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Forschungsupdate · Diagnosen & Krankheitsbilder

Ketamin und ketogene Ernährung bei chronischer Anorexie: eine Hypothese aus zwei Krankheitsverläufen

Dr. Gerrit Kefersteinaktualisiert 3 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Zwei Frauen mit langjähriger Anorexie wurden nach ketogener Ernährung und Ketamin-Infusionen nach Angaben der Behandelnden anhaltend frei von den Gedanken der Essstörung (Mensch, Fallberichte).
  • Dass ketogene Ernährung und Ketamin über das Glutamat-System zusammenwirken, ist eine Hypothese, geprüft ist sie nicht (Modell nach Scolnick und Beckwith).
  • Eine Fallserie beschreibt drei Menschen mit schwerer Anorexie, die unter einer tierbasierten ketogenen Ernährung über Jahre in Remission blieben, ohne Vergleichsgruppe (Mensch, Fallserie).

Begrenzte Evidenz. Wenige Studien oder methodische Einschränkungen, aber mechanistisch plausibel.

„Können Ketamin und eine ketogene Diät bei Anorexie helfen, und was zeigen die Studien dazu wirklich?“

Vielleicht lebst du selbst seit Jahren mit einer Essstörung, oder du begleitest einen Menschen, der dir nahe ist. Vielleicht wurde schon vieles versucht, und die Stimme, die über das Essen bestimmt, ist geblieben. Dann liest du von Ketamin und ketogener Diät und fragst dich, ob das ein Weg sein könnte.

Die mechanische Sicht versteht Anorexie als psychische Erkrankung mit schweren körperlichen Folgen und setzt auf medizinische Stabilisierung, Psychotherapie und ein festes Behandlungsteam. Das ist ihre Stärke: Sie schützt Leben, und vielen Menschen hilft sie aus der Erkrankung heraus. Und trotzdem: Warum bleibt bei manchen die anorektische Stimme, auch wenn das Gewicht wieder stabil ist?

Die energetische Sicht sieht in der Essstörung einen Ausdruck von Not, Kontrolle und ungelebten Gefühlen. Sie nimmt richtig ernst, dass es um viel mehr geht als ums Essen. Und trotzdem: Was im Körper hält dieses Muster so fest, dass Einsicht allein es nicht löst?

Die biologische Sicht fragt, welche Rolle der Stoffwechsel des Gehirns spielt: welche Brennstoffe es nutzt und wie seine Botenstoffe im Gleichgewicht sind. Das ist bisher eine Frage, keine Antwort.

Oft heißt es: „Das ist psychisch überlagert.“ Anorexie ist eine psychische Erkrankung und zugleich eine des Körpers: Die Forschung fragt, welche Rolle der Stoffwechsel des Gehirns spielt.

Was im Körper passiert

Stell dir Glutamat als Gaspedal und GABA als Bremse deines Gehirns vor. Glutamat lässt Nervenzellen feuern, GABA beruhigt sie. Beide hängen zusammen: Aus Glutamat bildet das Gehirn GABA. Stützzellen, die Astrozyten, nehmen Glutamat aus dem Spalt zwischen den Nervenzellen auf, verwandeln es in Glutamin und geben es an die Nervenzellen zurück, die daraus neues Glutamat bilden (Zelle, Lehrbuchwissen).

In einer Ketose nutzt das Gehirn zum Teil Ketonkörper statt Zucker. Ein Modell besagt, dass dabei mehr Glutamat als Vorstufe für GABA bereitsteht; das könnte erklären, warum die ketogene Ernährung bei Epilepsie Anfälle seltener macht (Modell). Ketamin wirkt an einer anderen Stelle desselben Systems: Es blockiert den NMDA-Rezeptor, eine Andockstelle für Glutamat. In Tierversuchen folgt darauf ein kurzer Glutamat-Schub und die Bildung neuer Verbindungen zwischen Nervenzellen (Tier).

