MOJO ARTIKEL

Einstieg in die Mitochondrienzucht
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Geschrieben von Dr. Gerrit Keferstein

Dr. Gerrit Keferstein ist Arzt und Gründer des MOJO Instituts.

Mitochondriale Dysfunktion liegt fast allen chronischen Erkrankungen zu Grunde.

Zu verstehen wie Mitochondrien an Funktion verlieren, wie man Mitochondrien wieder aufbaut, wie man sie wieder organisch heranzüchtet, und warum das auch nur organisch geht und nicht mit einem einzigen  Medikament gelöst werden kann, dazu muss man viele Fachbereiche integrieren können.

Man muss Zellbiologie verstehen, natürliche Selektion und Evolutionsbiologie, Biochemie, ein kleines bisschen Quantenphysik, Immunologie, und etwas Medizin. Mitochondrien liegen im absoluten Zentrum aller modernen Erkrankungen. Unser Körper produziert natürlicherweise jeden Tag 60kg Energie in Form von ATP. Der Großteil davon wird von Mitochondrien produziert. Das sind kleine Bakterien, die in unseren Zellen existieren. Wir haben etwa 30 Billionen Zellen in unserem Körper und jede dieser Zellen hat im Schnitt etwa 1000 dieser kleinen Energieproduzenten. 30 Billiarden Mitochondrien produzieren im Idealfall also 60kg ATP pro Tag. Wenn wir weniger Mitochondrien haben, oder diese an Funktion verlieren, dann hat unser Körper pro Tag nicht mehr 60kg ATP als Energie zur Verfügung, sondern vielleicht nur 40kg, oder sogar nur 20kg. Jetzt muss der Körper anfangen zu rationieren. Man wird müde. Wenn die Energiearmut länger anhält, dann verteilt das Gehirn die Energie in die Areale um, die es für am wichtigsten hält. Dadurch werden andere Organe und Gewebe mit zu wenig Energie versorgt. Dadurch schwindet die Regenerationsfähigkeit, denn Regenerationsfähigkeit von Haut, Sehnen, Knochen, und Knorpel ist nunmal nicht so wichtig wie Herzfunktion. Die Libido und alles was mit Sexualorganen zu tun hat funktioniert nicht mehr so gut, denn wenn der Körper sich zwischen „Survive and reproduce“ entscheiden muss, dann entscheidet er sich immer für „survive“ und „reproduce“ wird dann halt pausiert. Wenn der chronische Energiemangel zu lange anhält dann können Krankheiten wie Fibromyalgie, chronisches Erschöpfungssyndrom, Depression, Unfruchtbarkeit resultieren. Aber auch Nierenversagen, Herzversagen, neurodegenerative Erkrankungen und sogar Krebs sind ganz eng mit einer chronisch reduzierten mitochondrialen Funktion verknüpft. Kurz : Mitochondrien zu verstehen liegt im Kern einer modernen Medizin.

Mitochondrien sind Lebewesen. Sie brauchen das richtige Umfeld um sich wohlzufühlen. Denn nur dann vermehren sie sich und laufen auf voller Leistungsfähigkeit. Die pharmakologische Medizin stösst bei Mitochondrien an ihre Grenzen, weil es kein Medikament gibt was man einfach nehmen kann und dann springen die Mitochondrien auf und sagen : „Hui diese biochemischen Substanz ist ALLES was ich gebraucht habe, jetzt fang ich richtig an zu arbeiten und mich fortzupflanzen“. Deshalb stösst die pharmakologische Medizin auch bei chronischen Krankheiten an ihre Grenzen. Mitochondrien wieder aufzubauen erfordert eine wahrlich ganzheitliche Herangehensweise. Um Mitochondrien wieder aufzubauen muss man sie wie organische Lebewesen behandeln. Mitochondrien repariert man nicht. Mitochondrien spritzt man nicht fit. Mitochondrien züchtet man. Wie ein liebevoller Gärtner.

