Die Serotonin-Theorie der Depression: Eine umfassende Überprüfung der Beweise

Die Serotonin-Theorie der Depression ist nach wie vor einflussreich. In einer umfassenden Überprüfung haben Joanna Moncrieff und ihr Team die vorliegenden Beweise für einen Zusammenhang zwischen Depression und Serotonin-Konzentration oder -Aktivität synthetisiert und bewertet. Durch die Analyse der Forschung in sechs Hauptbereichen wollten sie herausfinden, ob es Hinweise darauf gibt, dass Depression mit einer verminderten Serotonin-Konzentration oder -Aktivität zusammenhängt.

Die Autoren führten eine systematische Suche in den Datenbanken PubMed, EMBASE und PsycINFO durch und identifizierten 17 Studien, darunter systematische Übersichtsarbeiten, Meta-Analysen und große Studien mit Datensätzen. Die Qualität der Studien wurde mit anerkannten Bewertungsinstrumenten wie AMSTAR-2 und STREGA bewertet.

Die Ergebnisse zeigen, dass es keine überzeugenden Beweise für einen Zusammenhang zwischen Depression und einer verminderten Serotonin-Konzentration oder -Aktivität gibt. Die meisten Studien fanden keine Hinweise auf eine verringerte Serotonin-Aktivität bei Menschen mit Depression im Vergleich zu Gesunden. Auch die Versuche mit Tryptophan-Depletion, bei denen versucht wurde, die Serotonin-Verfügbarkeit zu verringern, zeigten keine eindeutigen Auswirkungen auf die Stimmung.

Einige Studien deuteten jedoch auf eine mögliche erhöhte Serotonin-Aktivität hin, aber die Evidenz war sehr schwach und es bestand die Möglichkeit von Störfaktoren wie vorheriger Antidepressiva-Einnahme. Die genetischen Studien zeigten keinen Zusammenhang zwischen Genotypen des Serotonin-Transporters und Depression oder einer Interaktion zwischen Genotyp, Stress und Depression.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die vorliegenden Beweise keine konsistente Verbindung zwischen Serotonin und Depression und keine Unterstützung für die Hypothese liefern, dass Depression durch eine verminderte Serotonin-Aktivität oder -Konzentration verursacht wird. Einige Hinweise deuten sogar darauf hin, dass eine langfristige Einnahme von Antidepressiva zu einer Verringerung der Serotonin-Konzentration führen könnte.

Diese umfassende Überprüfung der wichtigsten Forschungsbereiche zum Thema Serotonin liefert keine überzeugenden Beweise für eine biochemische Grundlage der Depression. Es ist an der Zeit anzuerkennen, dass die Serotonin-Theorie der Depression nicht empirisch belegt ist.

Wie wirken dann Antidepressiva?

Eine Studie von Gałecki et al. (2018) untersuchte den anti-entzündlichen Mechanismus von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRIs). Die Autoren stellen fest, dass die Entzündungstheorie der Depression keine Zweifel mehr aufwirft und dass sowohl physischer als auch psychischer Stress das Risiko für das Auftreten von psychischen Störungen, einschließlich depressiver Störungen, erhöht. Die Autoren konzentrieren sich auf die mögliche antiinflammatorische Wirkung von SSRIs und SNRIs, die bisher unterschätzt wurde. 

Die Autoren führen eine Literaturrecherche durch und stellen fest, dass SSRIs wie Sertralin die Expression von entzündungsfördernden Zytokinen wie IL-1β und TNF-α reduzieren können. Darüber hinaus wurde eine verringerte Expression von Genen, die mit der Entzündungskaskade verbunden sind, wie z.B. ICAM1, VCAM1, COX2 und iNOS, nach der Behandlung mit Fluvoxamin beobachtet. Andere Studien haben gezeigt, dass SSRIs auch Auswirkungen auf die endotheliale Funktion, den Kynureninstoffwechsel und die HIV-Expression haben können.

Darüber hinaus untersuchen die Autoren auch die antiinflammatorische Wirkung von SNRIs wie Venlafaxin. Sie stellen fest, dass Venlafaxin die Auswirkungen von oxidativem und nitrosativem Stress reduzieren kann und eine protektive Wirkung auf Mikroglia hat. Darüber hinaus könnte die Aktivierung des noradrenergen Systems durch Venlafaxin zur Stressregulation beitragen.

Die Autoren schlagen vor, dass der antiinflammatorische Mechanismus einer der möglichen Wirkungsweisen von SSRIs und SNRIs sein könnte. 

