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Glossar · Therapien & Interventionen

Refeeding-Syndrom: Ursache, Symptome und wer gefährdet ist

Auch: Refeeding Syndrome · Wiederernährungssyndrom · Refeeding · Renutrition Syndrome
Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Gefährdet sind vor allem Menschen mit starkem Untergewicht, Magersucht, langer Mangelernährung, chronischem Alkoholkonsum oder nach vielen Tagen fast ohne Nahrung (Mensch; Mehanna und Kollegen 2008).
  • Leitzeichen ist ein Abfall von Phosphat im Blut in den ersten Tagen des Wiederessens, oft zusammen mit Kalium, Magnesium und Thiamin (Mensch; da Silva und Kollegen 2020).
  • Wiederessen nach langem Hungern oder starkem Untergewicht gehört in ärztliche Begleitung, meist in die Klinik (Mensch; da Silva und Kollegen 2020).

„Was ist das Refeeding-Syndrom, und wann wird das Wiederessen nach langem Hungern gefährlich?“

Vielleicht begleitest du einen Menschen mit Magersucht, oder du hast selbst lange kaum gegessen, nach einer Krankheit, einer Operation oder einer sehr langen Fastenzeit. Jetzt soll wieder Nahrung kommen, und jemand sagt: Das muss langsam gehen, sonst wird es gefährlich. Warum kann Essen gefährlich sein?

Die mechanische Sicht sagt: Wer zu wenig hatte, braucht mehr, also auffüllen. Das ist für die Bilanz richtig, der Körper braucht Energie und Bausteine. Und trotzdem: Gerade das schnelle Auffüllen ist der Moment, in dem die Entgleisung beginnt.

Die energetische Sicht sagt: Nach langer Entbehrung ist Essen Erleichterung und Fürsorge. Dieses Gefühl ist echt, für Betroffene und Angehörige. Und trotzdem: Ein ausgehungerter Körper erlebt die erste Nahrung nicht nur als Erleichterung, sondern als großen Umbau.

Die biologische Sicht verbindet beides: Im Hunger hat sich der Körper auf Sparbetrieb umgestellt. Wenn plötzlich Nahrung kommt, schaltet er schneller um, als seine Reserven an Mineralstoffen und Vitaminen mithalten können.

Oft heißt es: „Wir sind wie ein Auto, das sich abnutzt.“ Der Körper ist kein leerer Tank, den man nach dem Hungern einfach wieder auffüllt. Er hat sich umgestellt, und die Rückkehr braucht dieselbe Zeit und Begleitung wie die Umstellung.

Was im Körper passiert

Stell dir eine Fabrik vor, die lange stillstand. Lager sind leer, Maschinen gedrosselt. Kommt plötzlich eine große Lieferung, laufen alle Bänder gleichzeitig an, und Kleinteile, die jede Maschine braucht, sind in Minuten verbraucht.

Im Hunger sinkt das Insulin, der Körper lebt von Fett und Ketonkörpern und spart, wo er kann (Mensch; Cahill 2006). Seine Speicher an Phosphat, Kalium, Magnesium und Vitamin B1 schrumpfen, auch wenn die Blutwerte noch normal aussehen, weil der Körper sie aus den Zellen nachliefert.

Kommt wieder Nahrung, vor allem Kohlenhydrate, steigt das Insulin. Die Zellen nehmen Zucker auf und bauen Glykogen, Eiweiß und Energieträger auf. Dafür brauchen sie Phosphat, denn ATP, der Energieträger der Mitochondrien, enthält Phosphat. Insulin zieht außerdem Kalium und Magnesium in die Zellen. Im Blut fallen diese Werte, manchmal innerhalb von Stunden bis Tagen (Mensch; Mehanna und Kollegen 2008).

Thiamin, also Vitamin B1, braucht der Körper, um Zucker in den Mitochondrien zu verbrennen. Ist der Speicher leer und kommt viel Zucker, kann das Gehirn geschädigt werden. Zugleich hält Insulin Natrium und Wasser zurück; ein geschwächtes Herz kann dann überlastet werden (Mensch; da Silva und Kollegen 2020).

Refeeding-Syndrom: Ursache, Symptome und wer gefährdet ist: Das Refeeding-Syndrom ist eine gefährliche Stoffwechselentgleisung, wenn ein ausgehungerter Körper wieder Nahrung bekommt. Insulin zieht dann Phosphat, Kalium und Magnesium aus dem Blut in die Zellen, der Bedarf an Vitamin B1 steigt, und Herz, Atmung und Nerven können versagen. Es ist ein ärztlicher Notfall.

Begriff. Refeeding-Syndrom, englisch refeeding syndrome, deutsch auch Wiederernährungssyndrom, bezeichnet Störungen von Mineralstoffen, Vitaminen und Flüssigkeit, die beim Wiederbeginn der Ernährung nach Hunger oder schwerer Mangelernährung auftreten. Es gilt für Essen, Trinknahrung, Sondennahrung und Infusionen gleichermaßen. Eine einheitliche Definition gab es lange nicht; die amerikanische Fachgesellschaft ASPEN hat 2020 Kriterien vorgeschlagen (da Silva und Kollegen 2020).

Symptome. Die Zeichen sind oft unspezifisch und beginnen meist in den ersten Tagen: Schwäche, Muskelschmerzen, Wassereinlagerungen, Herzrasen oder Herzstolpern, Atemnot, Verwirrtheit, Krampfanfälle. Im schweren Fall kommt es zu Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche und Atemversagen (Mensch; Mehanna und Kollegen 2008). Herzrasen, Brustschmerz, Atemnot, Verwirrtheit oder ein Krampfanfall beim Wiederessen nach langem Hungern sind ein Notfall: Notruf 112.

