Schadet karnivore Ernährung Nieren oder Leber?
Bei Menschen mit gesunden Nieren und gesunder Leber gibt es keine belastbare Evidenz, dass hoher Proteinkonsum diese Organe schädigt. Eine Meta-Analyse von Devries et al. (2018) über 28 Studien fand keinen Unterschied in der Nierenfunktion zwischen hoher und normaler Proteinzufuhr bei Gesunden. Lennerz et al. (2021) berichteten keine Häufung renaler oder hepatischer Beschwerden unter 2.029 Karnivoren. Die nichtalkoholische Fettleber (NAFLD) wird primär durch Fructose und Insulinresistenz angetrieben (Ter Horst & Serlie, 2017), nicht durch Protein oder Fett.
'So viel Protein geht auf die Nieren' – diesen Satz hört fast jeder, der sich proteinreich ernährt. Aber stimmt das?
Der Ursprung dieser Annahme liegt in der Beobachtung, dass bei BEREITS geschädigten Nieren (chronischer Niereninsuffizienz, GFR < 60) eine Proteinrestriktion den Krankheitsverlauf verlangsamen kann. Das ist klinisch gut belegt. Aber diese Beobachtung wurde fälschlicherweise extrapoliert auf gesunde Menschen: Wenn weniger Protein geschädigte Nieren schont, dann schadet mehr Protein gesunden Nieren – so die Logik. Diese Extrapolation ist wissenschaftlich nicht haltbar.
Bei gesunden Nieren erhöht Protein die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) – die Nieren arbeiten mehr. Das ist eine physiologische Anpassungsreaktion, keine Schädigung. Ähnlich wie ein Muskel, der bei Belastung stärker wird, passen sich gesunde Nieren an erhöhte Proteinzufuhr an. Die 'Überarbeitungs-Hypothese' – die Annahme, dass eine erhöhte GFR langfristig die Nieren schädigt – konnte in prospektiven Studien an gesunden Probanden nicht bestätigt werden. Juraschek et al. (2013) zeigten in der OmniHeart-Studie (einer randomisierten Cross-Over-Studie an 164 gesunden Erwachsenen), dass eine proteinreiche Diät die GFR zwar kurzfristig erhöhte, aber keine Verschlechterung der Nierenfunktion verursachte.
Devries et al. (2018) untersuchten in einer systematischen Review und Meta-Analyse 28 Studien und fanden keinen Unterschied in der Nierenfunktion zwischen Gruppen mit hoher und normaler Proteinzufuhr bei Menschen ohne vorbestehende Nierenerkrankung.
Antonio et al. (2016) testeten an resistance-trainierten Männern eine Proteinzufuhr von bis zu 3,4 g/kg Körpergewicht über 4 Monate. Es zeigten sich keine negativen Effekte auf Nierenfunktion, Blutfette oder andere Gesundheitsmarker.
Lennerz et al. (2021) befragten 2.029 Menschen, die mindestens sechs Monate karnivor gegessen hatten. Trotz erhöhter Proteinzufuhr (geschätzt 2–3 g/kg Körpergewicht) berichteten die Teilnehmer keine Häufung renaler Beschwerden. Die Einschränkung: Selbstauskunft ohne Laborverifikation.
Bei der Leber ist die Sachlage ähnlich. Die nichtalkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) – die häufigste Lebererkrankung der westlichen Welt – wird nicht durch Protein oder Fett verursacht, sondern primär durch Fructose, Insulinresistenz und überschüssige Kohlenhydrate. Ter Horst und Serlie (2017) beschrieben im Review 'Fructose Consumption, Lipogenesis, and Non-Alcoholic Fatty Liver Disease' den Mechanismus: Fructose wird in der Leber direkt zu Fettsäuren umgebaut (hepatische De-novo-Lipogenese), unabhängig vom Energiebedarf – ein Weg, den diätetisches Fett und Protein nicht nehmen. Ahn et al. (2019) zeigten in einer Meta-Analyse, dass kohlenhydratreduzierte Diäten Leberfettwerte bei NAFLD-Patienten signifikant verbessern.
Ehrlich: Bei VORBESTEHENDER Nieren- oder Lebererkrankung ist eine ärztliche Begleitung bei jeder Ernährungsumstellung Pflicht. Die Aussage gilt für gesunde Organe.
Im Detail
Die Nierenfunktion unter hoher Proteinzufuhr wurde in mehreren prospektiven Studien und Meta-Analysen untersucht. Devries et al. (2018) analysierten in einer systematischen Review und Meta-Analyse 28 kontrollierte Studien (veröffentlicht im Journal of Nutrition) und fanden keinen Zusammenhang zwischen hoher Proteinzufuhr und Verschlechterung der Nierenfunktion bei Erwachsenen ohne vorbestehende Nierenerkrankung. Die GFR-Erhöhung unter Protein – die sogenannte 'glomeruläre Hyperfiltration' – ist eine reversible, physiologische Reaktion, vergleichbar mit der Herzfrequenzerhöhung bei Sport.
