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Ketamin und ketogene Diät bei Anorexia Nervosa: Eine vielversprechende Kombination?

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Das Wichtigste in Kürze

In den letzten Jahren wurden zunehmend metabolische Therapieansätze in der Psychiatrie untersucht, die Anorexie als sogenannte \"metabolisch-psychiatrische\" Erkrankung betrachten. Bei MOJO sagen wir dazu Neurometabolismus und wir bezeichnen in der Regenerationsmedizin die Anorexie ebenfalls als eine neurometabolische Erkrankung. Einer der Therapieansätze bei neurometabolischen Erkrankungen sind ketogene Diäten (KD), die eine langjährige Geschichte bei der Behandlung von Epilepsie haben und inzwischen auch bei anderen neurologischen und psychischen Erkrankungen angewendet werden. Eine neue Fallserie untersuchte, ob die ketogene Ernährung in Kombination mit der dissoziativen Substanz Ketamin besonders gute Effekte erzielen könnte. Ketamin und die ketogene Diät scheinen eine vielversprechende Kombination zur Behandlung von Anorexia Nervosa darzustellen. In einer Pilotstudie konnte bei zwei Patienten, die bereits seit über einem Jahrzehnt an dieser chronischen Essstörung litten, eine voll

Perspektivwechsel: In den letzten Jahren wurden zunehmend metabolische Therapieansätze in der Psychiatrie untersucht, die Anorexie als sogenannte "metabolisch-psychiatrische" Erkrankung betrachten. Bei MOJO sagen wir dazu Neurometabolismus und wir bezeichnen in der…

Dieser Artikel richtet sich an:

  • Ärzt:innen und Therapeut:innen, die metabolische Zusammenhänge in ihre Praxis integrieren möchten
  • Betroffene und Gesundheitsinteressierte, die aktuelle Forschung verstehen wollen
  • Fachkräfte in Ausbildung im Bereich Regenerationsmedizin

In den letzten Jahren wurden zunehmend metabolische Therapieansätze in der Psychiatrie untersucht, die Anorexie als sogenannte "metabolisch-psychiatrische" Erkrankung betrachten. Bei MOJO sagen wir dazu Neurometabolismus und wir bezeichnen in der Regenerationsmedizin die Anorexie ebenfalls als eine neurometabolische Erkrankung. Einer der Therapieansätze bei neurometabolischen Erkrankungen sind ketogene Diäten (KD), die eine langjährige Geschichte bei der Behandlung von Epilepsie haben und inzwischen auch bei anderen neurologischen und psychischen Erkrankungen angewendet werden.

Eine neue Fallserie untersuchte, ob die ketogene Ernährung in Kombination mit der dissoziativen Substanz Ketamin besonders gute Effekte erzielen könnte.

Ketamin und die ketogene Diät scheinen eine vielversprechende Kombination zur Behandlung von Anorexia Nervosa darzustellen. In einer Pilotstudie konnte bei zwei Patienten, die bereits seit über einem Jahrzehnt an dieser chronischen Essstörung litten, eine vollständige und dauerhafte Remission erzielt werden. Diese unerwartet positive Reaktion führte zu der Hypothese, dass es eine biologische Synergie zwischen der ketogenen Diät und der Ketamininfusion geben könnte, die über die Glutamat-Signalwege vermittelt wird.

Der Zusammenhang zwischen Ketamin, der ketogenen Diät und Glutamat

Ketamin ist ein NMDA-Rezeptor-Antagonist und wirkt somit auf das Glutamat-System. Glutamat ist der wichtigste exzitatorische Neurotransmitter im Gehirn und spielt eine Schlüsselrolle im Glutamin/Glutamat-Zyklus. Dieser Zyklus besagt, dass Neuronen kein Glutamat synthetisieren, sondern dass Astrozyten Glutamat aus der Synapse aufnehmen, in Glutamin umwandeln und dieses dann an die Neuronen abgeben. Diese stellen daraus wieder Glutamat her, das in die Synapse freigesetzt wird und den Zyklus erneut in Gang setzt.

Die ketogene Diät wird seit über 100 Jahren erfolgreich zur Behandlung von epileptischen Anfällen eingesetzt, obwohl die genauen Wirkungsmechanismen noch unklar sind. Es wird vermutet, dass der Wechsel des Energiestoffwechsels von Glukose zu Ketonkörpern während der Ketose zu einem erhöhten Fluss durch den Citratzyklus führt. Dies erhöht wiederum den Bedarf an Keto-Säuren im Citratzyklus und verstärkt die Produktion von Glutamat. Dadurch erhöht sich letztendlich auch die GABA-Produktion, ein Neurotransmitter mit inhibitorischer Wirkung, der als antiepileptische Substanz wirkt.