Wir haben uns zum Ziel gesetzt einen Artikel für dich zu schreiben, der die wichtigsten Prinzipien in einer simplen Story vereint. Denn um deine Mitochondrien zu optimieren und dich damit vor Krankheit zu schützen musst du verstehen, wie du ein guter Mitochondrienzüchter werden kannst:

Stell dir vor du hättest eine Käfigfarm mit 1000 Mäusen. Diese Mäuse haben in ihren Käfigen Laufbänder und je mehr sie laufen, desto mehr Energie produzieren sie. Damit generierst du Strom für dein Haus. Wie schaffst du es, dass diese 1000 Mäuse über die nächsten 10 Jahre immer mehr und mehr Strom für dich produzieren?

Wie du es schaffst, dass diese Mäuse immer weniger und weniger Strom produzieren ist recht einfach zu beantworten : Füttere den Mäusen einfach ständig Junk Food, gib ihnen keine Vitamine und Mineralstoffe, reduziere das direkte Sonnenlicht was die Tiere bekommen, reduziere die Wasserqualität und sorg dann dafür, dass sich nur die schwächsten 10% fortpflanzen können. Irgendwann sterben die motivierten und starken Mäuse aus und so züchtest du dir über die nächsten Jahre damit eine Truppe von 1000 bewegungsfaulen Mäusen an und du kannst auf einmal nicht mehr dein ganzes Haus mit Energie versorgen, sondern nur noch die Notstromversorgung mit ein paar flackernden Glühbirnen. 

Wie schafft man es allerdings 1000 hochfunktionale Mäuse ranzuzüchten? Man versorgt die Mäuse mit allen Vitaminen, Mineralstoffen und Nährstoffen, die sie benötigen. Man gibt ihnen genug Sonnenlicht, man richtet den Käfig artgerecht und motivierend ein. Man belohnt die Mäuse für mehr Zeit auf dem Laufband, in dem man zum Beispiel das Futter erst nach einer gewissen Zeit auf dem Laufband zur Verfügung stellt. Und das wichtigste : Man lässt die schwächsten 90% sterben ohne sich fortzupflanzen und lässt nur das Genmaterial der stärksten und ausdauerndsten 10% weiterleben. So züchtet man sich eine Kolonie von 1000 Superathleten heran. Das ist das Grundprinzip genetischer Selektion und das Fundament jeglicher Form von Zucht seitdem Gregor Mendel das Prinzip bei Erbsen erkannt hat. 

So züchten wir uns als Menschen saftige Tomaten heran, Karotten die geniessbar sind, und Kürbisse, die immer grösser werden. So züchten wir Dackel die immer dackliger werden, Pitbulls, die immer pitbulliger werden, Pferde, die immer schöner werden und Huskies, die immer ausdauernder werden. 

Und jetzt stell dir vor deine Aufgabe ist es nicht 1000 Mäuse in Richtung besserer Ausdauer zu züchten, sondern deine Aufgabe ist es 1000 Bakterien in Richtung höherer Energieproduktion zu züchten.

Ich gebe dir ein Reagenzglas und darin sind 1000 Bakterien. Deine Aufgabe ist es über die nächsten 12 Monate die besten Bakterien zu züchten. 12 Monate reicht jetzt auch, weil Bakterien ja einen viel schnelleren Teilungs/Reproduktionszyklus haben als Mäuse. Jetzt wird es aber umso wichtiger, dass du irgendwie dafür sorgst, dass die schwächsten Bakterien sich nicht fortpflanzen können. Denn sonst wird die Leistung deiner Bakterienpopulation über die Zeit nicht besser. Wenn du deine Bakterien auf Höchstleistung züchten willst, dann musst du die schwächsten 20% töten. Und dann wartest du bis der Rest sich oft genug geteilt hat bis du wieder 1000 Bakterien hast. Dann tötest du wieder die schwächsten 20%. Dann wartest du wieder bis die guten 80% sich vermehrt haben auf 1000. Dann tötest du wieder die schwächsten 20%. Und so züchtest du Superbakterien heran. Die brauchen natürlich auch alle die richtigen Mikronährstoffe und Sonnenlicht, und Bewegung, und ein artgerechtes Umfeld. 

Und jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter. Jetzt erkennst du, dass jede einzelne deiner Zellen in deinem Körper ganz besondere Bakterien enthält. Die Mitochondrien. Im Schnitt hat jede Zelle im Körper 1000 dieser kleinen Bakterien. Und diese Bakterien produzieren den Grossteil unserer Energie für unseren Körper. Wenn die auf Höchstleistung Funktionieren können sie unseren gesamten Körper mit Energie versorgen. Dazu produzieren sie täglich 60kg ATP (ATP=Energie). Und das lässt unser Gehirn funktionieren, das lässt unsere Darmbarriere funktionieren, das lässt unsere Zellteilung in der Haut funktionieren, das lässt Gewebeheilung funktionieren, das lässt Entgiftung funktionieren, das lässt alles im Körper funktionieren.