Diese Befunde werden durch die OmniHeart-Studie (Juraschek et al., 2013) gestützt – eine randomisierte Cross-Over-Studie an 164 gesunden Erwachsenen, publiziert im American Journal of Kidney Diseases. Die Teilnehmer aßen in zufälliger Reihenfolge drei verschiedene Diäten (kohlenhydratreich, proteinreich, fettreich). Die proteinreiche Diät erhöhte die GFR, aber es gab keinen Hinweis auf Nierenschädigung. Die Autoren schlussfolgerten, dass die GFR-Veränderung eine physiologische Adaptation darstellt.
Antonio et al. (2016) gingen noch weiter und testeten an resistance-trainierten Männern eine Proteinzufuhr von bis zu 3,4 g/kg Körpergewicht über 4 Monate in einem randomisierten Cross-Over-Design. Weder Nierenfunktion noch Blutfette noch andere Gesundheitsmarker zeigten Verschlechterungen (publiziert im Journal of the International Society of Sports Nutrition).
Für die Leber gilt: Ter Horst und Serlie (2017) beschrieben in ihrem Review in Nutrients den zentralen Mechanismus der NAFLD: Fructose wird in der Leber über hepatische De-novo-Lipogenese direkt in Fettsäuren umgebaut – unabhängig vom Energiebedarf des Körpers. Diätetisches Fett und Protein nehmen diesen Weg nicht; sie werden als Energiesubstrate genutzt oder für Strukturfunktionen verwendet. Bei Elimination von Fructose und Reduktion verarbeiteter Kohlenhydrate sinkt die hepatische De-novo-Lipogenese. Klinisch zeigt sich das häufig in einer Verbesserung der Leberwerte (ALT, AST, GGT) und einer Reduktion der Leberverfettung im Ultraschall.
Ahn et al. (2019) untersuchten in einer Meta-Analyse und kritischen Bewertung (Clinical Nutrition) den Effekt kohlenhydratreduzierter Diäten auf NAFLD. Die Ergebnisse zeigen, dass Low-Carb-Diäten den intrahepatischen Fettgehalt signifikant senken – konsistent mit dem Mechanismus, dass Kohlenhydrat-Überschuss (nicht Fett oder Protein) die Leberverfettung antreibt.
Lennerz et al. (2021) berichteten, dass Teilnehmer mit vorbestehenden metabolischen Erkrankungen (Übergewicht, Diabetes Typ 2) unter karnivorer Ernährung Verbesserungen der metabolischen Marker berichteten – einschließlich Gewichtsverlust und HbA1c-Reduktion. Diese Verbesserungen sind mit einer Entlastung der Leber konsistent.
Vorsicht bei Gichtneigung: Purinreiche Ernährung (Innereien, bestimmte Fleischsorten) kann bei genetischer Prädisposition den Harnsäurespiegel erhöhen. Hier ist Monitoring sinnvoll.
— Die MOJO Perspektive
In der Regenerationsmedizin betrachten wir Organe nicht isoliert, sondern als Teil des integrierten Stoffwechselsystems. Die Niere filtert, was der Stoffwechsel produziert. Die Leber verarbeitet, was das Immunsystem und der Stoffwechsel liefern. Wenn der Stoffwechsel von Kohlenhydratverbrennung auf Fettoxidation umschaltet, verändern sich die Substrate, die Leber und Niere verarbeiten – aber das ist eine Anpassung, keine Schädigung. Die Energieallokation innerhalb der drei Systeme (Nervensystem, Immunsystem, Stoffwechsel) bestimmt, ob die Organe über- oder unterfordert sind.
Das Wichtigste in Kürze
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Quellen & Referenzen
- Behavioral Characteristics and Self-Reported Health Status among 2029 Adults Consuming a 'Carnivore Diet'Lennerz B.S., Mey J.T., Henn O.H. et al. – Current Developments in Nutrition (2021) DOI: 10.1093/cdn/nzab133
- Changes in Kidney Function Do Not Differ between Healthy Adults Consuming Higher- Compared with Lower- or Normal-Protein Diets: A Systematic Review and Meta-AnalysisDevries M.C., Sithamparapillai A., Brimble K.S. et al. – The Journal of Nutrition (2018) DOI: 10.1093/jn/nxy197
- Effect of a High-Protein Diet on Kidney Function in Healthy Adults: Results From the OmniHeart TrialJuraschek S.P., Appel L.J., Anderson C.A.M., Miller E.R. – American Journal of Kidney Diseases (2013) DOI: 10.1053/j.ajkd.2012.10.017
- The effects of a high protein diet on indices of health and body composition – a crossover trial in resistance-trained menAntonio J., Ellerbroek A., Silver T. et al. – Journal of the International Society of Sports Nutrition (2016) DOI: 10.1186/s12970-016-0114-2
- Fructose Consumption, Lipogenesis, and Non-Alcoholic Fatty Liver Disease
- Critical appraisal for low-carbohydrate diet in nonalcoholic fatty liver disease: Review and meta-analyses
- Carnivore diet as regenerative immunotherapy for inflammatory bowel disease
Wie wir Evidenz bewerten
Wir betrachten Evidenz als Gesamtbild: Mechanistische Studien, Beobachtungsdaten, klinische Erfahrung und – wenn verfügbar – randomisierte Studien fließen gemeinsam in unsere Bewertung ein. Jede Aussage benennt transparent ihre Evidenzbasis.
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Arzt · Regenerationsmedizin · Gründer des MOJO Instituts
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