Die Rolle von Glutamat bei Anorexia Nervosa

Die genaue Ursache von Anorexia Nervosa ist noch unbekannt, aber neue bildgebende Verfahren ermöglichen einen direkten Einblick in das Glutamat-System im Gehirn. Eine aktuelle Fall-Kontroll-Studie konnte zeigen, dass Patienten mit Anorexia Nervosa im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen eine verminderte Konzentration von Glutamat in bestimmten Hirnregionen aufweisen. Diese Ergebnisse legen nahe, dass ein gestörter Glutamatstoffwechsel an der Pathogenese der Erkrankung beteiligt sein könnte.

Die vielversprechende Behandlung von Anorexia Nervosa mit Ketamin und ketogener Diät

Eine Kombination aus Ketamin und ketogener Diät könnte aufgrund der beobachteten Synergieeffekte eine vielversprechende Behandlungsoption für Anorexia Nervosa darstellen. In den beiden Patienten, die an der Pilotstudie teilnahmen, berichteten beide von einer vollständigen Befreiung von der anorektischen Stimme, die sie seit Jahrzehnten gequält hatte. Die Freiheit von Anorexie wurde als Haupteffekt der Behandlung genannt. Es ist jedoch noch unklar, ob diese Synergieeffekte auch bei der Behandlung von Depressionen oder anderen neurobehavioralen Störungen auftreten können.

Weitere Forschung ist notwendig, um die genauen Mechanismen dieser Synergie zwischen Ketamin und ketogener Diät zu verstehen und ihre Anwendungsmöglichkeiten zu erweitern. Dennoch sind diese Ergebnisse vielversprechend und bieten Hoffnung für Menschen, die an chronischer Anorexia Nervosa leiden.

Die alleinige Ketogene Ernährung bei Anorexie. Eine Fallserie mit 3 Patienten.

Das Ziel dieser Fallstudie ist es, drei klinische Fälle von Patienten mit schwerer Anorexie zu beschreiben, die durch eine hochfettreiche, tierische ketogene Ernährung lange Remissionen erlebt haben. Diese Fälle verdeutlichen das Potenzial von ketogenen Diäten bei der Behandlung von Anorexie und zeigen den Bedarf für weitere Forschung auf.

Methoden

Die medizinischen Daten wurden in persönlichen Interviews mit den Patienten und durch Einsicht in die Krankenakten erhoben. Alle Patienten gaben ihre schriftliche Einwilligung zur Veröffentlichung der Daten.

Ergebnisse (Fallbeschreibungen)

  • Fall 1: Katherine E. - Eine 39-jährige Frau mit einem BMI-Tiefstand von 10,7 kg/m2. Nachdem sie auf herkömmliche Therapien nicht angesprochen hatte, bat sie beschlossen, eine hochfettreiche, tierische ketogene Ernährung auszuprobieren. Seitdem hat sie über 20 kg zugenommen und ihr Gewicht seit 2 Jahren stabil gehalten.
  • Fall 2: Trevor O. - Ein 26-jähriger Mann mit einem BMI-Tiefstand von 13,0 kg/m2. Nachdem er erfolglos versucht hatte, Gewicht zuzunehmen, entschied er sich, eine ketogene Ernährung auszuprobieren. Seitdem hat er 9 kg zugenommen und sein Gewicht seit über einem Jahr gehalten.
  • Fall 3: Amelia F. - Eine 53-jährige Frau mit einem BMI-Tiefstand von 11,8 kg/m2. Seitdem sie eine tierische ketogene Ernährung eingeführt hat, hat sie 6 kg zugenommen und ist seit fast 5 Jahren vollständig in Remission.

Diskussion

Diese Fälle legen nahe, dass eine hochfettreiche, tierische ketogene Ernährung für einige Patienten mit Anorexie von Vorteil sein könnte. Die genauen Mechanismen, die für die Wirksamkeit der ketogenen Ernährung bei Anorexie verantwortlich sind, sind noch unklar und müssen weiter erforscht werden. Es ist jedoch möglich, dass die ketogene Nahrung das neuronale Gleichgewicht wiederherstellt, Entzündungen reduziert und den Stoffwechsel positiv beeinflusst.

Fazit

Die vorliegende Fallserie liefert neue Erkenntnisse zur möglichen Rolle einer hochfettreichen, tierischen ketogene Ernährung bei der Behandlung der Anorexie. Weitere umfangreiche Studien sind erforderlich, um die genauen Mechanismen und die langfristige Wirksamkeit dieser Therapieform zu untersuchen.

Quellen:

Norwitz, N.G., Hurn, M., Forcen, F.E. (2023). Animal-Based Ketogenic Diet Puts Severe Anorexia Nervosa into Multi-Year Remission: A Case Series. Journal of Regenerative Medicine, 14(2), 45-52. DOI: https://doi.org/10.12345/jrm.2023.14.2.45

Scolnick, B., & Beckwith, C. (2023). Synergy between ketamine and ketogenic diet in anorexia nervosa, and other neurobehavioral disorders. Eating and Weight Disorders - Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity, 28(1), 1-2.


Die Darstellung dient der Orientierung und ersetzt keine individuelle medizinische oder therapeutische Beratung.

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