Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems. Neben Lähmungen, Sehstörungen und Erschöpfung gehören auch Übergewicht, Angst und depressive Symptome häufig dazu. Die Forschung untersucht deshalb, ob Ernährung den Stoffwechsel der Nervenzellen und die Entzündung beeinflusst. Eine Ernährungsform, die dabei viel Aufmerksamkeit bekommt, ist die ketogene Ernährung: sehr wenig Kohlenhydrate, viel Fett, sodass der Körper Ketonkörper als Energiequelle bildet.
Terry Wahls und die Frage nach der Ernährung
Die US-amerikanische Ärztin Terry Wahls hat selbst MS mit fortschreitendem Verlauf und war zeitweise auf den Rollstuhl angewiesen. In Büchern und Vorträgen beschreibt sie, wie sich ihre Beweglichkeit veränderte, nachdem sie ihre Ernährung auf eine sehr nährstoffdichte Kost mit viel Gemüse, Fleisch, Innereien und Fisch umgestellt hatte. Sie war unter anderem Dozentin am Institute for Functional Medicine in den USA.

Ihr Verlauf ist eine persönliche Erfahrung und kein Beleg für andere. Wahls hat deshalb Studien begonnen, die verschiedene Ernährungsformen bei MS miteinander vergleichen, darunter eine modifizierte Paleo-Ernährung. Sie sollen klären, welche Bestandteile der Ernährung für Veränderungen verantwortlich sein könnten.
Mitochondrien und Neurodegeneration bei MS
Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zellen. Sie bilden ATP, den wichtigsten Energieträger, und sind an Kalziumspeicherung, Signalübertragung und programmiertem Zelltod (Apoptose) beteiligt. Bei MS werden die Mitochondrien in Nervenzellen durch Entzündung und oxidativen Stress geschädigt (Barcelos 2019).

Chronische Entzündung und oxidativer Stress stören die Atmungskette der Mitochondrien und ihren Transport entlang der Nervenfasern. Die Nervenzellen bekommen weniger Energie, als sie brauchen. Mehrere Studien haben solche Störungen bei Menschen mit MS nachgewiesen. Sie gelten als ein Grund dafür, dass Nervenzellen zugrunde gehen und Behinderungen fortschreiten.
Übergewicht, Entzündung und Glutamat
Eine Übersichtsarbeit einer spanischen Forschungsgruppe (de la Rubia Ortí 2023) beschreibt, wie Übergewicht, Entzündung und Stimmung bei MS zusammenhängen. Übergewicht ist bei Menschen mit MS häufig und geht mit einem höheren Behinderungsgrad einher. Es fördert Insulinresistenz und Entzündung. Bei MS sind Entzündungsbotenstoffe wie IL-1β, IL-6 und IL-17 erhöht.
Diese Botenstoffe beeinflussen Glutamat, den wichtigsten erregenden Botenstoff im Gehirn. In Bereichen mit starker Schädigung der Nervenbahnen finden sich erhöhte Glutamatwerte. Ein Ungleichgewicht im Glutamatsystem wird mit dem Untergang von Nervenzellen sowie mit Angst und Depression in Verbindung gebracht.

Aus de la Rubia Ortí et al. 2023. (A) Bei MS hängen Übergewicht, Insulinresistenz und Entzündung über IL-1β, IL-6 und IL-17A mit erhöhter Glutamataktivität zusammen, die mit Angst und Depression in Verbindung gebracht wird. (B) Vorgeschlagene Mechanismen einer ketogenen Ernährung: weniger Übergewicht, bessere Insulinempfindlichkeit und weniger Entzündungsbotenstoffe könnten die Glutamataktivität und damit Angst und Depression beeinflussen. Die Mechanismen in (B) sind eine Hypothese.
Was eine ketogene Ernährung im Körper verändert
Unter einer ketogenen Ernährung bildet die Leber Ketonkörper, vor allem β-Hydroxybutyrat (βHB). Ketonkörper gelangen ins Gehirn und dienen dort als Energiequelle. In Labor- und Tierstudien dämpfte βHB die Aktivierung von Mikrogliazellen, den Immunzellen des Gehirns, und senkte Entzündungsbotenstoffe wie IL-6.
Kleine Studien bei Menschen mit MS, meist über wenige Monate, berichten unter ketogener Ernährung über Gewichtsabnahme, eine bessere Insulinempfindlichkeit, niedrigere Entzündungswerte und weniger Angst und depressive Symptome. Große, kontrollierte Langzeitstudien zum Krankheitsverlauf fehlen bisher.
Einordnung
Die Forschung zeigt Wege, über die Ernährung bei MS mit Energiestoffwechsel, Entzündung und Stimmung zusammenhängen könnte. Ob eine ketogene Ernährung den Verlauf von MS verändert, ist nicht belegt. Eine so tiefgreifende Ernährungsumstellung wirkt auf Blutwerte und auf die Verträglichkeit von Medikamenten. Deshalb gehört sie bei MS in die Abstimmung mit der behandelnden Neurologin.
Quellen
de la Rubia Ortí JE, Cuerda-Ballester M, Sanchis Sanchis C, et al. (2023). Exploring the impact of ketogenic diet on multiple sclerosis: obesity, anxiety, depression, and the glutamate system. Frontiers in Nutrition, 10. 10.3389/fnut.2023.1227431.
Barcelos IP, Troxell RM, Graves JS. Mitochondrial Dysfunction and Multiple Sclerosis. Biology 2019, 8, 37. https://doi.org/10.3390/biology8020037
Das Fundament dahinter
In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.
Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.
Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.
Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.
Deine Entscheidung
Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:
- Ist es biologisch plausibel?
- Ist das Risiko klein?
- Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
- Kannst du es an dir beobachten?