Mangel.

Du kannst nachsehen, ob du Medikamente nimmst, die mit Q10 zu tun haben, etwa Statine oder Blutverdünner.

Und du kannst entscheiden, ob du die Frage nach Q10 ins Arztgespräch mitnimmst. Ob Q10 bei dir fehlt, lässt sich nur begrenzt messen. Ob zusätzliches Q10 deine Müdigkeit verändert, zeigen Studien bisher nur in kleinem Maß. Was du daraus machst, entscheidest du.

  • Statine im Blick haben: Statine senken mit dem Cholesterin auch die körpereigene Herstellung von Q10. Wenn du Statine nimmst und dich erschöpft oder muskelschwach fühlst, ist das ein guter Punkt für das Arztgespräch. Das Statin wird nur mit deiner Ärztin umgestellt.
  • Blutverdünner bedenken: Q10 kann die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten beeinflussen, einer Gruppe von Blutverdünnern. Nimmst du solche Blutverdünner, gehört jede Ergänzung zur Ärztin, die sie verordnet.
  • Q10 im Essen: Q10 steckt in Fleisch, vor allem Herz und Leber, in fettem Fisch, Nüssen und Pflanzenölen. Der größte Teil im Körper stammt aber aus der eigenen Herstellung.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Gut belegt ist die Rolle von Q10 in der Atmungskette und als Schutz der Mitochondrienmembran (Zelle). Für Müdigkeit zeigt eine Metaanalyse einen kleinen bis mittleren Effekt, mit sehr unterschiedlichen Gruppen, Mengen und Fragebögen (Tsai et al., 2022). Bei ME/CFS gibt es wenige Studien, oft mit Kombinationen, sodass der Anteil von Q10 unklar bleibt. Ob ein niedriger Q10-Wert im Blut zeigt, wie viel in den Zellen ankommt, ist offen. Q10 erklärt nicht jede Erschöpfung.

Nimmst du Statine oder blutverdünnende Medikamente wie Vitamin-K-Antagonisten, gehört jede Änderung, auch eine Ergänzung mit Q10, zu deiner Ärztin. Ein Statin wird nur mit ihr umgestellt.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Mir fehlt vielleicht Coenzym Q10: Coenzym-Q10-Mangel (Ubichinon)
  • Die Energiekette in meinen Zellen: mitochondriale Atmungskette
  • Meine Cholesterinsenker: Statine (HMG-CoA-Reduktase-Hemmer)
  • Muskelschmerzen unter Cholesterinsenkern: statinassoziierte Muskelbeschwerden
  • Meine Blutverdünner: Vitamin-K-Antagonisten
  • Nach Anstrengung geht es mir tagelang schlechter: Post-Exertional Malaise (Belastungsintoleranz)
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (4)

Ubichinon oder Ubichinol: Was ist der Unterschied?

Ubichinon und Ubichinol sind zwei Zustände desselben Moleküls. Ubichinon nimmt Elektronen auf und wird zu Ubichinol, Ubichinol gibt sie wieder ab. Im Körper wechseln beide ständig ineinander. Ob eine der beiden Formen als Ergänzung bei Müdigkeit besser wirkt, ist in direkten Vergleichsstudien kaum untersucht.

Wann zeigt sich in Studien eine Wirkung?

Die Studien in der Metaanalyse von Tsai et al. (2022) liefen über Wochen bis Monate. Längere Studiendauer ging mit einer stärkeren Abnahme der Müdigkeit einher. Wie schnell sich bei einem einzelnen Menschen etwas verändert, lässt sich daraus nicht ableiten.

Kann man Coenzym Q10 im Blut messen?

Ja, Q10 lässt sich im Blutplasma messen. Der Wert hängt aber stark vom Cholesterin ab, weil Q10 in denselben Fetttransportern reist, und er zeigt nur begrenzt, wie viel in den Mitochondrien der Muskeln ankommt. Ob eine Messung bei dir sinnvoll ist, entscheidest du mit deiner Ärztin.

Hilft Q10 bei ME/CFS?

Bei ME/CFS ist die Energiegewinnung der Zellen verändert (Naviaux et al., 2016). Eine randomisierte Studie mit Q10 plus NADH fand im Verlauf weniger geistige Erschöpfung und bessere Lebensqualität (Castro-Marrero et al., 2021). Weil zwei Stoffe kombiniert wurden und die Ergebnisse vor allem innerhalb der Gruppe beschrieben sind, bleibt der Nutzen von Q10 allein offen.
Quellen (4)
  • Effectiveness of Coenzyme Q10 Supplementation for Reducing Fatigue: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials
    Tsai I.C., Hsu C.W., Chang C.H., Tseng P.T., Chang K.V. – Frontiers in Pharmacology (2022) DOI: 10.3389/fphar.2022.883251
  • Effect of Dietary Coenzyme Q10 Plus NADH Supplementation on Fatigue Perception and Health-Related Quality of Life in Individuals with Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: A Prospective, Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled Trial
    Castro-Marrero J., Segundo M.J., Lacasa M. et al. – Nutrients (2021) DOI: 10.3390/nu13082658
  • Metabolic features of chronic fatigue syndrome
    Naviaux R.K., Naviaux J.C., Li K. et al. – Proceedings of the National Academy of Sciences (2016) DOI: 10.1073/pnas.1607571113
  • A neuro-immune model of Myalgic Encephalomyelitis/Chronic fatigue syndrome
    Morris G., Maes M. – Metabolic Brain Disease (2013) DOI: 10.1007/s11011-012-9324-8
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