Jetzt stell dir vor von deinen 1000 Mitochondrien pro Zelle funktionieren einige nicht so richtig. Oder was ist wenn sogar alle nicht mehr auf 100% laufen, sondern manche sind nur noch bei 50%, manche bei 30%, manche bei 10% und manche machen sogar gar nichts mehr?

Was passiert dann mit meinem Körper? Genauso wie eine Truppe fauler Mäuse nur mein flackerndes Notlicht betreiben kann, so führt auch eine nicht funktionierende Truppe von Mitochondrien dazu, dass unser Körper auf Notstrom umsteigt. Dann werden einige Organe nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt. Zum Beispiel die Haut. Dann wird die Haut spröde und verliert an Regenerationsfähigkeit. Oder die Darmbarriere. Dann verliert die Darmbarriere die Fähigkeit verschlossen zu bleiben und sich zu regenerieren. Oder die Leber verliert an Entgiftungsleistung, oder das Immunsystem verliert an Abwehrfunktion.

Je nachdem wie ausgeprägt die Einbussen der mitochondrialen Leistungsfähigkeit sind, desto intensiver die Symptomatik. Bei ausgeprägten Leistungseinbussen kommt man kaum noch aus dem Bett. 

Mit allem was du jetzt über Zucht gelernt hast : Wie kannst du dafür sorgen, dass deine kleine Mitochondrienfarm von 1000 Mitochondrien, die sich in fast jeder deiner 60 Trillionen Zellen im Körper befindet, wieder zu einer leistungsfähigen Kolonie von Energieproduzenten wird?

Du züchtest sie. Du versorgst sie konstant mit den wichtigen Mikronährstoffen, mit Sonnenlicht, mit einem artgerechten Umfeld, du belohnst sie für gute Leistung, und vor allen Dingen : du sortierst die schlechtesten 10% aus und sorgst dafür, dass die besten 90% sich fortpflanzen können. Dann wartest du bis wieder neue Mitochondrien nachgewachsen sind, und dann sortierst du wieder die schlechtesten 10% aus. Mitochondrienzucht. 

Checklist für Mitochondrienzüchter :

  • Mitochondriale Mikronährstoffe (darauf gehen wir in anderen Artikeln näher ein)
  • Sonnenlicht (Ja, Mitochondrien brauchen Sonnenlicht)
  • Ein artgerechtes und giftstofffreies Umfeld (auch darauf gehen wir in anderen Artikeln näher ein)
  • 10% der schwächsten Mitochondrien aussortieren
  • Ein Wachstumssignal senden, damit die stärkeren sich fortpflanzen

Ein unfunktionales Mitochondrium fängt an zu qualmen

Wenn ein Automotor nicht mehr gut funktioniert, dann fängt er vermehrt an zu qualmen und verliert an Leistung. Die Ursache für beides ist die selbe. Es findet nur ein unvollständiger Verbrennungsprozess statt. Das Benzin wird nicht vollständig verbrannt. Dadurch generiert der Motor weniger Leistung. Das unverbrannte Benzin verlässt den Motor als Rauch. Deshalb qualmt der Motor mehr.

Bei Mitochondrien passiert das gleiche. Mitochondrien funktionieren genau wie ein Feuer und/oder ein Verbrennungsmotor. Unter der Zuhilfenahme von Sauerstoff werden im Mitochondrium organische Materialien wie Fette und/oder Zucker verbrannt. Sie werden wirklich verbrannt. Dabei entsteht Energie, Wärme und Kohlendioxid. Wie bei einem echten Feuer.

Und auch die Mitochondrien fangen an zu qualmen, wenn nur noch ein unvollständiger Verbrennungsprozess stattfindet. Wenn Mitochondrien an Funktion verlieren, dann können sie die organischen Materialien wie Zucker und Fette nicht mehr adäquat verbrennen. Daher produzieren sie weniger Energie. Und dadurch entsteht Qualm. Dieser Qualm nennt sich im Mitochondrium oder in der Zelle dann aber nicht „Qualm“, sondern oxidativer Stress. Aber im Endeffekt ist es einfach nur das Resultat eines inkompletten Verbrennungsprozesses.

