„Ich ernähre mich vegan. Was bedeutet die EPIC-Oxford-Studie zu Knochenbrüchen für mich?“
Du isst vegan, vielleicht seit Jahren, und fühlst dich gut damit. Dann liest du eine Schlagzeile: Veganer brechen sich häufiger die Knochen, 43 Prozent mehr. Und du fragst dich, ob das für dich gilt und was die Oxford-Studie wirklich gezeigt hat.
Die mechanische Sicht sieht den Knochen als Bauteil: Dichte messen, bei zu wenig mit Calcium und Medikamenten nachhelfen, Stürze vermeiden. Diese Sicht verhindert Brüche, und sie hat klare Messwerte. Und trotzdem: Warum hat derselbe Messwert bei zwei Menschen ein ganz anderes Bruchrisiko?
Die energetische Sicht vertraut darauf, dass eine pflanzliche, achtsame Ernährung dem Körper gibt, was er braucht, und dass sich gutes Gefühl und Gesundheit decken. Und trotzdem: Ein Knochen meldet einen Mangel nicht als Gefühl, er zeigt ihn oft erst nach Jahren.
Die biologische Sicht fragt, was der Knochen zum Umbau braucht und was davon bei veganer Kost knapp werden kann.
Oft heißt es: „Wer richtig isst, macht alles richtig.“ Auch eine überlegte Ernährung kann an einer Stelle zu wenig liefern. Für den Knochen zählt, was als Baustoff und Reiz ankommt, nicht das Etikett der Kost.
Was im Körper passiert
Stell dir deinen Knochen wie eine Baustelle vor, die nie schließt. Jeden Tag reißt eine Kolonne alte Stellen ab, eine andere baut neu. Damit das gelingt, braucht die Baustelle Material und Aufträge. Das Material ist Calcium für die Härte und Eiweiß für das Kollagengerüst, das den Knochen elastisch macht. Die Aufträge kommen aus Gewicht und Belastung: Wo Kraft auf den Knochen wirkt, wird er dichter (Lehrbuchwissen).
In EPIC-Oxford fehlte bei Veganern im Mittel an beiden Enden etwas. Sie nahmen gut 40 Prozent weniger Calcium auf, weniger Eiweiß, und waren leichter. Nimmt man diese drei in die Rechnung, schrumpft der Unterschied bei der Hüfte vom 2,6-fachen auf das 1,9-fache (Mensch, Kohorte; Tong et al., 2020). Ein Teil bleibt unerklärt, womöglich über Vitamin D, Muskelkraft oder Stürze, die nicht gemessen wurden.
Die Hüfte reagiert dabei besonders auf das Körpergewicht: Fettgewebe polstert beim Sturz, bildet Östrogen und mehr Gewicht belastet den Knochen. Am Knöchel ist es umgekehrt, dort brechen eher schwerere Menschen. Darum zeigt sich ein niedriger BMI an der Hüfte am deutlichsten.
In der britischen EPIC-Oxford-Studie mit 54.898 Erwachsenen hatten vegan lebende Menschen über im Mittel 17,6 Jahre ein um 43 Prozent höheres Risiko für Knochenbrüche als Fleischesser, an der Hüfte ein 2,3-fach höheres (Mensch, Kohorte; Tong et al., 2020). Absolut sind das rund 19 zusätzliche Brüche je 1.000 Menschen in zehn Jahren, an der Hüfte rund 15.
Studiendesign: Prospektive Kohortenstudie (Beobachtungsstudie), Auswertung mit Cox-Regression · Erwachsene in Großbritannien, 77 Prozent Frauen, überwiegend weiß, mittleres Alter bei Aufnahme 39 (Veganer) bis 50 Jahre (Fleischesser): 29.380 Fleischesser, 8.037 Fischesser, 15.499 Vegetarier, 1.982 Veganer · Stichprobe 54.898 Menschen, 3.941 Knochenbrüche, davon 945 an der Hüfte · Dauer im Mittel 17,6 Jahre; Ernährung bei Aufnahme (1993 bis 2001) und um 2010 erfragt, Brüche über Krankenhausdaten und Sterbeurkunden bis Mitte 2016
Hintergrund
EPIC-Oxford ist eine große britische Langzeitstudie, die von 1993 bis 2001 rund 65.000 Erwachsene über Hausarztpraxen und per Post aufnahm. Sie wurde gezielt so angelegt, dass viele Menschen ohne Fleisch dabei sind, und ist darum eine der wenigen Quellen mit genug Veganern für belastbare Vergleiche.