Wozu könnte das bei Anorexie wichtig sein? Ein Gehirn im langen Mangel spart und schützt sich, und Denkmuster können dabei starr werden (Modell). Die Idee von Scolnick und Beckwith lautet: Die Ernährung verändert den Brennstoff, Ketamin öffnet ein Fenster für neue Verbindungen, und zusammen lockert sich das starre Muster (Modell nach Scolnick und Beckwith, 2023). Ob das so ist, weiß heute niemand.

In einem Brief an eine Fachzeitschrift für Essstörungen beschreiben Barbara Scolnick und Kollegen zwei Frauen mit langjähriger Anorexie, die nach einer ketogenen Ernährung und anschließenden Ketamin-Infusionen nach eigener Darstellung anhaltend frei von den Gedanken der Essstörung wurden (Mensch, Fallberichte; Scolnick und Beckwith, 2023). Daraus leiten sie die Hypothese ab, dass beide über das Glutamat-System zusammenwirken; geprüft ist das nicht.

Studiendesign: Brief an die Herausgeber mit Hypothese, gestützt auf einen Fallbericht und eine offene Pilotstudie ohne Kontrollgruppe · Frauen mit chronischer Anorexia nervosa · Stichprobe zwei beschriebene Krankheitsverläufe; die Pilotstudie umfasste fünf Patientinnen

Hintergrund

Anorexia nervosa, kurz Anorexie, ist eine schwere Essstörung. Bei einem Teil der Betroffenen wird sie chronisch, und die üblichen Behandlungen reichen nicht aus. Viele beschreiben eine innere Stimme, die über das Essen bestimmt und auch dann bleibt, wenn das Gewicht wieder stabil ist. Darum sucht die Forschung nach neuen Wegen, auch über den Stoffwechsel des Gehirns, wie es die metabolische Psychiatrie tut.

Die ketogene Ernährung, bei der der Körper vor allem Fett und daraus gebildete Ketonkörper als Brennstoff nutzt, wird seit über 100 Jahren bei schwer behandelbarer Epilepsie eingesetzt, in Deutschland mit einer eigenen Leitlinie für Kinder (Baumeister und Klepper, 2007). Ketamin ist ein Narkosemittel und verschreibungspflichtig. Ein verwandter Wirkstoff, Esketamin, ist als Nasenspray für bestimmte Formen der Depression zugelassen, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen. Für Anorexie ist Ketamin nicht zugelassen. Seine Wirkung auf die Stimmung setzt rasch ein, hält bei vielen Menschen aber nur kurz an.

Ergebnisse

Zwei Verläufe. Die erste Patientin lebte seit 15 Jahren mit einer Anorexie; ihr Verlauf war zuvor schon als Fallbericht erschienen. Die zweite hatte eine langjährige Anorexie und wiederkehrende depressive Phasen. Beide erhielten zuerst eine ketogene Ernährung und danach eine Reihe von Ketamin-Infusionen. Beide beschrieben als wichtigste Wirkung, dass die „anorektische Stimme“, die sie über Jahre begleitet hatte, verstummte. Die Autoren sprechen von einer vollständigen und anhaltenden Remission (Mensch, Fallberichte; Scolnick und Beckwith, 2023). Wie lange genau, nennt der Brief nicht.

Eine Pilotstudie. Die Gruppe verweist auf eine eigene Pilotstudie mit fünf Patientinnen, deren Gewicht bereits stabil war, die aber weiter unter den Gedanken der Essstörung litten. Eine Kontrollgruppe gab es nicht (Mensch).

Die Hypothese. Ketamin blockiert einen Rezeptor für Glutamat, den wichtigsten anregenden Botenstoff im Gehirn. Die ketogene Ernährung verändert, wie das Gehirn Glutamat und den bremsenden Botenstoff GABA bildet. Eine Bildgebungsstudie, auf die sich der Brief stützt, fand bei Menschen mit Anorexie in einigen Hirnregionen weniger Glutamat als bei Gesunden. Daraus entsteht die Idee einer Synergie (Modell nach Scolnick und Beckwith, 2023).