Mitochondrienselektion – Der schwächste fliegt

Wenn unfunktionale Mitochondrien dazu gezwungen werden Energie zu produzieren, dann produzieren sie zuviel Qualm (oxidativen Stress), ersticken daran, leiten den programmierten Zelltod ein, und sterben dadurch.

Ist das gut oder schlecht?

Naja, wenn du dir überlegst, dass von den 1000 Mitochondrien, die du in jeder Zelle hast, nicht alle gleich unfunktional sein können, dann kann es eine sehr hilfreiche Sache sein in regelmässigen Abständen die schwächsten 20% sterben zu lassen. Absichtlich.

Denn alle Mitochondrien teilen sich ständig und vermehren sich dadurch ständig. Nur wenn man die schwächsten 20% in regelmässigen Abständen aussortiert, dann steigt die evolutionäre Fitness der eigenen Mitochondrienpopulation! Das Aussortieren von Mitochondrien, und dann selektive Absterben von Mitochondrien nennt sich Mitophagie.

Regelmässige Mitophagie sorgt dafür, dass die eigene Mitochondrienpopulation nicht genetisch degeneriert. Mitophage erhält den evolutionären Selektionsdruck auf die Mitochondrien, dass einfach nicht jedes Mitochondrium durchkommt. Nur die besten sollen durchkommen. Ja. Das ist eine leistungsbasierte Gesellschaft in deiner Zelle. Aber natürlich nur wenn du Leistung suchst. Wenn du nicht nach Leistung suchst, dann bist du hier falsch. Wir hatten schon Klienten, die gesagt haben : „Ne das will ich nicht. Ich will nicht, dass meine Mitochondrien nur nach Leistung bewertet werden und dass die schlechtesten 20% sterben müssen.“. Daraus können interessante Philosophische Diskussionen entstehen. Am Ende steht aber immer eine Entscheidung : Ich oder die Ideologie? Wer sich dafür entscheidet lebendig leben zu wollen, der lebt stolz damit seine Mitochondrien auszusortieren, die nicht die Leistung bringen, die man von ihnen erwartet.

Mitophagie in der Praxis

Wie schafft man es denn gezielt die schwächsten 20% auszusortieren? Wie schafft man es akute und gezielte Mitophagie zu betreiben?

Unser Körper hat einige Säuberungsmechanismen mit denen er die Zelle von unbrauchbarem Material befreit und in dem Zuge werden auch schwache Mitochondrien aussortiert. Diese Säuberungsmechanismen werden vor allen Dingen in Gang gesetzt während der Tiefschlafphasen und während Fastenzeiten. Je länger und tiefer die Tiefschlafphasen und je regelmässiger man Fastenzeiten einlegt, desto besser funktioniert die mitochondriale Selektion und Aussortierung von schlechten Mitochondrien. Das sind die beiden wichtigsten Mechanismen. Ohne viel Tiefschlaf und ohne regelmässige Fastenzeiten wird die mitochondriale Qualität über die Jahre sinken.

Was bedeutet „Fastenzeit“?

Es geht darum, dass die Zelle eine Unterversorgung mit Energie braucht. Das ist der Trigger um alte Mitochondrien auszusortieren und neue Mitochondrien zu bauen. Denn wenn die Zelle Energiearmut wahrnimmt (das funktioniert über eine Substanz die AMP heisst), dann wird Mitochondrienoptimierung gestartet. Wenn man allerdings ständig Energie (v.a. in Form von Zucker) im Blut zirkulieren hat, dann bekommt die Zelle selten bis nie diesen Reiz. Einfach mal 36 Stunden nichts zu essen ist daher eine der besten Sachen, die man für die eigenen Mitochondrien tun kann. Dadurch wird die Mitophagie gesteigert.

Chronische Mitophagie : Kann Mitophagie auch schlecht sein?

PGC-1a – Das Wachstumssignal für die stärkeren

Und jetzt stell dir vor es wäre dein Auftrag über die nächsten 10 Jahre die besten

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