Eine erste Auswertung derselben Kohorte mit knapp 35.000 Menschen hatte nach 5,2 Jahren bei Veganern 30 Prozent mehr selbst berichtete Brüche gefunden. Bei denen, die mindestens 525 Milligramm Calcium am Tag aufnahmen, verschwand der Unterschied (Mensch, Kohorte; Appleby et al., 2007). Eine Meta-Analyse aus 20 Studien mit 37.134 Menschen fand bei Vegetariern und Veganern eine niedrigere Knochendichte an Schenkelhals und Lendenwirbelsäule, bei Veganern zudem mehr Brüche (Mensch, Meta-Analyse; Iguacel et al., 2019).
Offen war, ob sich das über lange Zeit bestätigt, welche Knochen betroffen sind und wie viel davon über BMI, Calcium und Eiweiß zu erklären ist. Tong und Kollegen nutzten dafür Krankenhausdaten statt Selbstauskunft, fragten die Ernährung zweimal ab und werteten sieben Bruchorte getrennt aus.
Ergebnisse
Was gemessen wurde. Erfasst wurden alle Brüche, die im Krankenhaus behandelt wurden, und getrennt Arm, Handgelenk, Hüfte, Bein, Knöchel sowie Schlüsselbein, Rippe und Wirbel. Das Hauptmodell berücksichtigt Alter, Geschlecht, Bildung, Wohlstand, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Körpergröße, Nahrungsergänzung, bei Frauen Wechseljahre und Hormontherapie, und den BMI (Mensch, Kohorte; Tong et al., 2020).
Relativ. Gegenüber Fleischessern hatten Veganer ein höheres Risiko für Brüche insgesamt (HR 1,43; 95 % KI 1,20 bis 1,70), an der Hüfte (HR 2,31; 1,66 bis 3,22), am Bein (HR 2,05; 1,23 bis 3,41) und an Schlüsselbein, Rippe und Wirbel zusammen (HR 1,59; 1,02 bis 2,50). Auch Vegetarier (HR 1,25) und Fischesser (HR 1,26) hatten mehr Hüftbrüche. An Arm, Handgelenk und Knöchel gab es nach Berücksichtigung des BMI keinen gesicherten Unterschied. Hinter den Zahlen der Veganer stehen 147 Brüche, davon 41 an der Hüfte.
Absolut. Von 1.000 Fleischessern hatten in zehn Jahren rechnerisch etwa 47 einen Bruch, von 1.000 Veganern etwa 67: rund 19 mehr (9,6 bis 30,9). An der Hüfte waren es bei Veganern rund 15 Fälle mehr je 1.000 in zehn Jahren, bei Vegetariern und Fischessern rund 3.
BMI, Calcium, Eiweiß. Veganer hatten im Mittel einen BMI von 22,1 (Fleischesser 24,5), nahmen 591 Milligramm Calcium am Tag auf (Fleischesser 1.005) und bezogen 13,3 Prozent ihrer Energie aus Eiweiß (Fleischesser 17,0). Ohne BMI im Modell lag das Gesamtrisiko der Veganer bei HR 1,50, mit BMI bei 1,43, mit BMI, Calcium und Eiweiß bei 1,30; an der Hüfte fiel es von 2,64 über 2,31 auf 1,94. Die Unterschiede wurden kleiner, blieben aber bestehen, auch bei Veganern, die mindestens 700 Milligramm Calcium aufnahmen (HR 1,50; nur 49 Brüche in dieser Gruppe).
Was bedeutet das für dich
Was die Studie zeigt. Über fast 18 Jahre brachen sich vegan lebende Menschen in dieser Kohorte häufiger Knochen, vor allem Hüfte, Bein und Wirbel. Das bestätigt die Meta-Analyse, die bei veganer und vegetarischer Kost eine niedrigere Knochendichte fand (Iguacel et al., 2019). Ein niedrigerer BMI und weniger Calcium und Eiweiß erklären einen Teil.
