Ketamin – ein Perspektivwechsel auf mehreren Ebenen

Ketamin – ein Perspektivwechsel auf mehreren Ebenen

Ketamin ist eine vielseitige Substanz, deren ursprüngliche Klassifikation als reines Narkosemittel in aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten überdacht wird. Ketamin wird seit etwa 60 Jahren weltweit verlässlich als Narkosemittel eingesetzt, primär bei Notfällen und Operationen. Seit 20 Jahren werden aber auch noch wichtige andere Wirkungen dokumentiert:

„Manche Autoren haben die Entdeckung von den raschen und robusten antidepressiven Effekten des N-methyl-D-Aspartat (NMDA) Rezeptorantagonisten Ketamin als den wichtigsten Fortschritt der Psychiatrie des letzten halben Jahrhunderts beschrieben.”

Lacerda et al. 2020

Zu den häufigsten Neuerkrankungen der letzen Jahre zählen weltweit -neben den Stoffwechselerkrankungen- vor allem psychische Leiden. In der Gruppe der psychischen Erkrankungen sind es wiederum die Depressionen, die sehr weit verbreitet und pharmakologisch nicht ausreichend therapiebar sind. Die eingesetzten Medikamente sind entweder nur kurz oder gar nicht wirksam, dazu kommen mögliche Kurz- und Langzeitfolgen der Behandlung mit Psychopharmaka.  

Was ist eigentlich Ketamin?

Warum ist diese Substanz so vielseitig? Was sind die neuen Einsatzmöglichkeiten, die aktuelle Studien nahelegen?

In den 1960er Jahren beauftragte der Pharmakonzern Parke-Davis in den USA den Pharmakologen Calvin L. Stevens damit, ein möglichst schonendes Narkosemittel zu entwickeln. 1962 gelang es dem Wissenschafter, Ketamin herzustellen. Seit der Markteinführung 1965 wird Ketamin vor allem in der Notfallmedizin eingesetzt, da es schnell und nur kurz wirkt. Im Vergleich zu anderen Schmerz- oder Narkosemitteln hat es außerdem weniger Nebenwirkungen; Atmung und Blutdruck werden nicht beeinträchtigt.

Wie bei vielen Medikamenten ist der genaue Wirkmechanismus bei Ketamin noch nicht vollständig geklärt. Ketamin wirkt an verschiedenen Rezeptoren. Vor allem hemmt es den N-methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptor. 

NMDA Rezeptoren sind in fast allen Zellen des zentralen Nervensystems zu finden; werden sie blockiert, kann das Schmerzen lindern und sensorische Reize reduzieren. Studien belegen auch noch zusätzliche Wirkungen, etwa bei nikotinischen, muskarinisch-cholinergen, monoaminergen sowie Opiodrezeptoren. Welche dieser komplexen Rezeptoraktivitäten letztlich die gewünschte Wirkung im Menschen hervorrufen, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.

Der Abbau von Ketamin erfolgt in erster Linie über die Leber, ausgeschieden wird die Substanz schlussendlich über die Nieren und den Urin. 

Vor etwa 20 Jahren begann die Forschung, Ketamin als bewährte und sichere Substanz in der Behandlung von Depressionen einzusetzen. Die Ergebnisse im klinischen Forschungsbereich sind vielversprechend. Besonders beeindruckend ist der rasche Eintritt der Wirkung und die anhaltenden Effekte, auch noch lange nach der Behandlung. Häufig ist schon nach wenigen Minuten ein antidepressiver Effekt zu beobachten. Nach einer einzigen intravenösen Ketamingabe wurden akute antidepressive Effekte von über 60% beschrieben, über 40% immerhin noch nach sieben Tagen.

In der modernen augmentierten Therapie, wie wir sie im MOJO Institut anbieten, profitiert man beim Ketamin vor allem von der NMDA-Blockade mit der vorübergehenden Aktivierung des limbischen Systems (Emotionen) und der Hemmung des frontalen Kortex (Gedanken).

“Studien mit einmaliger und mehrmaliger intravenöser Ketamingabe haben signifikante antidepressive und wahrscheinlich auch antisuizidale Effekte in der Akuttherapie beschrieben, mit Erfolgsraten von über 60% nach 4,5 Stunden nach Einmalgabe und einer anhaltenden Wirkung über einen Zeitraum von 24h und einer über 40%igen Wirkung nach 7 Tagen.

Molero et al. 2018

Ein weiteres Einsatzgebiet, das noch wenig bekannt ist, ist der Einsatz von Ketamin bei akuten Infektionskrankheiten wie etwa Covid-19. In der stationären wie auch ambulanten Behandlung von Covid-19 PatientInnen hat sich Ketamin als hilfreich erwiesen, weil es oft auf mehreren Ebenen eine schnelle Wirkung zeigt.

