MOJO ARTIKEL

Behandlung der Fibromyalgie
Fibromyalgie Schmerzen

Geschrieben von Dr. Gerrit Keferstein

Dr. Gerrit Keferstein ist Arzt und Gründer des MOJO Instituts.

Die Fibromyalgie ist in der Medizin häufig eine Ausschlussdiagnose bei chronischen Schmerzen und die Behandlung beschränkt sich dann meist auf Schmerzmedikation. „Da kann man nichts machen“, ist ein Satz, den Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie häufig von Ärzten hören, die sich nicht tief mit der Pathophysiologie und allen Behandlungsmöglichkeiten der Fibromyalgie auskennen.

Dies bereitet wenig Hoffnung, so dass Depressionen und andere psychosoziale Erkrankungen wichtige Begleiterscheinungen der Fibromyalgie werden können.

Fibromyalgie an der Ursache behandeln

Die Regenerationsmedizin geht einen Schritt weiter und befasst sich mit den funktionellen und zellulären Ursachen der Fibromyalgie, anstatt sie nur symptomatisch mit Schmerzmitteln zu behandeln. Sie befasst sich mit biologischen Ursachen und biologischen Lösungen. Diese sind u.a. :

chronische Entzündung bei der Fibromyalgie :

Menschen mit Fibromyalgie zeigen häufig ausgeprägte Symptome einer chronischen Immunaktivierung (subklinische Inflammation, low grade inflammation, chronische Entzündung). Durch diese Entzündung herrscht Gehirnnebel, chronische Müdigkeit, Müdigkeit nach dem Essen, chronisch-entzündliche Schmerzen, Sehnenansatzprobleme, sowie reduzierte Schlafqualität. Diese chronische Entzündung ist labordiagnostisch nicht immer über den CRP Wert erkennbar, sondern häufig erst auf den zweiten oder dritten Blick in Zytokinprofilen. Zu einer erfolgreichen Behandlung von Fibromyalgie gehört eine ausführliche Diagnostik, auch mit Blick auf chronische Entzündung.

Mitochondriale Schädigung und Fibromyalgie :

Die mitochondriale Energiebereitstellung ist bei Fibromyalgie häufig eingeschränkt. Mitochondrien können dysfunktional sein und die mitochondriale DNA (mtDNA) dieser dysfunktionalen Mitochondrien wirkt bei Blutzirkulation hoch-entzündlich, was ein allgemeines fiebriges Abgeschlagenheitsgefühl nach körperlicher Aktivität erklärt. Dies wird auch post-exertional Malaise (P.E.M.) genannt. Die mitochondriale Schädigung ist in vielen Fällen durch eine geduldige und individualisierte mitochondriale Behandlung reversibel. Dazu nutzt man die Methode der „Mitohormesis“ um Mitochondrien wieder zu vermehrtem Wachstum anzuregen. Dies ist ein wichtiger Faktor für eine erfolgreiche Behandlung von Fibromyalgie.

Autonome Dysfunktion (Dysbalance des Nervensystems) :

In unseren Messungen stellen wir eindeutig fest, dass Menschen mit Fibromyalgie häufig eine autonome Dysfunktion auf Ebene des ventralen Vagusnervens haben, was sich in einem schlechten vagalen Tonus zeigt. Dieser hat zur Folge : orthostatische Dysregulation mit Schwindel/Ohnmachtszuständenn, reduzierte Stammzellaktivität mit reduzierter Regenerationsfähigkeit, Störungen der Kälte/Wärmeregulation, Störungen der sozialen Navigation mit Gefühlen von Einsamkeit und fehlender Verbindung, sowie innerer Unruhe. Dieses fehlregulierte Nervensystem spielt eine grosse Rolle bei Fibromyalgie und sollte in einer Behandlung für Fibromyalgie adressiert werden.

Störungen des Zellstoffwechsels bei Fibromyalgie :

Aufgrund der reduzierten mitochondrialen Funktion findet sich bei Patientinnen/Patienten mit Fibromyalgie häufig ein dominanter anaerober Zellstoffwechsel, der erhöhte Ruhelaktatwerte und eine chronische Übersäuerung zur Folge hat. Diese äussert sich in chronischer Muskelsteifigkeit, Verspannungen, Müdigkeit, sowie reduzierter Regenerationsfähigkeit. Aufgrund dieser chronischen, zellbasierten Übersäuerung finden viele Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie zu einer säurearmen, veganen Ernährung, die die Symptomatik aufgrund der speziellen Mikronährstoffkomposition chronisch verschlechtern kann und nichts an der eigentlichen Ursache der zellbasierten Übersäuerung ändert. Um die Fibromyalgie erfolgreich zu behandeln sollte der Zellstoffwechsel analysiert werden und über eine gezielte (Mikro)nährstoffoptimierung behandelt werden.