Eine Fallserie ohne Ketamin. Unabhängig davon beschrieben Nicholas Norwitz und Kollegen drei Menschen mit schwerer Anorexie, bei denen übliche Behandlungen nicht ausgereicht hatten. Unter einer fettreichen, tierbasierten ketogenen Ernährung blieben sie nach eigenen Angaben ein bis fünf Jahre in Remission, nahmen zu und berichteten von weniger Angst (Mensch, Fallserie; Norwitz et al., 2023). Die Daten stammen aus Gesprächen und Krankenakten; alle gaben ihr schriftliches Einverständnis.

Was bedeutet das für dich

Für dich heißt das zuerst: Es gibt Forschende, die Anorexie auch als Frage des Stoffwechsels im Gehirn ernst nehmen, und einzelne Verläufe, die Hoffnung machen. Wenn du selbst lange mit einer Essstörung lebst, kann das ein guter Gedanke sein: Dass die Stimme so hartnäckig ist, liegt nicht an mangelndem Willen.

Was daraus nicht folgt: dass Ketamin oder eine ketogene Ernährung bei Anorexie wirken. Zwei Fälle und eine Gruppe von fünf Menschen ohne Vergleich können nicht zeigen, ob die Behandlung den Unterschied gemacht hat. Ketamin wird nur unter ärztlicher Überwachung gegeben, weil es stark auf das Erleben wirkt. Und bei einer Essstörung ist jede Veränderung der Ernährung Teil der Behandlung: Gerade bei Untergewicht braucht der Körper beim Wiederaufbau eine enge ärztliche Begleitung, weil sich Salze und Stoffwechsel rasch verschieben können.

Die richtigen Ansprechpartnerinnen sind deine Ärztin, deine Psychotherapeutin und Zentren, die auf Essstörungen spezialisiert sind. Wenn du Medikamente nimmst, verändere nichts ohne deine Ärztin. Wenn du in einer akuten Krise bist oder an Suizid denkst, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111.

zum Merken
Auch das Gehirn ist ein Organ mit Stoffwechsel. Ob ein anderer Brennstoff bei Anorexie hilft, ist eine offene Frage, keine Anleitung.

Das Fundament dahinter

In jeder Zelle sind Mitochondrien Sensor und Effektor: Sie spüren, ob Herausforderung oder Gefahr ansteht, und stellen danach Energie bereit oder schalten in den Schutzmodus, in der Forschung Cell Danger Response.

Von den drei Systemen spricht hier vor allem das Nervensystem, im Austausch mit dem Stoffwechsel (Neurometabolismus).

Was sich oft genug wiederholt, bleibt: Über das Körpergedächtnis werden aus Zuständen Eigenschaften, in beide Richtungen.

Von den sechs Ärzten der Regeneration spricht hier vor allem Dr. Nahrung; die ärztliche Behandlung läuft weiter.

Deine Entscheidung

Deine Entscheidung beginnt mit einem Gespräch, nicht mit einem Selbstversuch.

Du kannst die Fragen, die dieser Artikel in dir weckt, aufschreiben und zu deiner Ärztin oder Psychotherapeutin mitnehmen, auch das, was du über neue Forschung gelesen hast.

Du kannst beobachten, wann die Stimme der Essstörung lauter wird und wann leiser, und das in deine Behandlung einbringen.

Wenn du einen Menschen mit Anorexie begleitest, kannst du ihm zeigen, dass du da bist, ohne über Essen und Gewicht zu sprechen.

Wenn du in einer akuten Krise bist oder an Suizid denkst, erreichst du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111.