Eine weitere Studie von Tynan et al. 2012 untersuchte die anti-entzündlichen Eigenschaften von SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRIs (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) auf Mikrogliazellen. Mikroglia sind die Hauptzellen im zentralen Nervensystem, die auf entzündliche Faktoren reagieren und regulieren. Die Forscher verglichen die Wirkungen von fünf verschiedenen SSRIs (Fluoxetin, Sertralin, Paroxetin, Fluvoxamin und Citalopram) und einem SNRI (Venlafaxin) auf die Produktion von Tumor-Nekrose-Faktor-a (TNF-a) und Stickoxid (NO) nach Stimulation mit Lipopolysaccharid (LPS). Die Ergebnisse zeigten, dass die SSRIs die TNF-a- und NO-Produktion der Mikrogliazellen effektiv hemmten. Es wurde auch festgestellt, dass die Wirkungen der SSRIs über den b-adrenergen Rezeptor und das cAMP-Signaltransduktionssystem vermittelt werden könnten. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die therapeutische Wirksamkeit von SSRIs und SNRIs möglicherweise teilweise auf ihren anti-entzündlichen Eigenschaften beruht.

Die moderne Perspektive auf die Depression

Die moderne Perspektive auf die Entstehung von Depressionen betrachtet sie nicht nur als psychische Erkrankung, sondern auch als Funktionssignal für einen Lebenswandel, als Stoffwechselerkrankung und als Auswirkung einer chronischen Entzündung. Diese Sichtweise eröffnet neue Möglichkeiten für das Verständnis und die Behandlung von Depressionen.

Eine aktuelle Studie unterstützt die Sichtweise von Depressionen als funktionelles Signal. Sie zeigt, dass die Betrachtung von Depressionen als wichtiges Signal zu adaptiveren Überzeugungen über Depressionen und einem geringeren Selbststigma führen kann. Indem wir Depressionen als Funktionssignal betrachten, können wir verstehen, dass sie auf etwas in unserem Leben aufmerksam machen möchte und uns helfen, Veränderungen vorzunehmen und Resilienz aufzubauen.

Nahrungsfaktoren in der Depression: Kann Fleisch heilen?

Es gibt Hinweise darauf, dass der Fleischkonsum mit einer besseren psychischen Gesundheit verbunden sein kann. Eine Meta-Analyse zeigte, dass Menschen, die Fleisch konsumieren, tendenziell niedrigere Raten von Depressionen und Ängsten haben als Menschen, die auf Fleisch verzichten. Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die genauen Mechanismen dieser Verbindung zu verstehen und zu bestätigen.

Carnitin, eine Substanz, die hauptsächlich in Fleisch vorkommt, wurde in Studien als wirksam bei der Behandlung von Depressionen identifiziert. Einige Studien haben gezeigt, dass Carnitin ähnliche Wirkungen wie Antidepressiva haben kann, jedoch ohne die Nebenwirkungen. Es wird angenommen, dass Carnitin den GABA/Glutamat-Haushalt beeinflusst, was bei Depressionen häufig gestört ist. Weitere Forschung ist jedoch erforderlich, um die genauen Mechanismen und die Wirksamkeit von Carnitin bei der Behandlung von Depressionen zu bestätigen.

Omega-3 Fettsäuren, insbesondere die essentielle Fettsäure Docosahexaensäure (DHA), spielen eine wichtige Rolle für die Gesundheit des Gehirns. Ein Mangel an Omega-3 Fettsäuren wird mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht, einschließlich Depressionen. Daher wird vermutet, dass die Supplementierung mit Omega-3 Fettsäuren eine vielversprechende Behandlungsoption für Depressionen sein könnte. Es sind jedoch weitere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit und genauen Mechanismen von Omega-3 Fettsäuren bei der Behandlung von Depressionen zu bestätigen.

Kreatin, eine Substanz, die in Fleisch und anderen Lebensmitteln vorkommt, wurde ebenfalls mit der Behandlung von Depressionen in Verbindung gebracht. Eine Studie zeigte, dass ein niedriger Kreatinspiegel mit einem höheren Risiko für Depressionen verbunden sein könnte. Die Supplementierung mit Kreatin könnte daher eine vielversprechende Option für die Behandlung von Depressionen sein. Weitere Forschung ist jedoch erforderlich, um die genauen Mechanismen und die Wirksamkeit von Kreatin bei der Behandlung von Depressionen zu verstehen.

Insgesamt deutet die moderne Perspektive darauf hin, dass die Ernährung und bestimmte Nährstoffe eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Depressionen spielen können. Insbesondere Fleisch, Carnitin, Omega-3 Fettsäuren und Kreatin könnten vielversprechende Ansätze für die Behandlung von Depressionen bieten. Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass weitere Forschung erforderlich ist, um diese Zusammenhänge und die Wirksamkeit dieser Behandlungsansätze zu bestätigen.

Quellen

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  1. Man sollte dabei vielleicht genauer eingrenzen, welche Depression man betrachtet. Es gibt viele Hinweise darauf, dass Antidepressiva bei sog. mittelschweren Depressionen schlicht keine Wirkung besser als Placebo haben. Ein Ergebnis, welches mir als Psychotherapeut täglich begegnet. Das soll nicht heißen, dass es keinen Seele/Körper-Kreislauf gibt und dass die körperliche Perspektive unwichtig ist. Doch wird diese wohl vor allem für schwere, evtl. psychotische Depression, Winterdepression, oder Ähnliches zentral sein. Kurz, es macht für mich Sinn, von depressiven Erkrankungen zu reden, statt von DER Depression und hier genau hinzuschauen.