Was sie nicht zeigt. Sie zeigt nicht, dass vegane Ernährung Knochen bricht. Sie ist eine Beobachtungsstudie und kann Zusammenhänge zeigen, keine Ursache. Vitamin D, Vitamin B12, Muskelkraft und Stürze wurden nicht gemessen, obwohl die Autoren sie für mögliche Erklärungen halten. Ob die Ergebnisse für Menschen gelten, die heute vegan essen, oft mit angereicherten Lebensmitteln, ist offen.
Relativ und absolut. 43 Prozent klingt groß. Für einzelne Menschen heißt es: Von 1.000 Veganern hatten in zehn Jahren etwa 67 einen Bruch, von 1.000 Fleischessern etwa 47. Das Risiko steigt mit dem Alter, darum zählen diese Zahlen besonders ab der Lebensmitte und nach den Wechseljahren. Wie du deine Knochen bei veganer Kost im Blick behältst, steht in vegane Ernährung bei Osteoporose, den Überblick über alle Nährstoffe findest du im Vegan-Guide.
Knochen braucht Baustoff und Reiz. Fehlt beides ein wenig, zeigt sich das nach Jahren, nicht am Gefühl.
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Deine Entscheidung beginnt beim Hinschauen, nicht beim Wechsel der Ernährung.
Du kannst ein paar Tage notieren, woher dein Calcium und dein Eiweiß kommen. Danach weißt du, ob du eher bei den 591 Milligramm der Veganer in der Studie liegst oder darüber.
Du kannst beobachten, wie viel dein Knochen an Belastung bekommt: Gehen, Treppen, Tragen, Krafttraining. Das ist der Reiz, auf den er antwortet.
Und wenn du über 50 bist, nach den Wechseljahren, schon einmal einen Bruch ohne großen Sturz hattest oder sehr schlank bist, nimm die Studie mit ins Gespräch mit deiner Ärztin. Ob gemessen wird, klärt sie; was du isst und wie du dich bewegst, bleibt deine Entscheidung.
- Absolute Zahlen mitnehmen: Wenn dir jemand von 43 Prozent erzählt, hilft die zweite Zahl: rund 19 zusätzliche Brüche je 1.000 Menschen in zehn Jahren. Beides zusammen macht das Risiko greifbar, ohne es kleinzureden.
- Calcium und Eiweiß ehrlich anschauen: Veganer nahmen in der Studie im Mittel 591 Milligramm Calcium am Tag auf, Fleischesser rund 1.000. Ein paar Tage Ernährungsprotokoll zeigen dir, wo du ungefähr stehst. Bei Nierenerkrankung oder Medikamenten, die den Calciumhaushalt betreffen, besprichst du Änderungen mit deiner Ärztin.
- Knochendichte im Gespräch ansprechen: Ob eine Knochendichtemessung sinnvoll ist, klärt deine Ärztin, vor allem ab den Wechseljahren, bei frühem Bruch oder niedrigem Gewicht. Du bringst mit, wie lange du vegan isst und was du über Calcium, Vitamin D und Eiweiß weißt.
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?
Was wir nicht wissen: Beobachtungsstudie: Zusammenhang, keine Ursache; Restverzerrung durch nicht erfasste Faktoren bleibt möglich. Ernährung wurde per Fragebogen erfasst, bei einem Teil nur einmal, Calcium kann dadurch unterschätzt sein. Erfasst wurden nur Brüche mit Krankenhausbehandlung, frühere Brüche, Osteoporose-Diagnosen und Osteoporose-Medikamente nur unvollständig. Vitamin D, Vitamin B12, Muskelkraft und Stürze wurden nicht gemessen. Die Veganergruppe ist mit 1.982 Menschen klein, in Untergruppen gibt es wenige Fälle und breite Spannen. 77 Prozent Frauen, überwiegend weiß, Ernährung der 1990er und 2000er Jahre: Übertragbarkeit auf Männer, andere Herkunft und heutige vegane Kost ist begrenzt.