Hypersensibilisierung des Nervensystems :

Bei Fibromyalgie findet sich eine häufig Hypersensibilisierung des Nervensystems mit erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen, aber auch gegenüber Geräuschen, Gerüchen und anderen Sinnesempfindungen. Dies hat mit einer chronischen Aktivierung des Hinterhorns im Rückenmark zu tun, aber auch mit chronischer Glutamattoxizität des Gehirns (excitotoxicity), sowie einer Langzeitpotenzierung chronischer Schmerzrezeptoren (NMDA-Rezeptoren). Dies trägt zur Chronifizierung bei Fibromyalgie bei.

Therapiemüdigkeit bei Fibromyalgie

Die Behandlungsmöglichkeiten all dieser funktionellen Störungen sind zahlreich und es finden sich für jeden Patienten individuelle Therapiemöglichkeiten um den Körper Schritt-für-Schritt immer weiter zu gesunden. Eine Hürde dabei ist die initiale Motivation eine solche Behandlung zu beginnen, denn die Ursachen für diese Erkrankungen finden sich im biopsychosozialen Kontext, also in der Biologie, sowie der Psychologie und den sozialen Verbindungen.

Viele Patientinnen und Patienten haben schon zahlreiche Behandlungen ausprobiert. Diese ist häufig ohne kompetente ganzheitliche Anleitung erfolgt, so dass immer nur einzelne Insellösungen probiert wurden ohne sie innerhalb einer ganzheitlichen Strategie einzusetzen. Daraus entsteht viel Verzweiflung und eine gewisse „Therapiemüdigkeit“, die eine erfolgreiche Behandlung der Fibromyalgie erschwert.

Therapien, die in der Lage sind eine solche Therapiemüdigkeit zu durchbrechen, deutliche Resultate zu liefern und damit wieder Motivation und Hoffnung zu säen sind für uns in der Regenerationsmedizin immer wichtige Behandlungsoptionen.

Ketamin als Behandlungsoption bei Fibromyalgie

Einer dieser Türöffner ist die Ketamin-augmentierte Infusionstherapie. Bei dieser wird das dissoziative Schmerzmittel Ketamin per Infusion verabreicht. Eine Therapie besteht aus einer Serie von bis zu 6 Infusionen über 2-4 Wochen.

Ketamin wirkt an den Chronifizierungsrezeptoren (NMDA-Rezeptoren) und kann so chronische Zustände durchbrechen. Ausserdem ist Ketamin ein potentes Schmerzmittel, was den Patientinnen und Patienten bereits in der ersten Behandlung körperliche Schmerzen nehmen kann.

Ketamin wirkt dissoziativ, was bedeutet, dass Körper und Geist dosisabhängig entkoppelt werden. Dies gibt dem Geist die Möglichkeit mit einem freien, unbefangenen Blick auf die aktuelle Lebenssituation zu blicken. Zu guter Letzt hat Ketamin anti-entzündliche Wirkungen auf das Gehirn, so dass damit Neuroinflammation (Entzündung des Gehirns) behandelt werden kann.

Ist Ketamin auch für mich zur Behandlung der Fibromyalgie geeignet?

Aufgrund dieser Wirkungen ist Ketamin in der Medizin inzwischen eine beliebte -wenn auch umstrittene- Substanz und kann auch bei Fibromyalgie immer ein wichtiger Teil einer erfolgreichen Behandlung sein.

Wir haben einen interaktiven Fragebogen entwickelt, der dir helfen kann herauszufinden, ob eine Ketamin-augmentierte Therapie für dich geeignet ist. Diesen findest du HIER.

Quellen

Pastrak, Mila, Alaa Abd-Elsayed, Frederick Ma, Bruce Vrooman, and Ognjen Visnjevac. 2021. “Systematic Review of the Use of Intravenous Ketamine for Fibromyalgia.” The Ochsner Journal 21(4):387–94.

Sluka, Kathleen A. and Daniel J. Clauw. 2016. “Neurobiology of Fibromyalgia and Chronic Widespread Pain.” Neuroscience 338:114–29.

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