In Studien konnte gezeigt werden, dass auf der Entzündungsebene das Interleukin-6 (IL-6) und das C-reaktive-Protein (CRP) durch die Verabreichung von Ketamin reduziert werden konnten. 

Diese Ergebnisse zeigen, dass Ketamin auch bei einer Covid-19-Erkrankung einen anti-entzündlichen Effekt haben kann.

Auch in der Covid-19 Therapie ist die antidepressive Wirkung besonders hilfreich. Denn 50% der stationären Covid-19 PatientInnen gaben an, dass sie während ihrer Erkrankung depressiv waren; weitere zehn Prozent litten nach einer Covid-19 Infektion an einer anhaltenden Depression oder posttraumatische Belastungsstörung. Auf der schmerztherapeutischen Ebene kann Ketamin ebenfalls eine hilfreiche Substanz sein. Viele Covid-19-PatientInnen klagen ja über Schmerzen in der Brust, Schmerzen bei der Atmung und vor allem über starke Gliederschmerzen. Herkömmliche Schmerzmittel haben oft Nebenwirkungen oder wirken nicht ausreichend; da kann Ketamin zum Einsatz kommen, weil es einen anderen Wirkmechanismus als herkömmliche Schmerzmittel hat.

Wie setzen wir Ketamin bei MOJO ein?

Wir betrachten Ketamin vor allem als wichtige Hilfe zum Wechsel der Perspektive. Neben all den oben beschriebenen Möglichkeiten, erscheint uns der neue Blick auf die eigene Lebenssituation als besonders heilsam. Ein bedeutender Teil jeder Erkrankung ist ja das fehlende Vermögen, loslassen zu können. Wir stecken oft in alten Verhaltensmustern und in alten Sichtweisen fest. Ketamin hilft uns dabei, alte Verhaltensmuster als solche zu erkennen. Dabei ist vor allem das „Standardmodusnetzwerk“ (Default Mode Network, DMN) im Gehirn von Bedeutung. Das DMN ist ein Verband von Gehirnregionen, der beim biographischen Denken (dem Ego) aktiviert und beim Lösen von Aufgaben deaktiviert wird. Da eine fehlgesteuerte Aktivierung des DMN ein Hindernis in der Bewältigung von Krankheit sein kann, ist eine mögliche Regulation durch Ketamin hilfreich. Denn Ketamin hemmt das DMN und verbindet Gehirnareale, die im Normalzustand nicht mehr miteinander kommunizieren.

Eine Ketamin-Infusionstherapie kann eine wertvolle Hilfe dabei sein, den persönlichen Horizont zu erweitern und neue neurologische Verbindungen zu schaffen. Dabei sehen wir bei MOJO die Substanz als eine Art Lehrmeisterin, die uns Menschen eine Zeit lang begleitet, damit wir unbewusste Muster in uns erkennen und neue Perspektiven entwickeln können.

Wenn du Interesse an einer Ketamintherapie bei uns hast, dann schau gerne bei https://mojo-institut.de/ketaminreise/ vorbei und sprich direkt mit einem unserer Ärzte von MOJO Medicine. Sie haben schon einiges an Erfahrung gesammelt und können gut abschätzen, ob die Therapie für dich in Frage kommt.

QUELLEN

  1.  Lacerda AL (2020). „Esketamine/ketamine for treatment-resistant depression“. Braz J Psychiatry. 42 (6): 579–580. doi:10.1590/1516-4446-2020-0996. PMC 7678896. PMID 32401866. 
  2. Molero P, Ramos-Quiroga JA, Martin-Santos R, Calvo-Sánchez E, Gutiérrez-Rojas L, Meana JJ (May 2018). „Antidepressant Efficacy and Tolerability of Ketamine and Esketamine: A Critical Review“. CNS Drugs. 32 (5): 411–420. doi:10.1007/s40263-018-0519-3. PMID 29736744. S2CID 13679905.
  3.  Weinbroum AA. Non-opioid IV adjuvants in the perioperative period: pharmacological and clinical aspects of ketamine and gabapentinoids. Pharmacol Res. 2012;65(4):411–429.
  4. Nesher N, Serovian I, Marouani N, Chazan S, Weinbroum AA. Ketamine spares morphine consumption after transthoracic lung and heart surgery without adverse hemodynamic effects. Pharmacol Res. 2008;58(1):38–44.
  5.  Park HY, Jung J, Park HY, Lee SH, Kim ES, Kim HB, et al. Psychological consequences of survivors of COVID-19 pneumonia 1 month after discharge. J Korean Med Sci. 2020;35(47):e409. 
  6. Zacharias N, Musso F, Müller F, Lammers F, Saleh A, London M, de Boer P, Winterer G. Ketamine effects on default mode network activity and vigilance: A randomized, placebo-controlled crossover simultaneous fMRI/EEG study. Hum Brain Mapp. 2020 Jan;41(1):107-119. doi: 10.1002/hbm.24791. Epub 2019 Sep 18. PMID: 31532029; PMCID: PMC7268043.