Vor jedem Ausprobieren kannst du dich fragen:

  1. Ist es biologisch plausibel?
  2. Ist das Risiko klein?
  3. Hat deine Ärztin geklärt, dass keine Gefahr dahintersteckt?
  4. Kannst du es an dir beobachten?

Was wir nicht wissen: Der Brief beschreibt zwei Einzelfälle; die zugrunde liegende Pilotstudie hatte fünf Teilnehmerinnen und keine Kontrollgruppe. Die erste Patientin war die Nichte der behandelnden Ärztin, wie die Autoren selbst schreiben. Ob die Ernährung, das Ketamin, beides zusammen, die Zuwendung oder der natürliche Verlauf den Unterschied gemacht hat, lässt sich so nicht trennen. Die Fallserie von Norwitz und Kollegen stützt sich auf Interviews und Akten, ohne Vergleich und mit selbst gewählter Ernährung. Sicherheit und Nebenwirkungen sind in so kleinen Gruppen nicht beurteilbar. Ob sich die Hypothese auf Depression übertragen lässt, wissen auch die Autoren nicht. Kontrollierte Studien fehlen.

Zum Nachschlagen

Begriffe fürs Arztgespräch
  • Die Stimme, die über das Essen bestimmt: anorektische Kognitionen, Essstörungspsychopathologie
  • Der Körper verbrennt Fett statt Zucker: Ketose, Ketonkörper
  • Gaspedal und Bremse im Gehirn: Glutamat und GABA
  • Belastung beim Wiederaufbau der Ernährung: Refeeding-Syndrom
  • Stoffwechsel des Gehirns und Psyche: metabolische Psychiatrie
Wer klärt was

Ob eine Krankheit dahintersteckt und wie sie behandelt wird, klärt deine Ärztin. Seelische Last gehört zu deiner Therapeutin. Was du im Alltag für deine Regeneration tust, begleitet ein Mentor. Entscheiden tust du.

Wenn die seelische Last im Vordergrund steht, gehört sie in eine Psychotherapie, die genau das behandelt. Was dein Nervensystem im Alltag stabilisiert, läuft daneben weiter.

Häufige Fragen (3)

Wie wirkt Ketamin bei Anorexie?

Das ist nicht bekannt. Ketamin blockiert eine Andockstelle für den Botenstoff Glutamat; dass das bei Anorexie hilft, ist eine Hypothese aus wenigen Fällen (Scolnick und Beckwith, 2023). Ketamin ist verschreibungspflichtig, für Anorexie nicht zugelassen und wird nur unter ärztlicher Überwachung gegeben.

Hilft eine ketogene Diät bei Essstörungen?

Dazu gibt es bisher nur Fallberichte und kleine Fallserien ohne Vergleichsgruppe (Norwitz et al., 2023). Bei einer Essstörung ist jede Veränderung der Ernährung Teil der Behandlung und gehört in die Hände des Behandlungsteams.

Kann man mit Ketamin abnehmen?

Nein. Ketamin ist kein Mittel zum Abnehmen und wurde dafür auch nicht untersucht. In den Fallberichten ging es darum, dass Menschen mit Anorexie von den Gedanken der Essstörung frei werden, nicht um Gewicht.
Quellen (3)
  • Synergy between ketamine and ketogenic diet in anorexia nervosa, and other neurobehavioral disorders
    Scolnick B., Beckwith C. – Eating and Weight Disorders - Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity (2023) DOI: 10.1007/s40519-023-01528-5
  • Animal-based ketogenic diet puts severe anorexia nervosa into multi-year remission: A case series
    Norwitz N.G., Hurn M., Espi Forcen F. – Journal of Metabolic Health (2023) DOI: 10.4102/jir.v6i1.84
  • Ketogene Diät
    F.A.M. Baumeister, J. Klepper (AG Ketogene Diät) – Leitlinien Kinder- und Jugendmedizin (2007) DOI: 10.1016/b978-3-437-22061-6.50015-x

Fachlich geprüft von Dr. Gerrit Keferstein,

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