Wer gefährdet ist. Leitlinien nennen vor allem starkes Untergewicht, raschen ungewollten Gewichtsverlust, viele Tage mit kaum oder keiner Nahrung, niedrige Kalium-, Phosphat- oder Magnesiumwerte schon vor Beginn, Magersucht, chronischen Alkoholkonsum, Krebs mit starkem Gewichtsverlust und Zustände nach großen Operationen (Mensch; Mehanna und Kollegen 2008, da Silva und Kollegen 2020). Die ASPEN-Empfehlungen richten sich an Menschen im Krankenhaus (da Silva und Kollegen 2020). Gut ernährte Menschen, die eine ketogene Kost oder eine kurze Essenspause beenden, gehören nicht zu den genannten Risikogruppen; die Gefahr liegt im Mangel, nicht in der Ketose an sich.

Was in der Klinik geschieht. Ärztinnen schätzen das Risiko vor Beginn ein, kontrollieren Phosphat, Kalium, Magnesium und Flüssigkeit eng, geben Thiamin vor und während des Kostaufbaus und steigern die Nahrung langsam (da Silva und Kollegen 2020). Wie schnell und womit, legt das Behandlungsteam für jeden Menschen einzeln fest. Bei Magersucht und anderen Essstörungen gehört dazu eine ärztliche und psychotherapeutische Begleitung.

zum Merken
Ein ausgehungerter Körper hat sich umgestellt: Die Rückkehr zum Essen braucht Zeit, Kontrolle der Blutwerte und ärztliche Begleitung.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem der Stoffwechsel; was in der Zelle passiert, passiert im ganzen System.

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Regeneration braucht, wofür die sechs Ärzte der Regeneration stehen: Atmung, Nahrung, Bewegung, Naturkraft, Verbindung und Story; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung, ab hier mit ärztlicher Begleitung. Hast du oder ein Mensch, den du begleitest, lange kaum gegessen oder starkes Untergewicht, gehört der Wiederbeginn in ärztliche Hände, meist in die Klinik. Ruf dazu deine Hausärztin an oder, außerhalb der Sprechzeiten, den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117.

Was du mitbringen kannst: wie lange und wie wenig gegessen wurde, wie sich das Gewicht verändert hat, welche Medikamente genommen werden, ob Alkohol eine Rolle spielt und welche Beschwerden gerade da sind.

Was parallel läuft: Bei einer Essstörung gehört neben der ärztlichen auch eine psychotherapeutische Begleitung dazu. Bei Herzrasen, Brustschmerz, Atemnot, Verwirrtheit oder einem Krampfanfall: Notruf 112.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Das Refeeding-Syndrom ist am Menschen gut beschrieben, aber es gibt bis heute keine weltweit einheitliche Definition, und wie häufig es auftritt, schwankt je nach Studie stark. Viele Empfehlungen beruhen auf Fachkonsens, nicht auf großen Studien. Dieser Artikel nennt keine Mengen und kein Schema, weil Kostaufbau und Ausgleich der Blutwerte für jeden Menschen ärztlich festgelegt werden.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Gefahr beim Wiederessen nach Hunger: Refeeding-Syndrom
  • Phosphat im Blut zu niedrig: Hypophosphatämie
  • Kalium im Blut zu niedrig: Hypokaliämie
  • Magnesium im Blut zu niedrig: Hypomagnesiämie
  • Vitamin-B1-Mangel: Thiaminmangel (Wernicke-Enzephalopathie)
  • Langsames Wiederessen in der Klinik: Kostaufbau mit Elektrolytkontrolle
  • Starke Mangelernährung: Malnutrition, Kachexie
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Häufige Fragen (4)

Was ist das Refeeding-Syndrom?

Eine Stoffwechselentgleisung beim Wiederbeginn der Ernährung nach Hunger oder schwerer Mangelernährung. Insulin zieht Phosphat, Kalium und Magnesium in die Zellen, die Werte im Blut fallen, und Herz, Atmung und Nerven können versagen (Mehanna und Kollegen 2008).

Welche Symptome hat das Refeeding-Syndrom?

Oft unspezifisch und in den ersten Tagen: Schwäche, Wassereinlagerungen, Herzrasen oder Herzstolpern, Atemnot, Verwirrtheit, Krampfanfälle. Solche Zeichen beim Wiederessen nach langem Hungern sind ein Notfall: Notruf 112.

Wer ist gefährdet?

Vor allem Menschen mit starkem Untergewicht, Magersucht, langer Mangelernährung, chronischem Alkoholkonsum, Krebs mit starkem Gewichtsverlust oder nach vielen Tagen fast ohne Nahrung (da Silva und Kollegen 2020).

Kann das Refeeding-Syndrom nach einer ketogenen Diät auftreten?

Gut ernährte Menschen, die eine ketogene Kost beenden, gehören nicht zu den Risikogruppen, die die Fachübersichten nennen (Mehanna und Kollegen 2008, da Silva und Kollegen 2020). Die Gefahr entsteht durch Mangel und Untergewicht, nicht durch die Ketose an sich. Wer allerdings stark abgenommen oder lange sehr wenig gegessen hat, klärt den Wiederbeginn mit der Ärztin.
Quellen (1)

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

“
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